KOLUMNE Nützliche Fehler
Ich habe ein Problem mit Windows. Das ist normal, wahrscheinlich gibt es überhaupt niemanden, der kein Problem mit Windows hat. Nur ist mein Problem nicht normal. Mir will nicht einleuchten, warum Windows so abgrundtief schlecht sein soll, wie es seine Kritiker darstellen. Verschwörungstheorien haben mich noch nie überzeugt, deshalb glaube ich nicht, daß Bill Gates die Welt erobern will. Auch der Richter Thomas Penfield Jackson in Washington scheint daran immer mehr zu zweifeln. Er hat letzte Woche das Kartellverfahren gegen Microsoft wieder um ein paar Wochen vertagt. Der Prozeß soll nun am 15. Oktober beginnen und wird wahrscheinlich mit einer Niederlage der Anklage enden. Das wundert mich nicht, weil mich die Theorie des Monopolkapitalismus ebenfalls nie so recht überzeugt hat, die nun ausgerechnet Netscape, Sun und die amerikanische Regierung gegen Microsoft ausgegraben haben. Windows 98 verkauft sich derweil leidlich gut. Ich wollte wissen, warum, und habe, nur um Bill Gates zu ärgern, im Eingabefeld für Dateinamen des sogenannten Explorers das Wort "Depp" eingetippt. Das Ergebnis war die Homepage von Johnny Depp auf meinem Bildschirm. Was soll man dagegen sagen? Komplett mißlungen kann ein solches Programm wohl kaum sein, vielleicht ist es sogar genial in seiner Art.
Es ärgert mich trotzdem. Die Homepage von Johnny Depp ist durchaus lesenswert, aber nicht ganz das, was ich haben wollte. Ich wollte eine jener Fehlermeldungen produzieren, die bei Windows legendär sind. Nur gelang mir das auch diesmal nicht. Es stürzt nichts ab, weder Word noch Photoshop, und wenn einmal doch, dann ohne Fehlermeldung. Das ist es, was mich stört. Computerprogramme stürzen nun mal ab, das ist normal, ich möchte bloß wissen, warum, vor allem dann, wenn es um den Zugang zum Internet geht. Ich bestehe auf verständlichen Fehlermeldungen, weil ich sie zur Weiterbildung brauche. Das Internet ist vielleicht schon morgen ein Massenmedium, heute noch nicht. Heute ist es noch ein komplexes technisches System, das man wenigstens in seinen Grundzügen verstehen muß, um es wirklich benutzen zu können, und das meiste, was ich über das Internet weiß, habe ich aus Fehlermeldungen gelernt. Allerdings nicht von Windows, sondern aus den Logfiles und Fehlersuchoptionen von Linux und OS/2.
Mit Windows wäre ich so dumm wie am ersten Tag. "Es nimmt niemand ab" ist so ziemlich alles, was mir Bill Gates mitteilt, wenn schon der erste Schritt fehlschlägt, nämlich die Telefonverbindung zu meinem Zugangsknoten. Offenbar hält er mich für ein Kleinkind, dem er alles erzählen kann. Wenn mein Modem anruft, nimmt aber niemand den Hörer ab, und ich möchte nicht mit solchen Ammenmärchen abgespeist werden. Es geht nämlich auch ganz anders. Neulich, als das Mailprogramm versagt hat, habe ich OS/2 angewiesen, mir mal die einzelnen Schritte anzuzeigen. Es war wunderbar, es stellte sich heraus, daß die Computer überaus höflich und weltläufig miteinander umgehen. Der eine sagt seinen Namen, der andere antwortet freundlich-fröhlich mit einem: "Pleased to meet you".
Den Dialog habe ich ausgedruckt und an die Wand gehängt. So ist das Internet. Es ist keine Datenautobahn, sondern ein Urwald, ein Chaos, in dem die gelungene Kommunikation die Ausnahme ist und nicht die Regel: "Freut mich, Sie zu sehen". Natürlich sind es nicht die Maschinen, die so reden. Programmierer haben solche Sätze in ihre Codes geschrieben, bessere, vor allem geistreichere Programmierer als die von Microsoft. Sie hatten ihren Spaß daran und wußten dennoch, was sie taten. Ihre Begrüßungsformeln enthalten eine echte Information. Die Verbindung ist aufgenommen, besagt sie, an dieser Stelle lag der Fehler meines Mailprogramms offenbar nicht. Ich habe ihn danach mit Hilfe des weiteren Dialogs leicht gefunden und war glücklich darüber. Ohne ihn hätte ich nie erfahren, was die Computer sich erzählen.
Wenn das Web bald so selbstverständlich sein sollte wie das Fernsehprogramm, wird sich dafür niemand mehr interessieren. Die höflichen Sätze der Programmierer werden in Vergessenheit geraten. Manche Server sind schon heute ziemlich wortkarg, sie teilen nur noch ihre Aufnahmebereitschaft mit. Es freut sie nicht mehr, daß jemand Verbindung aufgenommen hat. Das ist schade, aber wohl unvermeidlich, wenn man sich schon so lange kennt und der Urwald planiert ist.
Von diesem Zustand ist aber gerade Windows meilenweit entfernt. Die berüchtigte Fusion des Browsers mit dem Betriebssystem macht die Bedienung des Computers keineswegs einfacher. Oft ist sie eher verwirrend. Auch unter Windows 98 ist der PC noch lange kein Netzfernseher. Wie jeder andere Computer muß er über etliche Hintergrundprogramme an das Internet angeschlossen werden, nur ist davon nichts mehr zu sehen. Wer bloß Windows kennt, kann von den Dialogen, die Programmierer für ihre Maschinen geschrieben haben, nichts wissen und daher auch nichts daraus lernen. Bill Gates ist ein Verpackungskünstler. Auf der Oberfläche von Windows soll alles perfekt funktionieren. Er scheint eine geradezu panische Angst vor all den ganz normalen Fehlern zu haben, die bei jeder einigermaßen intelligenten Technik unvermeidlich sind. Ich jedenfalls habe in den Hunderten von Menüs, mit denen Windows 98 die Festplatte füllt, keine einzige für Laien zugängliche Möglichkeit entdeckt, einem Problem auf den Grund zu gehen.
Offenbar darf nichts schiefgehen, gib "Depp" ein und du findest Depp. Wenn nicht, findest du gar nichts, nicht einmal einen sinnvollen Fehler. Das ist mein Problem mit Windows, das bei mir seltsamerweise nie abstürzt. Das wiederum mag auch daran liegen, daß ich es selten benutze. Ich traue dem Frieden nicht. Ich will vernünftige Fehlermeldungen haben, sonst lasse ich die Finger davon.
SPIEGEL ONLINE 39/1998 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags