Lindows-Gründer Robertson "Ich möchte die Welt verändern"
SPIEGEL ONLINE:
Seit Sie 1997 mit MP3.com die Unterhaltungsindustrie herausforderten, werden Sie als IT-Rebell bezeichnet. Nun haben Sie es mit Ihrer Linux-Variante Lindows auf einen noch mächtigeren Gegner abgesehen: Microsoft. Warum tun Sie sich das an?
Michael Robertson: Nennen Sie mich einen Rebell, oder was auch immer. Für mich liegt die größte Herausforderung darin, den Status Quo in Frage zu stellen. Und das mache ich nun mit Lindows.com, indem ich Microsofts Windows so viel Marktanteil wie möglich abzunehmen versuche.
SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie das denn schaffen?
Robertson: Unser Konzept ist eigentlich ganz simpel: Wir offerieren eine benutzerfreundliche Linux-Version für Desktop-Computer und wollen damit Konsumenten eine vernünftige und vor allem günstige Alternative zu Windows anbieten.
SPIEGEL ONLINE: Eine Kriegserklärung an den Redmonder Betriebssystem-Goliath...
Robertson: Klar. Mit Lindows fordere ich Microsoft heraus. Die haben mit ihrer Software bereits mehr Geld verdient als alle amerikanischen Technologiefirmen zusammen, und sie haben praktisch keine Konkurrenz.
SPIEGEL ONLINE: Und worum geht es Ihnen dabei? Um das Ideal des Open-Source-Prinzips, oder schlicht um Profit?
Robertson: Ich bin kein Altruist, sondern verfolge gezielte Geschäftsinteressen. Schaut man sich mal die Entwicklung der Preise von Software und Hardware an, wird schnell klar, dass die Kosten für Software im Gegensatz zur Hardware in den letzten Jahren trotz steigender Nutzerzahlen nicht gesunken, sondern sogar gestiegen sind. Und da das ja wirklich keinen Sinn macht, sagte ich mir, wenn nicht ich mit meinem Wissen und meiner Erfahrung Microsoft herausfordere, wer dann? Und so habe ich mit fünf Millionen US-Dollar Lindows.com gestartet.
SPIEGEL ONLINE: Dieser Betrag ist für Sie ja auch nur ein Taschengeld, seit sie vor gut einem Jahr MP3.com für über 370 Millionen US-Dollar an Vivendi Universal verkauften.
Robertson: Ich habe sehr viel Glück gehabt mit MP3.com und glaube, dass ich dadurch einige Verpflichtungen habe. Ich hatte zudem ja auch nie vor, eine kleine Firma oder etwa ein Café aufzumachen. Ich möchte vielmehr die Welt verändern.
SPIEGEL ONLINE: Sehr bescheiden. Microsoft hat derweil wegen angeblicher Verwechslungsgefahr gegen den Namen Lindows geklagt...
Robertson: Diese Klage ist doch absolut absurd. Deshalb haben wir in erster Instanz ja auch vor Gericht Recht bekommen. Microsoft beharrt darauf, als einzige Firma den Namen Windows benutzen zu dürfen. Als Apple jedoch einst Microsoft verklagte, hatte Microsoft argumentiert, dass das Wort Windows ein Alltagsbegriff sei. Und schließlich benutzen wir ja nicht mal diesen Begriff, sondern nennen uns Lindows.
SPIEGEL ONLINE: Es geht dabei ja so oder so wohl kaum um den Namen...
Robertson: Microsoft fühlt sich einfach bedroht und versucht uns daher juristisch abzuschießen. Zum anderen sollen wir mit der Klage geschwächt werden, indem wir Geld für Anwälte ausgeben müssen und von der eigentlichen Arbeit abgelenkt werden. Und nicht zuletzt sollen potenzielle Investoren abgeschreckt werden. Wir prüfen unserseits nun auch, ob der Markenschutz für Windows überhaupt rechtmäßig ist und gehen damit im April vor Gericht.
SPIEGEL ONLINE: Was ist eigentlich so anders an Lindows als an Linux? Und laufen tatsächlich Windows-Applikationen auf dem Betriebssystem?
