Japan: Liebe im Kämmerchen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Japan Liebe im Kämmerchen

Über Multimedia-Handys hängen Millionen Japaner fast ununterbrochen am Netz. Die kostspieligen Online-Dienste reichen von Karaoke bis zur Prostitution ­ für die Anbieter ein riesiger Testmarkt auf dem Sprung zur Weltoffensive. Ende des Jahres will der Konzern NTT Docomo sein System auch in Deutschland einführen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jun Aiba hört auf den Kosenamen"Jun-Jun" und ist eine viel begehrte Frau. Sie ist jung,sportlich und ledig. Ihren zahllosen männlichen Verehrernschickt sie verführerische E-Mails aufs Handy. Dannklingeln die Mobiltelefone der Empfänger verheißungsvoll,und wer Jun-Jun ausdauernd zurückmailt, dem gewährt siehuldvoll Einlass in ihr "geheimes Kämmerchen". Das "Kämmerchen" ­ was mag sich darin abspielen? Über dieseFrage grübeln täglich Hunderttausende Japaner. InPendlerzügen, in Büros oder unter Schulbänken beugen sichdie Verliebten über ihre winzigen Handy-Bildschirme undtauschen mit der Angebeteten E-Mails aus. Mancher verliertbei der Mailerei schon mal die Geduld ­ und dann hilft nureins: Der Liebeskranke klickt auf dem Handy-Display dasFeld "7" an: "Auswechseln der Geliebten."Jun-Jun lebt in einer Art virtuellem Harem von insgesamtsieben Damen. Sie alle stehen im Dienste der SpielzeugfirmaBandai (die schon Millionen Kinder in aller Welt mit demComputer-Ei Tamagotchi beglückt hat). Für eine Gebühr vonumgerechnet sechs Mark pro Monat sind die Cyber-Damen überHandy Tag und Nacht verfügbar.Die "Liebe per Mail" gehört zu den Hits von "i-mode": Soheißt der Internet-Service des japanischen MobilfunkriesenNTT Docomo. Mit "i-mode" lassen sich spezielle Web-Seitenauf das Format von Handy-Bildschirmen verkleinern. Ohnesich über Kabel und Telefonsteckdosen ins Netz einzuwählen,können "i-mode"-Nutzer zu günstigen Übertragungsgebühren inder Cyberwelt umherstreifen. Als erstes Land der Welt startete Japan bereits vor zweiJahren diesen mobilen Zugang zum Internet. Inzwischensurfen allein über NTT Docomo mehr als 20 Millionen Japanerim Web; zählt man zwei kleinere Konkurrenten hinzu, sind essogar rund 27 Millionen Kunden. Damit ist Japans größterMobilfunk-Anbieter zugleich der größte Internet-Provider.Denn relativ wenige Japaner nutzen herkömmliche Computerals Online-Zugang, vielen ist die englische Tastatur zukompliziert.Über ihre Handys hat die Inselnation jetzt ihren Anschlussan die Netzwelt gefunden: In Ballungsräumen wie Tokioverbringen die Menschen bis zu vier Stunden täglich inüberfüllten Pendlerzügen ­ oft fehlt gar der Platz zumZeitunglesen. Einst brachte diese Kultur der Enge denWalkman in die Welt, nun liefert sie mit "i-mode" die mobileVersion des Internet. Und ähnlich wie damals der Walkman soll nun NTT Docomos "i-mode" von Japan aus die Welt erobern.Für Nippons Mobilfunk-Anbieter, Handy-Hersteller undDienstleister ist Japan ein riesiger Testmarkt für ihregeplante Weltoffensive: Telefoniert wird hier ständig."Moshi, moshi" (Hallo, hallo) tönt es aus weit über 60Millionen Handys. Überall klingelt und piept es. In ihrerVerzweiflung legen Theater und