Jenseits von Stereo: Der Sound der Zukunft - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Jenseits von Stereo Der Sound der Zukunft

MP3-Sticks hin oder her: Karlheinz Brandenburg glaubt nicht daran, dass die Stereoanlage schon ausgedient hat. Nur perfekter muss sie werden, intelligenter, lebensechter. Als Entwickler und als Gastautor blickt der Miterfinder des MP3-Formats in die Zukunft des Hörgenusses.
Von Karlheinz Brandenburg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Der Klang war bei der Vorführung so gut, dass die Zuhörer im Saal nicht zwischen dem echten Cellospieler und der vom Tonträger wiedergegebenen Variante unterscheiden konnten." Nein, dieses Zitat bezieht sich nicht auf eine heutige Vorführung bester HiFi-Technik, dieser wohl erste Blindtest wird dem Grammophon zugeschrieben. Zwischen Cellospieler, Grammophon und Zuhörern war ein Vorhang. Heute nehmen wir an, dass der Vorhang alle Schallunterschiede geschluckt hat.

Der Traum von der naturgetreuen Wiedergabe ist also so alt wie die Tonaufzeichnung selbst und wird auch noch heute geträumt. High Fidelity ist ein Schlagwort, das wir schon lange kennen. Zur naturgetreuen Wiedergabe ohne Verfälschung der Klangfarbe erwarten wir heute naturgetreuen Raumklang. Der Begriff "immersive Systeme" bezeichnet sowohl bei Bild als auch beim Ton die komplette Umhüllung mit virtueller Realität, sozusagen das Holodeck in der Version für dieses Jahrhundert.

Aber: Von wegen Holodeck. Ich träume noch immer von der Stereoanlage der Zukunft. Sie begrüßt mich am Abend nach dem Heimkommen mit einer sanften Stimme: "Welche Musik möchtest du denn heute gerne hören?" Eine abweisende Geste mit der Hand versteht sie genauso wie ein gebrummeltes "Nix". Wenn mir aber der Sinn nach Musik steht, dann kann ich sagen: "Spiel mir etwas nicht so rockiges, bitte nichts, was ich die letzten zwei Wochen schon gehört habe, das wäre langweilig, ansonsten kennst du ja meinen Musikgeschmack" – was auch zutrifft. Meine Stereoanlage erkennt mich an meiner Stimme oder über die Kamera, und das ist auch gut so: Andere im Haushalt haben einen Musikgeschmack, der von meinem sehr abweicht.

Die Stereoanlage der Zukunft kann Genres unterscheiden und im Internet nach ähnlicher Musik suchen und mir im Rahmen meines Musikabonnements zum Download anbieten. Sie kann auch gleich die Information über die Tourdaten der Musiker am Wandbildschirm (Fernseher würde ich nicht mehr dazu sagen) anzeigen und von Sonderangeboten für Fanartikel und Konzertkarten berichten. Aber auch das natürlich nur, wenn mir gerade der Sinn danach steht. Wenn ich mir dann die passende Musik ausgesucht habe, hole ich mir den Jazzklub akustisch direkt in mein Wohnzimmer: Die Sängerin scheint wirklich im Raum zu stehen, ich höre die anderen Musiker ganz deutlich, wie sie auf der Bühne stehen, um mich herum sind die Geräusche des Klubs, einschließlich des Räusperns, der Geräusche von Leuten, die es sich zur Musik schmecken lassen, und natürlich höre ich auch den Beifall.

Wem all dies nach Science Fiction klingt: Das ist es, allerdings nicht ganz. An all den Technologien, die für das oben besprochene Szenario notwendig sind, wird schon gearbeitet, manches ist schon serienreif.

Klangqualität

Heutige gute Stereoanlagenkomponenten verfälschen den Klang der Musik nicht mehr - oder jedenfalls nur in einem Maße, das wir Menschen nicht wahrnehmen können. Was nach wie vor nicht so einfach funktioniert, ist, die Akustik eines Konzertsaals nach Hause zu bringen. Von Mono über Stereo zu Surround-Anlagen: All das sind Kompromisse, die immer wieder an den Eigenschaften des Gehörs und Gehirns scheitern.

