Kino digital: Die Kleinen bleiben auf der Strecke - DER SPIEGEL
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Kino digital Die Kleinen bleiben auf der Strecke

Internet und E-Commerce verändern ganze Industrien. Überdeutlich wird das am Beispiel der Film- und Fernsehbranche. Für Produzenten, Sender, Kinoketten und auch Kunden entstehen völlig neue, aufregende Möglichkeiten. Für einige der Branchen der Unterhaltungsindustrie bedeutet die Digitalisierung Profite - für andere schlicht die Pleite.
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Neue Internet-Technologien werden nach Einschätzung von Branchenexperten in drei bis fünf Jahren die Film- und Fernsehwelt und den gesamten Unterhaltungssektor grundlegend verändert haben. Den Fernseher könne man bald vergessen, heißt es. "In Zukunft wird jeder über das Internet Video schauen", sagt Takashi Asai, Chef der japanischen Filmvertriebs- und Produktionsfirma Uplink. Nicht nur kurze Videoclips, sondern auch Spielfilme würden bald in voller Länge via Internet übertragen werden.

Eine Gefahr, die zumindest von amerikanischen Fernseh-Networks wahrgenommen wird: Zwölf von ihnen schlossen sich in der zweiten Märzwoche zu einem landesweiten Sendenetzwerk zusammen, über das Musik, Videos, Spiele, Software und andere Dienste vertrieben werden sollen. "iBlast", so der Name des Networks, gehören 143 einzelne Fernsehsender an, die rund 80 Prozent der amerikanischen Haushalte erreichen. Ziel der Ausstrahlung ist dabei nicht mehr der Fernseher, sondern der PC. iBlast will seine Dienste ab Frühjahr 2001 anbieten.

Auch Videotheken dürften ein Auslaufmodell sein: Nicht nur das Web, auch TV-on-demand-Dienste und das Pay-TV sitzen der Kassettenindustrie im Nacken. Schon in drei bis fünf Jahren werden sich Internet-Nutzer tausende von Spielfilmen in Sekundenschnelle aus dem Cyberspace herunterladen können. Nur wenige Fachleute glauben jedoch, dass das Internet in Zukunft das Kino verdrängen werde - die Größe der Kinoleinwand und das Vergnügen eines Kinoabends in Gesellschaft könne nicht ersetzt werden durch eine Set-Top-Box.

Zeitenwende im Kino

Betroffen wäre das Kino trotz alledem. Längst geht der Trend hin zu digitalen Produktionsweisen und -vertriebsformen. Das ist nur konsequent: Bisher werden digitale Tricks in aufwendigen Verfahren in herkömmliches Filmmaterial "eingespielt". Auch Traditionsfirmen wie Arri - weltweit führender Spezialist für Filmkameras - haben ihre Geschäfte längst auf die Produktion von "Laserbelichtern" ausgedehnt: Digital erzeugte Filmsequenzen werden mit solchen Belichtern auf herkömmliches Filmmaterial übertragen.

Doch auch das ist nicht mehr als eine technologische "Krücke". Fortschritte bei der Entwicklung sowohl digitaler Kameras als auch digitaler Projektoren lassen erwarten, dass die volldigitale Produktion schon bald zum Standard werden wird.

Für die Filmindustrie hätte eine "totale Digitalisierung" von der Produktion bis zur Auslieferung unübersehbare Vorteile: "Wichtige" Filme starten mit 600, 700 und mehr Kopien allein in Deutschland. Jede einzelne Kopie kostet die Filmfirmen bis zu 2000 Dollar - und ist zudem nur von begrenzter Haltbarkeit. Dazu kommen die Kosten für die Lagerung und Auslieferung. Digitale "Kopien" könnten in Form von DVD-Disks verschickt oder über Onlinemedien, Satelliten oder Richtfunk verbreitet werden. Die Kosten für die Produktionsfirmen gingen gegen Null.

Eine digitale Distribution würde den exorbitanten Kostenfaktor Vertrieb weitestgehend auf den Kunden verlagern: Ganz so, wie sich der TV-on-demand-Kunde zu Hause seine Filme über Onlinemedien und Set-Top-Box "abholen" würde, müsste auch der Kinobesitzer sich die Top-Hits "downloaden". Betroffen wären nicht nur die Kinos, sondern auch alle flankierenden Industrien: Das reicht von Filmkopierwerken über spezialisierte Lagerfirmen bis hin zu Speditionen.

