IT-Sicherheit Kenne Deinen Feind
"So, jetzt habe ich gerade in meinen eigenen Rechner gehackt", erklärt Steffen Brückner. Über den Bildschirm des Labtops flimmern rot-schwarze Kolonnen von Unix-Befehlen. Deren Sinn bleibt dem Laien verschlossen. Doch der Systemadministrator erkennt daran, dass der Angriff erfolgreich war: Eine Routine hat die beiden Firewalls überlistet und ist zum Server vorgedrungen. Zum Glück nur in einem Netzwerk-Modell, das auf der eigenen Festplatte liegt. Trotzdem hat das Experiment Steffen Brückner Respekt eingeflößt: "Manche Sachen gehen erschreckend einfach, wenn man einmal weiß, wie es geht."
Genau das ist einer der Lerneffekte, den das Seminar "Hacker Contest" an der Universität Darmstadt erzielen will. Elf Systemadministratoren und Entwickler verschiedener Firmen und Institutionen kommen eine Woche lang zusammen, um den Feind besser kennen zu lernen.
Der begegnet ihnen im Alltag regelmäßig. "Es ist gar nicht mal so, dass Leute gezielt versuchen, uns zu hacken", sagt Brückner, der das Netzwerk der Privaten Fachschule und Berufsbildenden Schule für Technik und Wirtschaft in Erfurt betreut. Schon das allgemeine Grundrauschen hält ihn auf Trab. Allein 20 Prozent seiner Arbeitszeit gehen für Viren drauf. "Natürlich laden unsere Studenten nicht absichtlich einen Wurm auf unsere Rechner. Aber sie rufen ihre Mails ab, chatten, tauschen Musikdateien aus und schon kann es passiert sein. Sobald Sie einen Internetzugang zur Verfügung stellen, sind Sie angreifbar."
Nicht nur die Menge der betroffenen Unternehmen oder Institutionen nimmt zu. Auch die potenzielle Zahl der Hacker wird immer größer. Systemangriffe sind nicht mehr unbedingt die Domäne echter Könner, auch Laien können sich darin versuchen. Ein Bürogenosse, der in einem lokalen Netzwerk einen Kollegen ausspionieren will, findet dazu inzwischen im Internet ein benutzerfreundliches Windowsprogramm. Damit lässt sich der Traffic zwischen dem fremden Rechner und dem Server auf den eigenen Rechner umleiten. Beim Internet Banking Kennwörter abfangen - kein Problem.
Zwar sind so genannte Exploits, vorgefertigte Programme, die auf bestimmte Sicherheitslücken zugeschnitten sind, auch für die andere Seite zugänglich. Doch das allein bringt die Systemadministratoren noch nicht weiter. Es fehlt das Wissen, wie die Tools funktionieren, um sie außer Kraft zu setzen.
Hier kommt die Fortbildung an der Universität Darmstadt ins Spiel. Entstanden ist sie aus einem Studentenwettbewerb, bei dem findige Informatiker versuchten, mit raffinierten Kunstgriffen das System des jeweiligen Partners auszutricksen, daher der kämpferische Name "Hacker Contest". Auch heute geht es darum, in einer Testumgebung verschiedene Hacks kennen zu lernen und auszuprobieren, nur dass es jetzt nicht mehr um einen Wettbewerb geht. Die Referenten sind fünf Promotionsstudenten des Fachbereichs Informatik, die über das Drittmittelprojekt ihre Stelle finanzieren. Die Uni als Weiterbildungsinstitution bietet sich hier an, weil das Knowhow sehr schnell verjährt.
Blick in den Kopf des Gegners
"Würmer zum Beispiel entwickeln sich so schnell weiter, dass das Wissen über sie schon nach einem Jahr veraltet ist", sagt Referent Andreas Görlach. Gerade Computerspezialisten, die schon länger im Job sind, haben Nachholbedarf, denn das Thema IT-Sicherheit spielt bei der Ausbildung an den Universitäten erst seit einigen Jahren eine Rolle. Patentlösungen kann das Seminar zwar nicht anbieten, dafür aber etwas viel Wichtigeres: "Was ich hier mitkriege, ist die Art, wie Hacker denken", sagt Steffen Brückner. "Man hat ja gar nicht die kriminelle Energie, sich das vorzustellen."
Zu dieser Vorstellungskraft gehört auch, sich nicht in trügerischer Sicherheit zu wiegen. Wenn das System bisher reibungslos lief, heißt das nicht unbedingt, dass es verschont geblieben ist. "Die meisten Angriffe bekommen die Administratoren gar nicht mit", sagt Görlach. So wurde zum Beispiel im Januar bekannt, dass ein 21-Jähriger über einen kompromittierten Server von T-Mobile USA ein Jahr lang Zugang zu Regierungsservern hatte. Das fiel erst auf, als Ausschnitte aus einem Rechtshilfeabkommen mit der Ukraine in einen Chatraum auftauchten.
Andreas Görlach kennt auch Beispiele aus dem Alltag: "Wir hatten mal eine Teilnehmerin, die hat auf dem Rechner ihres Chefs ein Programm entdeckt, was von dort aus Spam-Mails verschickte. So hatte sie nach dem Seminar direkt ein Erfolgserlebnis."
Spätestens nach der Veranstaltung hat sich der Sicherheitsbegriff der Teilnehmer gewandelt. "Dieses Wort sollte man nur in Verbindung mit Prozentangaben verwenden", sagt Brückner. Ein Passwort zu knacken zum Beispiel ist nur eine Frage der Länge, des verwendeten Zeichensatzes und der Zeit. Brückner wechselt seines einmal in der Woche.
Wie angenehm und entspannt ist da doch das Leben des IT-Laien, der sich immer noch vertrauensseelig für den Namen von Familienmitgliedern, Fußballvereinen oder - siehe Paris Hilton - Haustieren entscheidet. "Ein Grundprinzip der Psychologie ist das der Abschottung", meint ein Seminar-Teilnehmer. "Wenn ich heute als Urlauber in Thailand am Strand liege, dann glaube ich ja auch nicht, dass eine 10-Meter-Welle kommt, obwohl ich weiß, dass das möglich ist."