Interaktives Fernsehen: Ostdeutschland wird multimedial verkabelt - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Interaktives Fernsehen Ostdeutschland wird multimedial verkabelt

"Klammheimlich", ohne viel PR-Rummel hat das Unternehmen PrimaCom damit begonnen, den Osten der Republik breitbandig zu verkabeln. So soll Magdeburg bereits Anfang 2001 zur bestverkabelten Stadt der Republik werden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Magdeburg - Den Empfang von mehr als 50 TV-Programmen und Einkaufen per Fernbedienung macht das interaktive Fernsehen möglich. In die Installation der dafür benötigten Breitbandübertragungsnetze investiert allein die PrimaCom AG in diesem Jahr über 300 Millionen Mark.

Unklar ist noch, welche Zugangstechnik sich durchsetzen wird, da die Anbieter dabei auf die verschiedensten Modelle setzen. Die Palette reicht von der Ausnutzung der modernen Breitbandkabeltechnologien bis hin zum Internetanschluss aus der Steckdose, wie Andrea Scherner vom Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM) in Köln berichtet.

Die PrimaCom AG investiert schon kräftig. Fast unbeachtet von der Öffentlichkeit lässt das Unternehmen in zahlreichen Städten in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen graben. Über 300 Millionen Mark investiert es in den drei Bundesländern allein in diesem Jahr, um eines der modernsten Breitbandübertragungsnetze Europas zu installieren, wie Geschäftsführer Marcel Nijhoff sagt. Das Kabel ist zwar nur wenige Millimeter dick, verfügt aber mit 862 Megahertz über nahezu die doppelte Leistung des alten Netzes und liefert den Angaben zufolge die Basis für Highspeed-Internet, Digital-TV und interaktive Pay-per-view-Dienste.

"Das ist das Tor zur multimedialen Welt, in der Fernsehen, Internet und Telefonie immer mehr verschmelzen", schwärmt Thomas Chojnacki von der PrimaCom-Außenstelle in Magdeburg. In der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt sollen bis zum Frühjahr 2001 alle Haushalte die Möglichkeit haben, die Vorteile nutzen zu können. Ohne großen Aufwand, mit einer in der Wohnung installierten Buchse sowie einem Decoder können dann mehr als 50 TV-Kanäle empfangen werden. Antennen und Schüsseln sind nicht mehr nötig. Mit Pay per view, also dem Bezahlfernsehen, können sich die Nutzer aus der virtuellen Videothek die neusten Spielfilme auf den Bildschirm holen, für sechs Mark pro Film.

Im Gegensatz zum alten Kabel, das Filme und Sendungen in die Haushalte liefert, verfügt das PrimaCom-Netz zusätzlich über einen Rückkanal für Kundenwünsche. Damit können per Fernbedienung Möbel, Lebensmittel und andere Produkte aus dem Fernsehshop ausgewählt und bestellt, Reisen gebucht und das Konto geführt werden, wie Chojnacki erklärt. Der Fernseher übernehme damit die Funktionen, die heute noch dem Computer vorbehalten seien.

Zudem kommen die Internetfreunde auf ihre Kosten. "Unsere Glasfaserkabel ermöglichen ein Internet-Surfen mit 16facher ISDN-Geschwindigkeit", preist Nijhoff sein Produkt an.

Die PrimaCom entstand 1998 aus dem Zusammenschluss der Unternehmen Süweda und KabelMedia und ist seit Februar des vergangenen Jahres am Neuen Markt in Frankfurt am Main und an der amerikanischen NASDAQ notiert. 1999 erzielte das Unternehmen mit Hauptsitz in Mainz einen Umsatz von rund 207,2 Millionen Mark, was einem Wachstum von rund 114 Prozent entspricht. Dass sich PrimaCom als drittgrößter Kabelanbieter der Bundesrepublik vor allem in Ostdeutschland engagiere, sei kein Zufall, sagt Nijhoff. Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zählten schließlich zu den dynamischsten Regionen Europas. Mit 18,8 Prozent Marktanteil ist PrimaCom nach eigenen Angaben der größte private Kabelnetzbetreiber in den neuen Bundesländer.

Von Birgitt Pötzsch