Konzerthallen denHandy-Empfang mit Störsendern lahm. In Zügen fordernSchaffner die Passagiere auf, die Geräte abzustellen, weilderen Funkwellen Herzschrittmacher aus dem Takt bringenkönnen. Kaum jemand hält sich daran, einigeBahngesellschaften kapitulierten: In speziellen Waggonsdarf nach Lust und Laune per Handy telefoniert, gemailt undgesurft werden.Im Mai wird Docomo als erster Konzern der Welt zunächst imGroßraum Tokio die nächste Mobilfunk-Generation ("3G") aufden Markt bringen. Mit zwei Megabit pro Sekunde, rund200-mal schneller als bisher, können Mobiltelefone dannriesige Datenmengen vom Internet herunterladen. ObVideokonferenzen oder Karaoke-Wettbewerbe ­ eine ganz neueHandy-Kultur wird dann den Alltag überwuchern. Bislang ist "i-mode" noch ein rein japanisches Vergnügen,mit dem deutschen GSM-Standard ist es nicht kompatibel.Aber bei "3G" werden die Japaner denselben Zukunftsstandard(W-CDMA) wie die Europäer nutzen. Und wer dann mit denheißesten Inhalten im drahtlosen Cyberspace lockt, könnteden weltweiten Kampf um die Mobilfunk-Kunden gewinnen. DerVorteil der Japaner: Anders als die Europäer brauchten sieihre Mobil-Frequenzen nicht in ruinösenMilliarden-Auktionen zu erwerben. Sie machen vielmehr guteGeschäfte. NTT Docomo kassiert für jede "i-mode"-Seiteeinen festen Anteil von neun Prozent der Gebühren. Einst brachte die Kultur der Enge den Walkman hervor. Nun soll "i-mode",ähnlich wie damals der Walkman, von Japan aus die Welt erobern. Toshiki Hayashi, 45, fiebert der weltweiten Offensive schonentgegen. Noch vor einem halben Jahr arbeitete er in derZentrale des Spielzeugherstellers Bandai, nun ist erPräsident der neuen Firmentochter Bandai Networks. In ihrentristen, teilweise fensterlosen Büros im TokioerElektronikviertel Akihabara tüfteln Hayashi und seine 34Mitstreiter Unterhaltungsprogramme speziell für Handys aus.Kaum zu glauben, dass "Liebe per Mail" in dieserunromantischen Neon-Einöde ersonnen wurde. Aber Hayashimeint: "Weiße Wände beflügeln die Phantasie."Von seinen Bossen bei Bandai bekam Hayashi den Auftrag, dieMobilfunk-Entertainment-Tochter langfristig alsGewinnbringer an der Börse zu lancieren. Der Plan könntegelingen: 3,65 Millionen Handy-Benutzer haben bereitsBandai-Programme abonniert. Für jedes Geschlecht und jedesAlter ist etwas dabei: Junge Japanerinnen können sich invirtuelle Prinzen verlieben, gestresste Büromenschen könnenam Schreibtisch Pferde aufziehen und sie bei virtuellenWettrennen galoppieren lassen.Ähnlich wie die unzähligen Themenparks, mit denen dieJapaner aus der betonierten Enge ihres Industrielandes zufliehen versuchen, bietet auch das Handy ungeahnteFluchtwelten: Wer das Erwachsenendasein nicht mehr aushält,kann bei Bandai noch einmal eine virtuelle Grundschulebesuchen ­ ein ganzes Jahr lang gibt es auf einer"i-mode"-Seite täglich neue Schulaufgaben zu lösen,Streiche auszuhecken und Abenteuer zu bestehen.Verwirrendes Japan ­ was ist hier noch wirklich, wasbereits virtuell? Für Schülerin Tomomi Uozumi, 14, spieltdiese Unterscheidung keine Rolle. Sie verbringt die Hälfte ihres Alltags im drahtlosen Cyberspace. Mit ihren Freundinnen hockt sie vor dem Bahnhof Shibuya in