Internet-Telefonie: Feind hört mit - DER SPIEGEL
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Internet-Telefonie Feind hört mit

Einfach den Rechner einschalten, Kopfhörer mit Mikrofon aufsetzen, ins Netz gehen, und das Telefonat mit der amerikanischen Tante kann beginnen. Breitbandverbindungen und kostengünstige Zugänge machen die Internet-Telefonie immer attraktiver. Was die Anwender freut, führt bei Polizei und Geheimdiensten zu neuen Begehrlichkeiten.
Von Michael Voregger
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schon vor einigen Jahren hat die amerikanische Bundespolizei FBI den Kongress überzeugt, die Telefonanbieter gesetzlich zur Mithilfe zu verpflichten. Die Unternehmen müssen auf Anforderung jederzeit die gewünschten Daten an die Sicherheitsbehörden liefern. Ausgenommen waren von dieser Regelung bisher die Anbieter von Internetdienstleistungen. Da bis zu 10 Prozent der weltweiten Telefongespräche über das Netz abgewickelt werden, wollen die amerikanischen Behörden auch diese Art der Kommunikation nun genau überwachen. Begründet wird das in gewohnter Manier mit dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus.

Ihre deutschen Kollegen haben es da etwas einfacher, denn die rechtliche Grundlage für die Kontrolle besteht bereits. "Die Internet-Telefonie fällt rechtlich gesehen in den Rahmen des §100a der Strafprozessordnung", sagt Dirk Büchner, stellvertretender Pressesprecher beim Bundeskriminalamt. "Aus kriminaltechnischen Erwägungen geben wir allerdings keine Auskunft." Ähnlich schweigsam geben sich die Kollegen vom Bayerischen Landeskriminalamt, die solche Überwachungen immerhin nicht grundsätzlich bestreiten. Das Bundesministerium der Justiz begnügt sich mit dem Hinweis auf die bestehende Rechtslage.

Dabei sind die deutschen Behörden bei der Kontrolle der Bürger schon seit langem besonders unternehmenslustig. Nach Angaben der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post ist die Zahl der klassischen Telefonüberwachungen weiter angestiegen. Die Telekommunikationsunternehmen haben der Regulierungsbehörde für das vergangene Jahr 21.874 richterliche Anordnungen gemeldet. Damit hat es in zehn Jahren bei der Anzahl überwachter Telefongespräche eine Zunahme von 350 Prozent gegeben.

Abhören? Kein Problem!

Ein Gespräch über das Netz basiert auf dem Internet-Protokoll und überträgt die Daten in einzelnen Paketen. Dabei werden für den Vorgang verschiedene Begriffe wie Internet Telefonie, IP Telefonie, Packet Voice und auch Voice over IP (VoIP) verwendet. "Im Prinzip ist Internet-Telefonie genauso abzuhören, wie jede andere Kommunikation über das Netz", erklärt Luigi Lo Iacono von der Universität Siegen, Diplomingenieur und Spezialist für Sicherheitstechnik. "Simple Bordmittel wie beispielsweise der Sniffer Aldebaran und ein Media Player reichen aus." Sniffer werden eingesetzt, um Probleme in einem Netzwerk zu erkennen. Für die Kommunikation mit multimedialen Daten sind zwei Übertragungswege notwendig. Über ein Signalisierungsprotokoll wird die Steuerung der Sitzung übernommen und technische Details ausgetauscht. Das eigentliche Telefonieren erfolgt dann über den Datenpfad.

Das erste Experiment zur paketorientierten Sprachübertragung fand 1974 in den USA zwischen Kalifornien und Massachusetts statt. Wirklich begonnen hat die Geschichte von VoIP 1995, als die israelische Firma VocalTel das erste Telefongespräch von Computer zu Computer ermöglichte. Viele Experten sahen schon düstere Zeiten für die Telefongesellschaften voraus, aber bis heute greifen die Menschen immer noch zum klassischen Telefon. Auf der gleichen Übertragungstechnik basiert die Videotelefonie. Hersteller wie Microsoft oder Apple bieten leistungsfähige Programme, die es auch dem Laien ermöglichen, mit bewegten Bildern zu kommunizieren. Das Abhören eines Telefonats ist für den normalen Nutzer nur ärgerlich, aber für Unternehmen kann es mitunter existenzbedrohend sein.

Sicherheit in Sicht

CommuniTrust ist ein Programm, das derzeit am Fraunhoferinstitut für Graphische Datenverarbeitung in Darmstadt entwickelt wird. "Der gesamte Datenverkehr wird verschlüsselt, und es besteht eine relative Sicherheit, dass niemand mithören kann. Audio-, Video- und Kontrolldaten sind nur für die Teilnehmer eines Gesprächs zu erkennen", sagt Frank Morbitzer, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter. "Das ist kein Telefonsystem im üblichen Sinne und ich bin mir derzeit auch nicht sicher, ob wir die staatlichen Auflagen erfüllen. Die Passwörter sind jedenfalls nur den Teilnehmern eines Gesprächs bekannt."

Wer schon heute auf Nummer sicher gehen will, der kann die Datenpakete mit dem "IP Security Protocol" verschlüsseln. Allerdings ist der Aufwand sehr hoch und die Übertragung wird merklich langsamer. "Eine elegante und nicht zu knackende Verschlüsselung bietet SRTP. Das "Secure Real-Time Transport Protocol" ist allerdings noch kein anerkannter Standard im Netz, was sich aber bald ändern wird", sagt Luigi Lo Iacono. "Selbst wenn die Strafverfolgungsbehörden einen Zugang zu den Internetprovidern bekommen, sieht es mit der Entschlüsselung der Daten schlecht aus." Der amerikanische Netzwerkspezialist CISCO hat die Unterstützung des Protokolls bereits angekündigt und es wird auch eine kostenlose Open-Source-Lösung geben. Keine guten Zeiten für die eifrigen Datensammler.