Lautstark Volle Dröhnung auf die Ohren
Die legendäre CD "Brothers in Arms" der Dire Straits erschien 1985. Sie wurde 1995 und 2005 erneut veröffentlicht mit einem drastischen "Remastering". Der Dauerschallpegel des Titels "So Far Away" betrug 1985 noch 88 Dezibel (dB), 1995 bereits 93 dB und 2005 dann 99 dB - elf dB mehr für die gleiche Musik.
"Das bedeutet eine Verdoppelung der Lautstärke - und mehr als zehnmal mehr Schallenergie, die vom Gehör zu bewältigen ist", sagt Beat Hohmann, bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) als Bereichsleiter für die Physik in der Arbeitssicherheit tätig. Spezialisten des größten Unfallversicherer der Schweiz analysierten insgesamt 400 Musiktitel aus Pop, Jazz und Klassik.
Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva) stellte bereits 2007 fest, dass MP3-Player mit Ohrhörern das Gehör schädigen können. Bei fünf bis zehn Prozent der Benutzer bestehe das Risiko eines dauerhaften Gehörschadens. Aus einer Ende April veröffentlichten Studie der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt geht nun hervor, dass digital gespeicherte Musik in den letzten 20 Jahren grundsätzlich rund zehn Dezibel lauter wurde.
Gegenstand der Untersuchung waren digitale Formate wie CD, MP3, WMA oder WAV. Am stärksten traf diese Entwicklung auf Pop- und Rocktitel zu. Jazztitel konnten sich dieser Entwicklung zwar nicht entziehen, doch war der Anstieg mit fünf dB deutlich geringer. Nur bei den Klassikproduktionen blieb der Durchschnittspegel unverändert, weil die Lautstärkerelationen des Werks respektiert wurden.
Dahinter stehe die Idee der Musikbranche, dass sich laute Musik besser verkaufe. "Deshalb werden aktuelle Musiktitel verstärkt, komprimiert und verdichtet, bis keine Luft mehr drin ist", heißt es in der Untersuchung. Die Suva beurteilt diese Entwicklung kritisch, weil dies Konsequenzen für das Gehör hat.
Normal ist heute das Extrem
Auf einem Gerät nach Euro-Norm (Grenzwert 100 dB) erreicht Musik von 1985 maximal einen Dauerschallpegel von 90 dB und kann somit pro Woche zehn Stunden lang gehört werden. Aktuelle Musiktitel kommen aber auf hundert dB oder mehr. Das bedeutet zehnfache Schallenergie im Vergleich zu 1985. Mit hundert dB dürfte nur noch eine Stunde pro Woche Musik gehört werden.
Um Gehörschäden vorzubeugen, fordert Beat Hohmann, dass die Lautstärkenanzeigen künftig mit einer Schallpegelskala ausgestattet werden. Dank einer fortlaufenden Errechnung der Gehörbelastung sowie einer Warnung bei Überschreiten der Tagesdosis wüssten die Hörer zudem jederzeit, wie lange sie noch Musik risikolos genießen könnten.
Lesebeispiel: Wer zu 90 Prozent der Maximallautstärke von hundert dB Popmusik hört, sollte dies höchstens drei Stunden wöchentlich tun. Bei Oldies, Jazz und klassischer Musik sind bis zu zehn respektive 40 Stunden pro Woche bedenkenlos. Schwer vorzustellen, dass sich daran irgendjemand halten würde - aber leicht vorzustellen, dass der "Schalldruck-Geigerzähler" zum Teil des Entertainment würde: "Cool, meine drückt mit hundert dB ..."