Tokio. Von überdimensionalenBildschirmen an den Kaufhäusern flimmert grelle Werbungherab und taucht die blauen Schuluniformen der Mädchen inunwirkliches Licht. Doch Tomomi und ihre Clique schauennicht hin, sie sind in ihre eigenen Handy-Programmevertieft.Tomomi trägt noch eine Zahnspange, aber sie besitzt schonihr drittes Handy. Sie benutzt eines der teuersten Modellefür über 500 Mark. Auf dem brillanten Farbbildschirmleuchtet die Comic-Figur "Kitty-chan" auf. Für zwei Markpro Monat lädt sich Tomomi täglich neue solcherComic-Figuren auf ihre Displays, die Moden wechseln rasch.Auch die "Chaku-Melos", die Klingelmelodien der Handys,werden von den Kids täglich gewechselt. In speziellenChat-Räumen tauschen sie über "i-mode" die neuesten "Melos"oder, was noch heißer ist: Viele komponieren auf derHandy-Tastatur ihre eigenen Melodien.In Kürze will sich Tomomi ein neues Gerät kaufen, so eins,wie ihre Freundin gerade stolz vorführt: Es istKaraoke-tüchtig, die Begleitmusik können die Mädchen übereinen Knopf im Ohr hören, den laufenden Text singen sie vomHandy-Display ab. Tomomi finanziert ihr Handy vomTaschengeld. "Im Monat kann ich nur 15 000 Yen (300 Mark)für das Handy ausgeben", sagt sie, deshalb müsse siewählerisch mit neuen Diensten sein.Das mobile Internet verändert Nippons einst starrekonfuzianische Gesellschaft im Tempo der Megabits, diedurchs Netz sausen. Noch vor wenigen Jahren hätte sichTomomi nur im streng kontrollierten Gruppengefüge vonFamilie, Schule und Nachbarschaft bewegt. Jetzt chattet sieauf unzähligen Kennenlern-Sites ("Deai-Saito") freimütigmit irgendwelchen Fremden im Internet.Im "i-mode"-Netz sind Nippons traditionelle Ritualepraktisch aufgehoben. Höfliche Floskeln? TiefeVerbeugungen? Auf den Handy-Displays kommen die Chattergleich zur Sache. Die 15-jährige Miho ("Größe 158, Figur:normal") bietet der männlichen Cyberwelt unverblümt ihreLiebesdienste an: "Suche dringend jemanden zum ,Spielen'".Auf der Web-Seite "real-time" leuchten die wichtigstenKennenlern-Kategorien auf: Langfristige Beziehung? Odersofortige Verabredung ins Liebeshotel? Per Tastenklickgeben Kontaktsuchende ihre Daten ein: Alter, Größe, dienach japanischem Glauben charakterbestimmende Blutgruppesowie Zeit und Ort der meist dringend ersehnten Begegnung.Leise kichernd überfliegen die Mädchen die Liebes-Chats, indenen sich Männer im Alter von 20 bis 50 für das "Asobi" ­das "Spiel" zu zweit ­ anpreisen. Viele japanischeSchülerinnen verabreden sich über ihre Handys mit fremdenGeschäftsleuten und verdienen sich so das Taschengeld fürdie nächsten Handys. Das Fernsehen ist das Medium von gestern. Kein Zweifel: Die Menschen von morgen werden fast alles nur noch per Handyerledigen. Doch Tomomi ist längst auf die Horoskop-Seitenhinübergesurft ­ die sind bei Japanerinnen zurzeitbesonders in Mode. Selbst ihre Handy-Nummern überprüfen dieMädchen darauf, ob sie Glück oder Unglück bringen; diemeisten glauben daran.Fumitaro Ohama, 29, glaubt vor allem an den geschäftlichenNutzen von Horoskopen. Mit seinen rotbraun gefärbtenHaaren, der silbernen Kette um den Hals, der kariertenBaumwolljacke und der verblassten Cordhose könnte er einerjapanischen