Im Angebot: Versicherung gegen Hacker - DER SPIEGEL
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Im Angebot Versicherung gegen Hacker

Neue Geschäftswelt, neue Risiken: Als Anfang des Jahres mehrere führende E-Commerce-Unternehmen durch so genannte "Denial of Service"-Attacken lahm gelegt wurden, bezifferten die Betroffenen ihren Schaden auf über 2,5 Milliarden Dollar. Zum Glück kann man sich gegen solche Dinge ja versichern - oder etwa nicht?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am 5. April 2000 flatterte zahlreichen Redaktionen folgende Pressemitteilung auf den Tisch: "Erste 'Hacker'-Versicherung für Unternehmen im Internet".

Man stelle sich das einmal vor: Da hackt sich wer den Weg auf einen Firmenrechner, lässt abstürzen, löscht, fälscht - und richtet Schaden nicht nur an der Software an, sondern schädigt schlicht das Geschäft. Dagegen ist - im Extremfall - ein kleiner Hausbrand schon fast eine Lappalie. Denn Deutschlands Unternehmenswelt ist längst digital - egal, ob sich ein Unternehmen auch im E-Commerce versucht, oder sich "nur" als klassisches "Bricks-and-Mortar"-Unternehmen auf eine ausgewachsene EDV stützt.

Da kommt dieses Angebot gerade recht: "Die Marsh GmbH bietet als erster Anbieter weltweit eine neue und einzigartige Versicherungsmöglichkeit für Unternehmen im Internet: Ein umfangreiches Versicherungspaket zur Absicherung der hohen Umsatzverluste, die bei Betriebsunterbrechungen insbesondere im Internet entstehen können - sozusagen die 'Versicherungs-Firewall'."

Sozusagen. Das krasseste Beispiel für solch eine "Betriebsunterbrechung" bietet das Unternehmen gleich selbst an: "Die Angriffe auf das Internet-Portal Yahoo, den Online-Aktienhändler E-Trade oder das Bücherhaus Amazon haben nach Aussagen von Analysten den Anlegern einen Börsenverlust von fast 2,5 Milliarden Dollar beschert. Dazu kommen schätzungsweise 250 Millionen Dollar Umsatzverluste und nun fällige Refiguration."

Thomas Mallinckordt vom Haftpflichtverband der Deutschen Industrie HDI hält "Hacker-Versicherungen" für nicht ganz so unproblematisch: "EDV-Versicherungen bietet die Versicherungsindustrie ja schon seit langem. Auch unser Unternehmen bietet Pakete an, die zum Beispiel das Risiko eines Einbruchs von außen abdecken, oder die Verseuchung mit einem Computervirus. Das sind Fälle, in denen uns der Versicherte nachweisen kann, dass er adäquate Sicherheitsmaßnahmen ergriffen hat, um sein und unser Risiko zu minimieren. Wenn es dann doch geschieht, greift die Versicherung."

Aber, meint Mallinckordt, der Fall läge ja schon anders, wenn es zum Beispiel um Fälle wie die bekannt gewordenen Denial-of-Service-Attacken geht. "Die Versicherungsindustrie kennt Leistungspakete, die zum Beispiel bei Betriebsunterbrechungen greifen." Er sucht nach Analogien. "Aber für so etwas müssen Gründe zu definieren sein, die das Versicherungsrisiko kalkulierbar machen. Niemand kann sich dagegen versichern, dass vor der Einfahrt seines Werkes gerade Stau herrscht und die Produktion darum nicht weiterlaufen kann."

Auch ein klassisches Spamming, das gezielte "Zumüllen" eines E-Mail-Accounts, führe schließlich zu nicht mehr als einem zugemüllten Briefkasten. Wer wollte hier eine Risikokalkulation vornehmen?

Gerhard Ohle von der Axa Colonia kann sich da nur anschließen. "Wir bieten seit Jahren so genannte Vertrauensschaden-Versicherungen an, gegen den Fall, dass ein Mitarbeiter von innen schädigend in die EDV eingreift. Solche Pakete sind inzwischen ausgedehnt auch auf Angriffe durch Dritte, zum Beispiel durch Hacker."

Doch auch für die Axa Colonia gilt, dass Riskiken irgendwie kalkulierbar sein müssen: Der Kunde muss dem Versicherer nachweisen, dass er sich mit entsprechender Software, "mit Firewalls und Virenscanner" gegen solche Attacken sichert. Für Fälle wie die Denial-of-Service-Attacken gilt für ihn: "Es ist außerordentlich schwierig, solch ein Risiko zu berechnen".

Problematisch sind die Zahlen, mit denen agiert wird. Wenn Ausfallzeiten wie im Falle der großen E-Händler gleich mit Milliardenbeträgen berechnet werden, zu was für Versicherungsprämien soll das führen? Thomas Mallinckordt: "Man kann sich gegen Ausfallzeiten versichern. Aber wenn ein Kunde stunden- oder tagelang versucht, Ihre Website anzusurfen, um dort einzukaufen, was für ein Imageschaden wird dadurch verursacht? Kommt der Kunde wieder? Spricht sich das herum? Verkaufen deshalb Leute ihre Aktien des betroffenen Unternehmens? Und sind das Ansprüche, für die eine Versicherung Ersatz zu leisten hätte?"

Die Marsh GmbH, sagt Dirk Grote, Produktentwickler beim Versicherungsmakler. "Marsh deckt alle Risiken ab, auch Schäden, die Dritte erleiden". Was das bedeutet, entdeckt man auf Nachfrage: "Es ist ja zum Beispiel vorstellbar, dass ein Unternehmen im Business-to-Business-Bereich Betriebsausfälle hat und dadurch Handelspartner Schäden erleiden".

Doch was ist mit den 2,5 Milliarden, die in der Pressemitteilung erwähnt werden? Deckt das Paket wirklich das volle finanzielle Risiko einer Denial-of-Service-Attacke ab? Grote: "Dabei geht es um den so genannten Bilanzschutz. Wenn ein Unternehmen zum Beispiel 250 Millionen Dollar weniger Umsatz macht, dann hat das Auswirkungen auf die Börse. Hier greift der Bilanzschutz: Wir versichern eine Deckung des durch den Betriebsausfall verursachten Schadens in voller Höhe - und dadurch sollte es erst gar nicht zum Bilanzschaden kommen. Wenn der Aktionär weiß, dass die 250 Millionen Dollar gar nicht in der Bilanz auftauchen werden, weil wir dafür aufkommen, kommt es womöglich ja gar nicht erst zum Absturz der Aktie."

Ach so. Die Risken, versichert Grote, werden durch das dahinter stehende Versicherungskonsortium genauestens analysiert. "Natürlich verlangt eine Versicherung von ihrem Kunden ein Sicherheits-Audit, natürlich muss der Kunde nachweisen, dass er sich gegen Risiken schützt." Das Versicherungspaket sei "fertig", könne so verkauft werden. "Natürlich muss es auf jeden einzelnen Kunden zugeschnitten werden" - genau wie bei der Konkurrenz. Grote: "Und natürlich erhöht sich der Versicherungsbeitrag entsprechend dem Risiko".

Die neue Ökonomie mag neue Risiken mit sich bringen. Neue Versicherungen hat sie bisher nicht hervorgebracht - nur neue Namen. Eine Hackerversicherung gefällig? Fragen Sie einen Vertreter Ihrer Wahl.