Japan Internet im Supermarkt
Tokio - Abends um zehn in einem Supermarkt in Tokio. Ein junger Mann schiebt seine Mini-Disc in ein Computer-Terminal, lädt die neueste Hip-Hop-Scheibe vom Internet, bestellt per Tastendruck zwei Konzerttickets und bucht zum Abschluss noch eine Reise nach Bali.
Was in Deutschland noch wie Zukunftsmusik klingen mag, wird in Japan jetzt Wirklichkeit. Unter den Betreibern von 24-Stunden-Supermärkten ist ein Kampf um den elektronischen Handel entbrannt, der zu tief greifenden Veränderungen im gesamten Einzelhandel führen könnte.
Mit Hilfe von Multimedia-Terminals sollen sich Japans "Convenience Stores" künftig in eine Mischung aus realem Supermarkt und virtuellem Internet-Geschäft verwandeln. Die Betreiber der rund 40.000 meist durchgehend geöffneten und übers ganze Land verstreuten Nachbarschaftsmärkte wollen so ihr Angebot deutlich ausweiten und ihre Kundschaft länger an sich binden.
Künftig können die Kunden an Computerterminals auch Fotos von Digitalkameras drucken oder Autos, Mobiltelefone und Bücher bestellen. Zu diesem Zweck schmiedet dieser Tage ein Supermarktbetreiber nach dem anderen Allianzen mit Elektronikkonzernen, Handelshäusern, Reiseveranstaltern und anderen Unternehmen.
Doch nicht nur im Supermarkt, auch vom heimischen PC aus können Japaner in die virtuellen Einkaufswelten abtauchen. So startet die Firma Sunkus im April mit fünf Partnerfirmen den ersten Internet-Supermarkt des Landes - in anderen Ländern längst keine Seltenheit mehr. Im Angebot sind 4000 Waren, vom Lebensmitteln bis zu Artikeln für die Altenpflege. Innerhalb weniger Stunden wird die Ware geliefert.
Zusätzlich schießen Internet-Einkaufszentren aus dem Boden. So wird die virtuelle Einkaufsmeile der Firma Rakuten Inc. nach Angaben der Zeitung "Nikkei" täglich 1,2 Millionen Mal aufgerufen. Der Monatsumsatz des Unternehmens erreicht derzeit rund 600 Millionen Yen - umgerechnet etwa 10,9 Millionen Mark.
Nach einer Studie des Handelsministeriums in Kooperation mit dem Marktforschungsinstitut Anderson Consulting soll der elektronische Handel zwischen Geschäften und Privatkunden in Japan von 65 Milliarden Yen (1998) auf 870 Milliarden Yen im Jahr 2001 steigen.
Noch aber ist der Internethandel im Land der aufgehenden Sonne verglichen mit anderen Industrieländern rückständig. Der privaten Agentur Access Media zufolge zählte Japan im Februar 1999 rund 15 Millionen Internetanwender, immerhin eine Steigerung um rund 50 Prozent zum Vorjahr. Nach der Studie der Anderson Consulting zeigte sich Japan unter allen Industriestaaten als das Land, in dem die wenigsten Internetnutzer problemlos mit dem Netz umgehen können.
Als eines der größten Probleme, das die Entwicklung des elektronischen Handels in Japan behindert, gilt neben hohen Telefontarifen die unzureichende Sicherheit bei elektronischen Abrechnungen. Hier steht das bargeldorientierte Japan, so Experten, erst noch am Anfang.