Motorrad-Gang angehören. Doch im"i-mode"-Zeitalter gilt sorgfältig gestylte Lässigkeit auchin Japan als Ausweis des Erfolgs. Ohama zählt zu denbesonders Erfolgreichen: In seine Horoskop-Seiten klickensich monatlich fünf Millionen Handy-Besitzer ein. Aufdiesen Web-Seiten wiederum befinden sich Links, mit denenOhama die konsumfreudige Jugend zu Mode- und Musik-Seitenlockt.Vor anderthalb Jahren schmiss Jungunternehmer Ohama seinenJob als Drehbuchautor für Fernsehdramen hin und gründetedie Internet-Firma "Xavel" in Tokio. Kürzlich schloss ermit Nippons größter Agentur für Internet-Werbung einenVertrag ­ mit Einnahmen aus Display-Werbung will er einriesiges Handy-Portal aufbauen. "Das Fernsehen", sagt Ohamaund rekelt sich auf dem knallroten Sofa im Büro, "ist dasMedium von gestern. Kein Zweifel: Die Menschen von morgenwerden fast alles nur noch per Handy erledigen."Schon jetzt sind die Japaner mit ihren Handys beinaheverwachsen: Das mobile Cybernetz erleben sie alsinteraktive Talkshow, als mobiles Büro und als riesigeShopping-Mall. Vom Handy aus ordern sie Aktien, reservierenPlätze im Restaurant und hegen virtuelle Haustiere.Regierung und Elektronikkonzerne planen schon weiter:Künftig sollen Japaner nicht nur ihre Einkäufe per Handybezahlen. Mit ihren Handys werden sie sich Fieber messen,den Puls fühlen und die Daten drahtlos ihrem Arztübermitteln. Und sie werden die Handys auch alsFernbedienung für ihre Roboter benutzen.Ende Januar stellte Spielzeughersteller Takara seinenRoboter "Dream Force 01" vor ­ der Zweibeiner lässt sichper Handy aus der Ferne kommandieren. Dann greift er sichzum Beispiel eine Flasche und füllt formvollendet Wein indie Gläser. Eltern können "Dream Force 01" als Babysitterim Kinderzimmer einsetzen: Was die Kameraaugen des Roboterssehen, wird auf den elterlichen Handy-Bildschirmübertragen.Aufs mobile Internet, das all solche Wunderdinge möglichmacht, setzt auch der Elektronikkonzern Matsushita, der mitseinen Panasonic-Handys bereits ein Drittel des japanischenMarkts beherrscht und demnächst auf dem Weltmarkt unter diegrößten drei Handy-Produzenten aufzurücken gedenkt. Endedes Jahres will NTT Docomo "i-mode" über E-Plus auch inDeutschland anbieten (Docomo hält 15 Prozent amniederländischen Mobilfunk-Betreiber KPN Mobile mitsamtdessen deutscher Tochter E-Plus). In den vergangenenanderthalb Jahren kaufte sich NTT für rund 16 MilliardenDollar an Mobilfunk-Betreibern in Asien, Europa und den USAein, zuletzt bei der Mobil-Tochter desUS-Telekommunikationsriesen AT&T.Doch wollen die Japaner die Welt im Ernst auch mit ihrembizarren Handy-Entertainment erobern? Seit 26 Jahrenschmückt das von der Firma Sanrio erfundene Comic-KätzchenKitty-chan in Japans Mädchenzimmern T-Shirts, Schultaschen,Tapeten ­ und neuerdings auch Handys. Aber wer in Europawollte schon zwei Mark im Monat bezahlen, um täglich eineE-Mail von Kitty-chan zu erhalten?"Japaner sind Kinder", lächelt Sanrios Internet-ManagerTatsuro Nomura und zeigt auf seinen Schlips mit demKitty-Kätzchen-Muster. "Auch für die Deutschen werden wirschon noch Handy-Dienstleistungen finden, für die sie gernGeld ausgeben." WIELAND WAGNER

Mehr lesen über