Der Zahl der Startkopien eines Filmes wären keine Grenzen mehr gesetzt. Im besten Fall hieße dies, dass auch kleinere Filme eine Chance hätten, am Markt Erfolg zu haben. Im schlimmsten Fall ginge es auf Kosten der Vielfalt: Jeder zeigte nur noch den neuesten Kassenhit. Die Profitmargen der Filmindustrie gingen steil nach oben, während andere Branchen ihr Geschäft verlören. Den Service- und Zuliefererbranchen der Entertainment-Industrie drohte eine Pleiten- und Kündigungswelle.

Noch ist digitale Kinotechnik teuer

Noch vor wenigen Jahren galt, dass digitale Projektoren nicht lichtstark genug seien, um in Kinos eingesetzt zu werden. Diese Zeit ist vorbei, die Technik ist so weit. Ihren bisher spektakulärsten Auftritt hatte die digitale Projektionstechnik bei der Grammy-Verleihung 2000: Alle Bühnenprojektionen liefen über Digitalprojektoren. Die warfen ihre Bilder auf eine rund sechs Meter breite, halbrunde Bühnenleinwand - verzerrungsfrei. Kinobesitzern entstünden durch digitale Projektoren somit auch völlig neue Darstellungsmöglichkeiten.

Ein Stolperstein bleibt allein der Preis der Hardware: Hochqualitative Digitalprojektoren kosten ein Vielfaches herkömmlicher Apparate. Experten schätzen die Kosten, selbst wenn die Projektoren in Massen gefertigt würden, auf 140.000 bis 240.000 Mark pro Gerät. Optische Projektionsgeräte sind für ein Zehntel dieses Preises zu haben. Doch schon machen sich Digitalprojektoren auch für den Heimbereich breit, wie erst kürzlich auf der Cebit zu sehen war, und befeuern sowohl den Entwicklungsfortschritt als auch den Preisverfall.

Die Argumente für eine Umstellung auf digitale Produktions- und Vertriebsmethoden sind zu stark, um die Technik allein am Preis scheitern zu lassen. Nicht zuletzt würde die digitale Distribution bedeuten, dass eine Portierung vom Kinofilm hin zum Fernsehen entfiele: Datei ist Datei. Gut möglich, dass sich die Reichen dieser Welt die neuesten Kinofilme bald "on demand" auf ihre hauseigene "Kino"-Set-Top-Box liefern lassen - das "gemeine Volk" sieht sie daheim dann wenige Monate später über TV-on-demand.

Bei der Durchsetzung digitaler Techniken kommt es nicht primär auf die Medienschaffenden an, sondern auf die Vermarkter der Medien - und die schlafen durchaus nicht. Obwohl die maßgeblichen Entwicklungen aus den Vereinigten Staaten kommen (federführend bei der Entwicklung digitaler Projektoren war Texas Instruments - unterstützt durch Gelder des Verteidigungsministeriums), wird ihre Nutzung gerade in Europa erprobt. Während die kanadische Großkinokette IMAX noch in die Entwicklung digitaler Projektoren investiert, werden Filme digital bereits in Luxemburg, Paris, London, Manchester und anderen Städten gezeigt.

Während Branchen-Analysten davon ausgehen, dass in den Vereinigten Staaten bis zum Jahr 2002 nur rund 200 Kinos mit digitalen Projektoren ausgestattet sein werden, kommt die Digitalisierung in Deutschland quasi durch die Hintertür. Im November letzten Jahres kündigte die UFA-Kinowerbung an, bis zum September 2000 rund 600 Kinos mit zusätzlichen Digitalprojektoren ausrüsten zu wollen - die Werbung käme dann digital, der Hauptfilm konventionell. Bis Mitte nächsten Jahres sollen 1000 weitere Kinos folgen.

Seit November 1999 erprobt die Société Européenne des Satellites SES die Ausstrahlung von "High Definition E-Cinema"-Filmen über Satelliten. Texas Instruments zeigte "Toy Story 2" volldigital in Versuchskinos in Paris und Brüssel. Üppig Gelegenheit für die Erprobung digitaler Distributions- und Vorführtechniken gibt es spätestens dann, wenn Georg Lucas den nächsten Star-Wars-Teil abschließt: Den will er volldigital produzieren - und ausschließlich digital in den Vertrieb geben. Ein Kino, das dann nicht digital aufgerüstet ist, wird den Film nicht zeigen können. Das zeigt, wo der Zug hingeht: Die großen Kinoketten, Zulieferer, Produktionsfirmen und Sender werden gewinnen - und die Kleinen bleiben auf der Strecke.