Internet World Berlin: Tretroller und Piraten - DER SPIEGEL
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Internet World Berlin Tretroller und Piraten

Noch drängelt man sich nicht auf der Internet World, aber die Online-Messe in Berlin hat an Format gewonnen: Die vierte Ausgabe präsentiert mehr Aussteller und Besucher als je zuvor - ein Zeichen auch für den Internet-Standort Berlin.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Das erste, was einem auf der Internet World auffällt, sind die Hostessen: Die rollern nämlich hier auf modischen Aluminium-Kickboards durch die Hallen und verteilen ihre Werbezettel. Es gibt sie in orange-weißen Uniformen (Air Data), schwarz-grün (GetMobile) oder ganz schlicht in weiß (Snacker.de). Ihr Spruch ist immer noch der alte ("Hallo, willst Du ein Handy gewinnen?"), aber die Tretroller sind neu. Und sie haben sogar einen Zweck: "Wir heißen schließlich GetMobile", erklärt die Grün-Schwarze schlagfertig. "Nee, aber im Ernst, es ist sonst zu nervig, um von einer Halle in die andere zu kommen".

Die Wege sind länger geworden auf der einst kleinen Internet World: Gegenüber 1999 ist die Ausstellungsfläche von 15.000 auf 28.000 Quadratmeter in fünf Hallen vergrößert worden, die Ausstellerzahl ist von 300 auf 566 gewachsen. Elfi Orterer vom Veranstalter ComMunich nennt sie schon vollmundig "die größte Online-Messe Deutschlands". Sicher, es gebe die Cebit in Hannover und die Systems in München, aber das seien beides IT-Messen, für Programmierer, während die Internet World eine echte "Business-Messe" sei, für Manager. "Hier geht es um Lösungen", sagt sie.

Von der Bedeutung der Cebit ist die Internet World jedoch noch weit entfernt: Immerhin hat nicht mal Microsoft einen Stand. Das sieht Orterer anders: "Microsoft ist keine Internet-Company. Wissen Sie, diese Internetwelt ist eine emotionale Geschichte. Wer dazu gehört, der kommt auch her." Anders als die Cebit ist die Internet World keine Publikumsmesse. Das heißt: Weniger Gimmicks, mehr Anzüge, aber halt auch insgesamt weniger Besucher.

Dennoch ist die Messe inzwischen so groß geworden, dass es fast nur noch um eines geht: Aufzufallen. Logisma beispielsweise, ein Anbieter von Webshop-Lösungen mit dem Slogan "Enter e-bizz now", hat ihren Stand im Piraten-Design gehalten: mit einer bulligen Kanone, Tauen, altem Holz und sogar etwas Sand. "Alle Stände sehen gleich aus", sagt der Geschäftsführer, Frank Wolf, "nur Hightech, Stahl, Glas. Wir heben uns ab." Wie bei vielen Firmen soll das Design auch etwas aussagen, in diesem Fall, dass der Start-Up Logisma den Kampf gegen die etablierten Anbieter wie Intershop und Openshop aufnimmt: "Wir sind die Piraten, die Guten, die den unzufriedenen Kunden der anderen fertige Lösungen bieten".

Die Aussteller zeigen sich größtenteils zufrieden mit dem Verlauf der Messe, die am Dienstag begonnen hat. Der erste Tag war schlecht besucht, der zweite schon besser. Nicht ganz einig sind sich die Aussteller über das Potenzial der Messe: Eventuell könne sie zum Gegenpol zur Cebit werden, sagt Wolf. Olaf Luxat von der schwedischen Computersicherheitsfirma Defcom ist nicht ganz so begeistert: Provinziell gehe es zu und die Organisation sei chaotisch. Aber es sei schon besser geworden, inzwischen sei die Internet World auch ernst zu nehmen. Auch Jürgen Richter ist zufrieden: "Die Leute sind unglaublich gut informiert, stellen sehr gezielte Fragen", sagt der Berater der Software-Firma Cassiopeia.

Cassiopeia macht mit einer Kletterwand auf sich aufmerksam, einem der wenigen Fun-Angebote auf der eher nüchternen Messe. Und es funktioniert: Die Leute bleiben stehen und schauen nach oben, zum Ziel, wo das Wort "marktführend" prangt. Auf der Messe, wo Computermonitore oft die einzige Attraktion sind, sind die Besucher für jede Abwechslung dankbar: Eine Traube bildet sich vor der Bildschirmwand von vista new media, wo Cira, eine virtuelle, großäugige Schönheit, die Zuschauer zum Gespräch auffordert. Manche gehen drauf ein: "Du siehst wirklich sehr gut aus, Cira", sagt einer und meint das wohl auch so. "Danke, mein Süßer", schmeichelt die Blondine zurück. Cira ist eine von mehreren "Virtual Friends", die im Internet, auf Messen, sogar im Fernsehen als Moderatoren oder Verkäufer eingesetzt werden können.

Die mit Abstand meisten Besucher zieht jedoch die Venture Capital Arena an, wo Vorträge zum Thema Firmengründung und -finanzierung gehalten werden. Alle Sitzplätze sind ständig besetzt, etliche Zuhörer stehen. Die VC-Konferenz wurde letztes Jahr gestartet, mehr der Vollständigkeit halber: "Zum Internet gehört halt Geld", begründet Orterer die Entscheidung. "Eigentlich sind Gründer nicht unsere Zielgruppe". Doch das Angebot habe so sehr eingeschlagen, dass die "Arena" auf 1000 Quadratmeter vergrößert wurde.