Industriedesign Von Menschen und Mäusen
Die Wahrheit steht wie so oft in "Harenbergs Lexikon der Sprichwörter & Zitate", genauso genommen auf Seite 835. "Es ist kein Haus ohne eine Maus (Deutsches Sprichwort)" steht da geschrieben - und genau so ist es auch: Die Computermaus ist omnipräsent. In den vergangenen 20 Jahren hat sie in den Industrieländern dieses Planeten die Mehrzahl aller Haushalte und praktisch jedes Büro erreicht. Allein Marktführer Logitech hat seit Firmengründung mehr als eine halbe Milliarde Mäuse unters Volk gebracht.
Wie sich das Erscheinungsbild des durchschnittlichen Schreibtischnagers im Laufe der Zeit geändert hat, davon können sich Besucher im Europa-Hauptquartier der Firma, im schweizerischen Romanel-sur-Morges in der Nähe von Lausanne überzeugen: Die Ahnengalerie hängt gleich links hinter der Eingangstür. Etwa fünf Dutzend Mäuse aus der Produktion von Logitech sind hier in einer Glasvitrine ausgestellt.
Wirft man einen Blick darauf, wird schnell klar, wie stark sich das Eingabegerät verändert hat: Was Anfangs noch in apartem computer-grau daher kam, wie etwa im Jahr 1985 das Modell "C7", das ungefähr so aufregend aussah, wie es hieß, ist längst eine bunte Angelegenheit geworden. Und auch die Design-Maxime der Maus-Steinzeit - "quadratisch-praktisch-gut" - gilt längst nicht mehr. Seit Mitte der Neunziger dominieren fließende, ergonomische Formen.
Die Mäuse, so sieht man es in der Vitrine, sind einer stetigen Entwicklung unterworfen. Und dafür braucht es - ganz richtig - einen Mausdesigner. Bei Logitech heißt er allerdings inzwischen hochtrabend Cordless-Desktop-Designer. Mit schnöden Mäusen will man hier nichts mehr zu tun haben.
Der "Schnurlose Schreibtisch" ist eine Klasse von Produkten, die das Unternehmen quasi erfunden hat. Es geht um das Ensemble von Maus und Tastatur - und zwar beides ganz ohne Kabel, anzutreffen auf immer mehr deutschen Schreibtischen. Und Logitech verdankt einen guten Teil seines unternehmerischen Erfolgs - vergangenes Jahr stieg der Firmengewinn um 65 Prozent auf knapp 67 Millionen US-Dollar - Produkten wie dem "Cordless Desktop". Das Erfolgsrezept dabei: Kunden geben freiwillig mehr Geld für etwas aus, das sie auch billiger haben könnten - aber dann mit weniger Komfort.
Eine Verkörperung dieses Prinzips ist auch Logitechs neuestes Aushängeschild, das Drahtlos-Ensemble aus Maus und Tastatur mit dem klangvollen Namen "diNovo". Mit einem Verkaufspreis von rund 300 Euro wird es seit gut drei Monaten vor allem Technik- und Designliebhabern schmackhaft gemacht. So spricht Logitech-Mitarbeiter Alexis Richard, der an der Entwicklung von "diNovo" beteiligt war, dann auch von einem "Super-High-End-Produkt".
Die ersten Entwürfe für das Schnurlos-Ensemble, das mit dem Bluetooth-Funkstandard kommuniziert, lieferten zwei freiberufliche Designer aus Irland. "Am Anfang ließen wir sie einfach darauf los spinnen", sagt Richard. Als sich aus den Ideen mehrere Grundtypen für das Projekt mit dem Codenamen "Toby" herauskristallisierten, wurden diese Entwürfe dann gedruckt, vergrößert und auf Kartonplatten geklebt.
Anschließend machten sich Techniker und Marketingexperten in der Schweiz über die Vorschläge her. "Einiges wird immer schnell ausgesondert", sagt Richard. Wenn etwa Tastaturen nach Ansicht der Ingenieure zu flach sind, um die nötige Elektronik unterzubringen, oder die Entwürfe nach Meinung der Vermarkter zu avantgardistisch sind, um sie an den Mann zu bringen, dann landen diese Designideen im Mülleimer.
Für den Entwurf, der sich im internen Rennen durchsetzt, wird in den Labors von Logitech ein Prototyp gebaut. Und der wird dann Schritt für Schritt perfektioniert: Hier wird mal eine überstehende Ecke abgerundet, dort mal ein Neigungswinkel einer Handauflage verändert. Das ganze läuft unter der Aufsicht eines US-amerikanischen Ergonomieforschers an der Universität Berkeley - dessen Namen Logitech aber nicht preisgeben will.
Und auch die möglichen späteren Nutzer werden schon lange vor dem avisierten Produktstart befragt: In so genannten "Focus Groups" bekommen etwa 30 auf Grund statistischer Daten ausgewählte Menschen pro Land die Bilder der Neuentwicklungen gezeigt. Außerdem sollen sie anhand von Modellen aus Holz oder Plastik und täuschend echt aussehenden Dummys ihre Meinung kundtun.
Und diese Meinung zählt. Bei "diNovo" wurden nach den Befragungen zum Beispiel Form und Lage bestimmter Bedienelemente verändert. Und auch die Farben und Materialien hängen von den Erwartungen der potenziellen Kunden ab: Weil vor allem Frauen keinen klassisch-hässlichen Computerlook im Wohnzimmer haben wollten, so Richard, habe man sich für Farben und Formen entschieden, die eher an eine Heimstereo-Anlage erinnern, als an einen PC: Mattschwarz, Grau und Silber.
Andererseits dürfe man sich aber auch nicht vollständig auf das Urteil der Kunden-in-spe verlassen, sagt Richard. "Wenn wir uns immer nur an den Testern orientieren, laufen wir Gefahr, nicht innovativ genug zu sein." Um im Rennen um die Innovation weiterhin die Nase vor zu behalten, suchen die Logitech-Designer einmal im Jahr die Farben und Oberflächenmaterialien für die kommenden Modelle aus.
Inspirationsquelle sind zum Beispiel die Lacke der Autoindustrie. Wie genau die Mäuse der Zukunft aussehen werden, das soll natürlich noch ein Firmengeheimnis bleiben. Fotos sind nicht erlaubt.