IT-Ausbildung: Die Lizenz für Multimedia - DER SPIEGEL
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IT-Ausbildung Die Lizenz für Multimedia

In Hamburg werden junge Leute unterschiedlichster Provenienz zu Multimedia-Fachkräften ausgebildet. Nach 14 Wochen Theorie und einem Praktikum werden die "Fahrschüler" in die Wirtschaft entlassen.
Von Ralf Blittkowsky
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Multimedia ist, wenn Konzeptioner, Texter, Grafiker, Screendesigner und Auftraggeber an einem Strang ziehen, und am Ende kommt eine Publikation, eine Webseite oder ein Film dabei heraus. Ganz so einfach ist es aber nicht. Denn an einer Multimedia-Produktion mitzuwirken, erfordert von allen Beteiligkeiten vielerlei Fertigkeiten und Kompetenzen, die nicht von heute auf morgen erworben werden können.

Das hat sich auch die Initiative Hamburg newmedia@work im Oktober letzten Jahres gedacht, als sie das Projekt Hamburger Multimedia-Führerschein ins Leben rief. Das Konzept ist einleuchtend: Während eines Jahres sollen fünfundzwanzig Multimediafahrschüler in die Branche hineinschnuppern. Das Curriculum garantiert Stress. In mehrwöchigen Schulungseinheiten, die von der Hamburger Akademie für elektronisches Publizieren (AEP) durchgeführt werden, sollen die Teilnehmer den Stoff lernen, aus dem die Träume der Multimediawelt gebaut sind. Office-Programme stehen genauso auf dem Lehrplan wie Webdesign oder digitaler Audio- und Video-Schnitt.

Ingrid Engelbrecht-Klemm, Geschäftsführerin der AEP, unterstreicht, dass die Zöglinge innerhalb eines Jahres ein abgestimmtes Ausbildungs- und Praktikumsprogramm durchlaufen, das sie fit macht für den vielseitigen Arbeitsmarkt der Neuen Medien.

Praxis-Lektionen in den Betrieben

Die theoretischen Lehreinheiten werden von mehrwöchigen Praktika in Unternehmen der Multimedia- und Internetbranche begleitet. Praktische Einblicke in betriebliche und kreative Produktionsweisen sollen die Multimedia-Novizen bekommen. Sie helfen Intranets betreuen, gestalten eine Firmen-Homepage mit, stehen als Operator dem Creative Director einer Werbeagentur zur Seite oder assistieren in der Buchhaltung eines Multimediaunternehmens. Als außerplanmäßiger Leistungsansporn hat sich herumgesprochen, dass direkt Führerscheinerwerber von der Schulbank abgeworben werden können. Mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche braucht kein Multimediafahrerschüler die Ausbildung zu beenden und kann sich in das Trapez einer Festanstellung bei seinem Arbeitgeber aus den Neuen Medien fallen lassen. Im ersten Ausbildungskurs zum Multimedia-Führerschein, der im Februar startete, ist das genau siebenmal vorgekommen, sagt Nicole Bornemann, die bei Hamburg newmedia@work das Projekt betreut.

Soziale Kompetenzen sind gefragt

In den Klassen treffen Schüler unterschiedlichster Ausbildungswege zusammen. Schulabgänger, Studienabbrecher und Hochschulabsolventen drängeln sich um die Teilnahme an dem initiativen Ausbildungs- und Praktikumprogramm, das von der Hamburger Wirtschaftsförderung getragen wird. Wer aber nur die Karriere im Blick hat und keine soziale Kompetenzen zeigt, soll im Netzwerk des Hamburger Multimedia-Führerscheins keine Chance erhalten. Nicole Bornemann weist auf die Wichtigkeit hin, dass die Schüler den Zusammenhalt in der Gruppe erlernen, auch wenn unterschiedliche soziale und Bildungsvoraussetzungen zu Spannungen führen.

Im Beisein des Hamburger Wirtschaftssenators Thomas Mirow, der die Begrüßungsrede zum Start der zweiten Multimediaklasse Mitte August hielt, zeigten einige Teilnehmer der ersten beiden Lehrgänge, dass soziale Netzwerkkompetenz vor allem heißt, sich gegenüber den Medien und potenziellen Auftraggebern alert und selbstbewusst zu verkaufen. Mit finanziellem und administrativem Aufwendungen der Hamburger Wirtschaft und Politik soll den Absolventen der Königsweg in die IT-Branchen bereitet werden. Schon auf der Einführungsveranstaltung interessierten sich zahlreiche Hamburger Unternehmen für die Teilnehmer, denen später ein Praktikum oder sogar ein Arbeitsplatz angeboten werden könnte.

Die bunt gewürfelte Truppe erwirbt im einjährigen Schnelldurchlauf Kenntnisse und Fertigkeiten in digitalen Produktions- und Managementprozessen, die sonst nur durch längere Ausbildungs- und Studiumszeiten erworben werden könnten. Nicole Bornemann meint nicht, dass der Hamburger Alleingang eines Multimedia-Führerscheins die berufliche Bildung ersetzt. Die Absolventen sollen bessere Entscheidungsmöglichkeiten erhalten, welchen beruflichen Weg sie gehen wollen.

Das bleibt aber fraglich, denn 14 Wochen Theorieunterricht reichen kaum aus, um eine Fachkraft auszubilden, gibt sich AEP-Geschäftsführerin Ingrid Engelbrecht-Klemm skeptisch. So können Bedenken nicht von der Hand gewiesen werden, dass einige Absolventen hinsichtlich der an sie gestellten fachlichen Anforderungen mittelfristig am Arbeitsmarkt das Nachsehen haben werden. Mit vielen Vorschusslorbeeren für den Start in die IT-Zukunft geschickt, verfällt mancher Multimedia-Teilnehmer schon Mal in Übermut. Einige der mit Wissensfragmenten ausstaffierten "Alleskönner" wähnen sich schon auf der Zielgeraden, berichtet ein Insider, während sie noch auf der Schulbank das Multimedia-ABC erlernen.