Kehrtwende Sony mag jetzt auch MP3s
Sony verfolgte stets eine ganz eigene Strategie in Sachen Unterhaltungselektronik. Immer wieder wollte der japanische Konzern mit selbst entwickelten Formaten Standards setzen. Ein ehrgeiziges Unterfangen, denn häufig existierte in der Branche bereits ein Quasi-Standard. So konkurriert Sonys Memory-Stick mit Compact-Flash-Speicherkarten und weiteren Formaten, die Mini-Disc mit der Audiokassette und später der CD.
Als das MP3-Format immer mehr zum Standard für komprimierte Musik wurde, hielt sich Sony demonstrativ zurück. Während die Konkurrenz, allen voran Apple mit seinem iPod, MP3-fähige Taschenplayer auf den Markt brachten und damit Millionenumsätze einfuhr, bastelte Sony an seiner eigenen MP3-Version.
Atrac heißt das Sony-eigene Kompressionsformat, das mit MP3 nicht kompatibel ist. Ein herkömmlicher Flashplayer kann damit ebenso wenig anfangen wie ein iPod. Sony wollte MP3 vor allem deshalb nicht unterstützen, weil die Musikdateien keinerlei Kopierschutz oder Rechtemanagement enthalten.
Ein Produkt aus dem Hause Sony, das problemlos Titel abspielt, die aus Tauschbörsen stammen, so etwas wollten die Sony-Manager nicht haben. Durchaus nachvollziehbar, schließlich ist Sony nicht nur ein Hersteller von Computern und Unterhaltungselektronik, sondern auch ein führender Medienkonzern. Künstler wie Anastacia, Barbra Streisand oder George Michael sind bei Sony Music unter Vertrag.
Außerdem verwies der Konzern immer gern darauf, dass Atrac ja viel besser sei als MP3 und diesem Format deshalb die Zukunft gehöre. Doch nun hat ein Umdenken eingesetzt - zumindest teilweise.
"Wir überdenken gerade unsere Strategie in Sachen MP3", sagte laut ZDNet Frankreich ein Sony-Manager vor einigen Tagen in Paris. "Wir wollen unsere Flash-Player MP3-kompatibel machen und prüfen, ob dies auch für Festplattenplayer möglich ist." Eine Sprecherin von Sony USA bestätigte die Pläne.
Offenbar waren es die Beschwerden von Kunden, die zur Kehrtwende führten. Nutzer von Flash-Playern wollten häufig Titel vom PC auf ihren Player überspielen, berichtete der Manager. Wenn es sich dabei um MP3s handelte, mussten diese erst zeitraubend und mit Qualitätsverlusten in das Atrac-Format umgewandelt werden. Dies soll künftig nicht mehr nötig sein.
Wenn man das Kopieren von Musik schon nicht verhindern kann, dann sollen die Leute dies zumindest auch mit Sony-Playern erledigen - so könnte man den Meinungswandel interpretieren. Offenbar hat sich der Pragmatismus durchgesetzt.
In seinem eigenen Online-Musikshop Connect will Sony aber weiterhin am Atrac-Format festhalten. "Wir sind überzeugt, dass es sich um das beste Format auf dem Markt handelt", sagte ein Sony-Sprecher. "Aber es ist klar, dass der iPod der Referenzplayer ist. Und dieser unterstützt MP3."
Nach Angaben von Sony ist eine endgültige Entscheidung zu MP3 aber noch nicht getroffen. Näheres wolle man im Oktober bekannt geben. Doch ein Rückzieher scheint kaum noch vorstellbar, wenn Sony auf den Märkten für Online-Musik und portable Player ernsthaft mitmischen will. Vielleicht verstehen die Manager des Konzerns auch langsam, dass eine MP3 nicht automatisch illegal ist, nur weil sie kopiert werden kann.
Holger Dambeck