"Internet-World" Rückkehr aus dem Morgen
in Männlein mit Wanderrucksack und rötlichblondem, zu Schnüren verfilztem Haupthaar, das ihm bis zu den Schenkeln reicht, eilt durch die Messehalle 7.1. Es ist Ossi Urchs. Vor Jahren war er einmal "Minister for Tomorrow", sein Gesicht hing in den U-Bahn-Stationen und sollte junge Leute vom Rauchen überzeugen.
Heute, viele Tomorrows später, ist Urchs Geschäftsführer der Internet-Beratungsfirma "3W4U" und einer der Hauptreferenten der "Internet World"-Messe in Berlin. Von der Zukunft hat er immer noch nicht genug: "Im Gegenteil. Die Zukunftsangst haben wir hinter uns. Die Krise liegt in den Köpfen. Mich beeindruckt die Ernsthaftigkeit, die jetzt in der Branche herrscht."
Er hastet an einem Stand vorbei, an dem nach Körbchengröße sortierte Mädchen mit blauen Sonnenbrillen den Messe-Guide verteilen. Ein Herr im Kuhkostüm hüpft durch die Menge: "Cash-Cow sucht VC" steht auf dem Schild, das er trägt. "VC ist Venture Capital", sagt Urchs und raucht, als würde er immer noch dafür bezahlt. Natürlich reiche es nicht mehr, sich hinzustellen und dreimal "Internet" zu rufen, damit die Geldgeber herbeieilten. Da müsse man sich schon etwas einfallen lassen.
Sein eigener Name, sagt Ossi Urchs, sei übrigens kein Warenzeichen: "Meine Mutter hatte kein Branding-Bewusstsein."
Ein Unternehmen, "e-bootis", hat einen Gemüsestand mit biologischen Mohrrüben aufgestellt. Das sei, sagt die Vertriebsleiterin, um aufzufallen. Sie habe keine Ahnung, was ihr Firmenname bedeute: "Er soll einfach offen sein für Assoziationen." Man könne ihn auch englisch aussprechen: "Das heißt dann ibuhtis."
In der Risikokapitalhalle hat eine Netzfirma den anatolischen Schuhputzer Ahmed Tecimen ausgestellt, damit er als "Original Berliner Schuhputzer" den Passanten zu Dienste sei.
Das Team von "eskatoo" verteidigt nervös seine Salzstangen gegen jeden, der nicht an seinen e-CRM-Visionen interessiert ist, und ein innovativer Aktien-Depotverwalter hat drei Mädchen ausgesetzt, deren Bekleidung mehr oder weniger aufgesprayt ist: "Die Börse ist gerade traurig genug. Zum Trost bieten wir erotische Fotos zu den Charts an", sagt der Herr von "Sexystocks.de". Er ist zum Glück bekleidet.
Nein, das sei alles kein Ausdruck von Ratlosigkeit. Ossi Urchs betrachtet das verzweifelte Ringen um Aufmerksamkeit mit der Gelassenheit des Mannes aus dem Morgen: "Diese außerirdischen Mädels in Bikinis, das ist der Stil der Branche. Aggressive Kommunikation. Kommt einem natürlich erst mal strange vor."
Nicht unbedingt. Der fränkische Online-Broker "Consors" hat den größten Sattelzug, den er finden konnte, vor die Halle gefahren. Leuchtend schwarz lackiert. In den Morgenzeitungen war von den roten Quartalszahlen des Unternehmens die Rede.
"Bis vor zwei Jahren war die Messe eine Freakveranstaltung", sagt Urchs. "Dann wurden alle seriös, weil es plötzlich ums große Geld ging. Sie haben jetzt saubere Fingernägel. Aber weil sie natürlich auch nicht wie Nadelstreifen-Banker herumlaufen wollten, ist eine eigene Net-Business-Mode entstanden."
Tatsächlich. Es muss einen italienisch geschnittenen dunkelgrauen Anzug mit zur Eintrittskarte gegeben haben. Die tragen den alle. Dazu klobige, gewienerte Schuhe, fürs Standing. Überall lange Beine, breite Schultern. Zupackende Gesichtszüge. Die Haare der Jungs sind kurz oder in den Nacken gegelt und manchmal in eine Art Stirnbürzel gekämmt. An irgendetwas erinnert das.
In jeder Halle gibt es ein "Forum", "Panels" und "Info Points", auf denen frisch geduschte Männer mit Headphones vor dem Mund zeigen, wo es langgeht. Es geht um Fragen wie: "Ist der Banner tot?" und um Antworten wie: "Nein, der Banner ist nicht tot." Hungrig wird mitgeschrieben. Eine Zukunftsbranche holt ihr Erstsemester nach, hängt sich an die Lippen der Gesundbeter.
Dotcom-Krise? 180 verbrannte Milliarden an der Börse? Seifenblasen-Economy? Alles Unsinn. "Kollektive Depression", sagt Ossi. Die Lösungen stehen doch auf den Mega-Flüssigkristallbildschirmen über den Köpfen der Referenten: "Setzen Sie auf entsprechendes Tooling" steht da. Oder: "Klarer Focus auf Nutzen und Effizienz" oder "Erst Solution Design, dann Customer Care". Für die ein-, zwei- oder dreitägige Teilnahme an solchen Panels sind vierstellige Summen zu entrichten.
Nein, das wird schon werden. Die Anzüge sitzen, der Website streamt rund um die Uhr. Aber an was erinnern bloß diese Haarschnitte? Klar, es sind Frisuren, wie sie auf Köpfen entstehen, die sich mit großer Geschwindigkeit durch den Raum bewegen. Oder durch die Zeit.
Denen auf jeden Fall der Wind ziemlich stark ins Gesicht bläst.