Internettelefonie: Das große "Voipen" beginnt - DER SPIEGEL
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Internettelefonie Das große "Voipen" beginnt

Freenet, Web.de, 1&1, Sipgate und GMX tun es schon lange - bald macht auch T-Online mit beim Telefonieren übers Internet. Mit "Nulltarif" oder "Ein Cent pro Minute" locken die Anbieter immer mehr Kunden an - das klassische Telefongeschäft der Telekom gerät unter Druck.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Genaue Zahlen kennt niemand. Aber schon heute dürfte die Zahl der deutschen Internettelefonierer im satt sechsstelligen Bereich liegen. Allein bei 1&1 sollen 100.000 Kunden "voipen", wie man im Branchenjargon sagt.

Der Erfolg von Voice over IP (VoIP) ist vor allem eine Folge der günstigen Minutenpreise, die von gratis (netzintern) bis zu einem Cent pro Minute reichen (Anrufe ins deutsche Festnetz). Richtig durchstarten könnte die Internettelefonie, wenn die Telekom die bisherige Bündelung von Festnetzanschluss und DSL aufgeben muss. Nur mit einer DSL-Flatrate lohnt sich VoIP tatsächlich.

Wer über Internet telefoniert, braucht den klassischen Telefonanschluss nämlich eigentlich nicht mehr, muss dafür aber weiterhin mindestens 16 Euro monatlich zahlen. Es wird erwartet, dass die Telekom in den nächsten Monaten den DSL-Zugang vom Telefon entkoppeln muss - auf Druck der Regulierungsbehörde.

Die Branche hofft zudem darauf, dass sie endlich die schon lange überfälligen 032-er Nummern an ihre Kunden vergeben kann. Die Regulierungsbehörde will mit dieser neuen, speziell für VoIP-Anschlüsse gedachten Vorwahl die bisherigen Probleme bei der Nummernvergabe lösen.

Die Behörde besteht bislang darauf, dass beispielsweise VoIP-Kunden in Lüneburg nur Telefonnummern mit Lüneburger Vorwahl bekommen dürfen. Technisch ist es jedoch kein Problem, den Kunden eine Hamburger, Kölner oder New Yorker Telefonnummer zuzuordnen. Mancher Anbieter hat das auch getan, denn vor allem für kleinere VoIP-Anbieter lohnt es sich kaum, die teuren Nummernblöcke für kleinere Städte zu kaufen, wenn sie dort nur wenige Kunden haben. Die 032-er Vorwahl soll dieses Problem lösen.

Skyper verstehen kein Sip

Schwierigkeiten bereiten allerdings noch die teilweise verschiedenen Standards und die nicht zusammengeschalteten Netze. Skype, derzeit wohl weltweit Markführer, benutzt ein eigenes Protokoll, dass nicht zum Sip-Standard kompatibel ist, auf den sich praktisch alle anderen Anbieter geeinigt haben.

Das gleiche Protokoll bei zwei Teilnehmern ist jedoch nicht gleichbedeutend mit kostenlosen Telefonaten untereinander. VoIP-Kunden von Freenet und 1&1 müssen zum Beispiel zahlen, wenn sie sich gegenseitig anrufen. Gratis sind Gespräche in der Regel nur zwischen Kunden desselben Providers. Immerhin haben sich Web.de, Freenet, Sipgate und Sipphone bereits zusammengerauft, so dass man auch in ein fremdes Netz zum Nulltarif telefonieren kann. Wenn die Branche ihre Kunden nicht verärgern will, sollten die übrigen Anbieter ebenfalls der Allianz beitreten beziehungsweise sollte die Allianz die anderen aufnehmen.

Die Telekom-Perspektive: Wer nicht will, der muss

Zu den Aufnahmekandidaten gehört auch bald die Telekom-Tochter T-Online, die auf der Cebit ihr lang erwartetes Angebot für Internet-Telefonie vorstellen wird. Für die Telekom ist VoIP eine heikle Sache, denn die Technik bedroht ihr klassisches, auf dem Verkauf von Minuten beruhendes Telefongeschäft.

Das erklärt vielleicht auch den zögerlichen Einstieg: Zunächst wird es nur eine reine Software-Lösung von T-Online geben, bei der die Kunden nur am Computer über Headsets miteinander sprechen können. Voice-over-IP mit normalen Telefongeräten, wie es die Konkurrenz schon lange im Programm hat, soll erst zu einem späteren Zeitpunkt möglich sein.

Große Erwartungen hat T-Online nicht an die neue Technik - zumindest behauptet sie das. Vorstandschef Rainer Beaujean sagte, T-Online rechne nicht mit einem großen Umsatzwachstum durch die Internet-Telefonie. Man sehe VoIP als Zusatzleistung im Rahmen von Komplettangeboten aus DSL-Anschluss, Internetzugang und Dienstleistungen.

Auch wenn T-Online aus verständlichen Gründen das Thema VoIP auf kleiner Flamme kocht, auf der Cebit gehört es zu einem Top-Themen. Fehlende Geräte und schlechte Sprachqualität gehören bei Voice over IP inzwischen der Vergangenheit an.

In Hannover präsentieren viele Hersteller neue Hardware, so auch die Berliner Firma AVM ihre überarbeitete Fritz!Box Fon. Bisher vereinte das Gerät DSL-Modem, Router und eine analoge Telefonbuchse für die Internet-Telefonie. So konnte jeder herkömmliche Analogapparat zum Telefonieren übers Netz benutzt werden - auch bei ausgeschaltetem Rechner.

Trend zur All-in-One-Box

Die neue Fritz!Box Fon besitzt neben zwei analogen Telefonbuchsen noch eine Anschlussmöglichkeit für ISDN-Telefone oder -Anlagen. "Ein richtiger Erfolg kann das Telefonieren mit VoIP nur werden, wenn es ohne Computer, Headset oder zusätzliche Telefone funktioniert", erklärt AVM-Sprecher Urban Bastert. Die Box wird auch mit integriertem WLan angeboten.

Eine ähnliches Gerät mit DSL-Modem, Router sowie Buchsen für Analog- und ISDN-Geräte bringt auch der Berliner Telefonhersteller DeTeWe zur Messe mit. Wahrscheinlich wird das Unternehmen zudem ein schnurloses Telefon vorstellen, in dessen Basisstation der herkömmliche Anschluss für das analoge Telefonnetz sowie eine Netzwerkbuchse zum Anschluss an einen Router integriert sind. "Technisch sind wir auch in der Lage, Wlan-Telefone herzustellten, es fehlt nur der Markt", sagt ein DeTeWe-Sprecher.

Der Hersteller Zyxel setzt dagegen seit 2004 auf ein schnurloses VoIP-Telefon mit WLan. Das rund 300 Euro teure ePhone P2000W lässt sich in jedem WLan-Hot-Spot wie ein Handy nutzen. Siemens hat zur Cebit sein erstes WLan-Handy angekündigt - das Gigaset S35.

Der Münchner Netzwerkausrüster Netgear stellt in Hannover zwei neue Produkte vor, die die Nutzung analoger Telefone auch für die Internet-Telefonie ermöglichen: einen WLan-Router mit analogem Telefonanschluss und einen VoIP-Adapter, der als Brücke zwischen einem bereits vorhandenen Modem-Router und analogem Telefon dient.

Holger Dambeck

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