Internet-Telefonie Hal-lo-kannst-du- mich-hö-ren?
Der Internet-Telefonie gehört die Zukunft. Das jedenfalls meint das amerikanische Marktforschungs-Institut "Ovum". Die Fachleute feiern das Verschmelzen von Telefon und Computer als "Revolution in der Telekommunikationswelt". Das Argument: Wieso sollten Telefongesellschaften und Internet-Carrier zwei völlig voneinander getrennte Netze betreiben, wenn man beides - Internet-Surfen und Telefonieren - über ein einziges abwickeln kann? Durch die Synergie-Effekte könnte Telefonieren und Internet-Surfen billiger und eine Reihe neuer Anwendungen möglich werden.
Trotzdem ist der IP-Telefonie der Durchbruch bislang versagt geblieben. Das liegt vor allem an dem über 20 Jahre alten Internet-Protokoll (IP), welches nicht für das Übermitteln von Sprache entwickelt wurde. Dies wird deutlich, wenn man sich die Unterschiede zwischen dem herkömmlichen Telefonnetz und dem weltumspannenden Internet vergegenwärtigt: Jedem, der den Hörer von der Gabel nimmt und ein Gespräch beginnt, wird eine eigene, feste Leitung zugeordnet. Vor 100 Jahren wurden dazu in den Vermittlungsstellen entsprechende Verbindungen von Hand gesteckt, später stellten Relais einen elektronischen Kontakt her und heute - im digitalen Zeitalter - übernehmen Computer diesen Job. Doch das Prinzip bleibt gleich: Pro Gespräch eine freie Leitung.
Im Internet werden alle Daten - auch Sprachinformationen - in kleine Päckchen zerstückelt, bevor sie auf die Reise geschickt werden. Dabei kommt es häufig vor, dass die kleinen Informations-Schnipsel getrennte Wege gehen: Eines wählt die Nordroute über Skandinavien, das andere macht sich auf den Weg durch die Schweiz. Beim Empfänger werden die Puzzlestücke dann wieder zusammengesetzt. Dabei ist es egal, welches Teilchen zuerst ankommt. Hauptsache, am Ende sind alle da. Bei Sprache verhält sich das anders: Die Päckchen müssen ohne große Verzögerung nacheinander ankommen, sonst fehlen Silben und es kommt zu nervigen Pausen.
Das Internet braucht also eine Straßenverkehrsordnung: Pakete, die es besonders eilig haben, sollten Vorfahrt haben. Die Programme und Hardware dafür gibt es schon länger, nur haben bisher wenige Provider ihre Server umgerüstet. So könnten die Sprach-Päckchen einzelne Netzknoten, auf denen die neue Software bereits installiert ist, zwar mit Blaulicht passieren, bei den anderen bleiben sie aber nach wie vor im Stau stecken.
Neben einer Straßenverkehrsordnung benötigt das Internet aber auch eine Straßenverbreiterung. Die derzeitige Kapazität des Glasfasernetzes dürfte kaum ausreichen, um neben dem Datentransfer auch nur einen Bruchteil des weltweiten Kommunikationsaufkommens zu ermöglichen. Um die Infrastruktur des Datennetzes ausreichend zu erweitern, wären allerdings gewaltige Investitionen nötig. Für die Unternehmen stellt sich somit die Frage der Refinanzierung, da das Geschäft mit den lukrativen Ferngesprächen durch die Internet-Telefonie wegfallen würde.
So müssen sich Normalverbraucher weiterhin mit semi-professionellen Anwendungen zufrieden geben, bei denen es ab und zu krächzt und stottert. So zum Beispiel das Programm Buddyphone, das bereits mehrere hunderttausend Mal installiert ist. Dank der Windows-Software aus dem Internet wird jeder PC zum Telefon. Einzige Voraussetzung: Auch der Gesprächspartner muss Buddyphone installiert haben.