Internet-Telefonie USA planen Notruf-Funktion
Washington - Cheryl Waller aus Deltona in Florida erlebte den Albtraum einer jungen Mutter. Ihre 113 Tage alte Tochter erlitt einen Atemstillstand, doch Waller konnte keine Hilfe herbeirufen. Ihr Telefon, ein Voice-over-IP-Anschluss, unterstützte den Notruf 911 nicht. Bis sie über das Telefon eines Nachbarn die Rettungskräfte erreicht hatte, war das Mädchen tot.
Der Fall hat die Federal Communication Commission (FCC), die US-Aufsichtsbehörde für die Telekommunikation, auf den Plan gerufen. Ihr Vorsitzender Kevin Martin erklärte, die Situation sei "einfach inakzeptabel". "Jeder, der 911 wählt, hat die berechtigte Erwartung, dass er oder sie mit einer Notrufzentrale verbunden wird", sagte Martin.
Telefonate über Voice over IP (VoIP) werden über das Internet abgewickelt, entweder direkt über den PC oder über spezielle Telefone oder Router mit Telefonbuchse. Dabei muss der Standort des Telefonierenden nichts mit dem seines VoIP-Anbieters zu tun haben. Ein New Yorker kann in Los Angeles über seine New Yorker Nummer telefonieren und angerufen werden.
In den USA nutzt die Hälfte der rund 1,5 Millionen VoIP-Kunden die Netze von Kabelfirmen, die den Notruf 911 vollständig unterstützen. Die FCC-Anordnung betrifft also vor allem die Firmen, die ihren Kunden VoIP-Telefonate von einem belieben Standpunkt über das Internet anbieten. Gefordert sind dabei auch die örtlichen Telefongesellschaften, die ihr Notrufnetz für VoIP öffnen müssen. Firmen, die der FCC-Anordnung nicht Folge leisten, müssen mit der ganzen Bandbreite an Strafen rechnen, bis zur Einstellung ihres Dienstes.
In Deutschland existiert bislang kein Zwang zur Unterstützung von Notrufen bei VoIP. "Wir sehen diese Problematik und sind mit den Unternehmen im Gespräch", sagte Rudolf Boll, Sprecher der Regulierungsbehörde RegTP. Im Bundeswirtschaftsministerium werde derzeit eine Verordnung vorbereitet, die den Notruf bei VoIP regle. "Wir gehen davon aus, dass die meisten noch eine normale Telefonleitung haben, über die der Notruf funktioniert", sagte Boll.
Das könnte sich aber bald ändern. Vor allem, wenn die RegTP die Telekom verpflichtet, DSL-Zugänge auch ohne Telefonanschluss anzubieten, wie es viele alternative DSL-Anbieter schon lange fordern. Dann könnten Kunden sich eine nackte DSL-Leitung mieten und diese zum Surfen und Telefonieren nutzen.
Internet-Telefonate sind meist billiger als traditionelle Telefongespräche, weshalb die VoIP-Branche in letzter Zeit auch ein rasantes Wachstum hingelegt hat. Die FCC will dieses Wachstum ebenso nicht bremsen wie die RegTP. Die Entwicklung dürfe aber nicht auf Kosten der Sicherheit gehen, sagte FCC-Kommissar Jonathan Adelstein.