Wir sind (was unser Hören angeht) viel mehr Fledermäuse, als uns bewusst ist. Der Mensch hört nicht nur auf den direkten Schall, sondern auch auf die Reflexionen des Schalls an den Wänden, an den Möbeln, an der Decke und merkt sich das. Eine wirklich gute Anlage muss auch diese Reflexionen, also das gesamte Schallwellenfeld, richtig wiedergeben können. Mit IOSONO, basierend auf der an der TU Delft entwickelten Wellenfeldsynthese-Technologie, kommen wir diesem Ideal ein ganzes Stück näher: Ein Ring von Lautsprechern um den Raum erzeugt eine naturnahe Replikation des originalen Schallfeldes.

Aktive Akustik

Was trotz IOSONO noch bleibt, ist die klangverfälschende Wirkung der Akustik zu Hause. HiFi-Enthusiasten wissen das schon lange: Wir hören nicht so sehr diese oder jene Lautsprecherboxen, sondern wir hören die Interaktion der Lautsprecher mit der Raumakustik. Boxen, die in der einen Wohnung hervorragend klingen, sind nur dritte Wahl für eine andere. Bei diesem Problem kann uns in Zukunft aktive Akustik helfen: Nach einem Einmessvorgang hilft der Rechner in der Stereoanlage, unsere Wunschakustik zu erzeugen. Allerdings: genau wie beim aktiven Bekämpfen von Lärm mit Gegenschall funktioniert das zwar "im Prinzip", aber mit großen Einschränkungen. Eine Betonhalle lässt sich so nicht in eine sanfte Klubatmosphäre verwandeln.

Usability

Wir kennen das schon heute: Hundert Funktionen an der Stereoanlage oder im Handy, und ich bin zu faul, um immer wieder die Bedienungsanleitung zu finden und kapiere einfach nicht, wie zum Beispiel der Sendersuchlauf anzustoßen geht.

Das geht selbst den Technikern so. Für Stereoanlagen schon heute und erst recht in Zukunft gilt: Das Problem ist nicht mehr, wie ich an Inhalte komme oder wie ich sie unverfälscht abspiele (zum Beispiel mit der richtigen Pflege der Schallplatten, wie sie früher notwendig war). Das Problem ist, wie ich die Anlagen bediene, Musik finde, meine Sammlung organisiere. Daran wird auch fleißig gearbeitet. Ein Beispiel ist die Suche von Musik per Vorsummen oder Vorsingen: Meine Anlage kann (mit entsprechender Software schon heute) Musik erkennen und dann suchen und anspielen.

Rich Media Management

Doch ich will nicht nur Musik suchen, sondern auch damit zusammenhängende Informationen finden, Musik nach meinem Geschmack zusammenstellen lassen und das Ganze möglichst ohne Aufwand verwalten. Dazu werden heute Techniken entwickelt, die Musik suchen (zum Beispiel über AudioID), die Ähnlichkeit von Musik beurteilen und automatisch eine Einteilung nach Genres vornehmen.

Für die Musikähnlichkeitsbewertung gibt es eine Reihe von verschiedenen Verfahren: große Datenbanken, die von Menschen (mit hohem Aufwand) gepflegt werden, eventuell auch von einer Community der Nutzer, die jeder etwas beitragen, halb- und vollautomatische Verfahren, die wesentlich günstiger im Betrieb sind, aber ganz sicher noch nicht so viel von Musik verstehen, wie ein geübter Musikredakteur.

Ach ja, eines fehlt noch, um dem Traum von der intelligenten Stereoanlage einen Schuss Realität zu verpassen. Nach dem fünften Musikstück ist mittendrin plötzlich Schluss. Die Anzeige meiner Anlage zeigt erst ganz viel blau, dann sagt Sie: "Nach einem schweren Systemfehler wurde ich neu gestartet. Bitte die letzte Anweisung wiederholen." Auch Stereoanlagen sind nur Computer, und die stürzen nun mal immer mal wieder ab - auch in der Zukunft.

Mehr lesen über