Robertson: Wir haben uns am Anfang stark darauf konzentriert, das Konzept inzwischen jedoch umgestellt. Es geht bei Lindows schließlich nicht nur um ein günstiges Betriebssystem, sondern auch um die Anwendungsprogramme, und Windows-Applikationen kosten ja nach wie vor Geld. Wir konzentrieren uns daher nun auf Gratis-Linux-Anwendungen und offerieren für 99 US-Dollar Zugang zu unserem Softwarearchiv, wo wir neben HTML-Editoren, Spielen und einem Office-Paket rund 700 weitere Programme anbieten. In der Windows-Welt bezahlt man dagegen ja alleine für MS Office mehrere hundert Dollar.
Was kann Lindows nun wirklich? Robertson musste seine einst ambitionierten Pläne kräftig abspecken - an seinem Ehrgeiz ändert das nichts: Schon bald, meint er, könnte er Microsoft fünf Prozent des Marktes abgenommen haben. Mehr...
SPIEGEL ONLINE: Laufen Windows-Programme nun auf Lindows oder nicht?
Robertson: Nur einige wenige. Wir konzentrieren uns nur noch darauf, dass Windows-Software funktioniert, für die es kein Linux-Äquivalenzangebot gibt.
SPIEGEL ONLINE: Die Programme, die Sie im Download-Abo anbieten, gibt es aber doch ohnehin gratis im Netz?
Robertson: Das stimmt nur bedingt. Linux-Produkte sind nämlich nur kostenlos, sofern Zeit keine Rolle spielt. Wenn ich Stunden lang nach einer Software suchen muss und mich dann Ewigkeiten damit auseinandersetzen muss, wie sie funktioniert, ist diese ja nicht mehr gratis. Wir haben sehr viel Zeit in die Entwicklung unserer "Click & Run"-Technologie investiert, damit man über einen einzigen Klick Software auf dem heimischen Rechner installieren kann - das ist so einfach, dass sich mein fünfjähriger Sohn im Archiv bedient. Bei Linux ist die Installation und das Handling von Programmen dagegen alles andere als einfach.
SPIEGEL ONLINE: Es geht also auch darum, den technisch weniger interessierten PC-Nutzern die Linux-Berührungsängste zu nehmen?
Robertson: Unsere Botschaft ist: Wir machen Computerei einfach und vor allen Dingen auch bezahlbar. Denn Geld ist neben der Benutzerfreundlichkeit das Hauptargument für Lindows. Und unsere Rechner sind wesentlich günstiger als Konkurrenz-PCs.
SPIEGEL ONLINE: Sie meinen die 199 beziehungsweise 399 US-Dollar teuren Lindows-Komplettrechner, die Sie seit einigen Wochen mit Microtel über den Online-Ableger von WalMart anbieten?
Robertson: Ganz genau.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mit WalMart.com absichtlich einen Partner ins Boot geholt, zu dem sich garantiert kein Hardcore-Linux-Fan beim Rechnerkauf verirrt?
Robertson: Das hat sich so ergeben. Aber Linux-Freaks regen sich so oder so nur auf über Lindows, da wir nicht den Open-Source-Gedanken hochhalten, sondern einen kommerziellen Weg gehen.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Microtel-Lindows-PCs haben Sie denn bereits abgesetzt?
Robertson: Ich kenne die Verkaufszahlen nicht genau, aber die sind so gut, dass uns WalMart zu Verhandlungen in die Zentrale nach Arkansas eingeladen hat. Und auf jeden Fall werden wir demnächst auch in Ladenfilialen Lindows-PCs anbieten. Wir sprechen auch mit verschiedenen anderen Partnern.
SPIEGEL ONLINE: Wird es die Lindows-Maschinen dann auch bald in Europa geben?
Robertson: In Richtung Europa orientieren wir uns erst im nächsten Jahr. Bis dahin arbeiten wir daran, die Qualität von Lindows noch weiter zu verbessern und die Nutzung weiter zu vereinfachen.
SPIEGEL ONLINE: Wie viel Prozent Marktanteil denken Sie Microsoft weltweit abnehmen zu können?
Robertson: Wir orientieren uns am Server-Markt, wo Linux heute bereits zwischen 30 und 40 Prozent Marktanteil hält. Und ich sehe keinen Grund, warum dieser Anteil nicht auch im Desktop-Bereich erreicht werden könnte. Die Entscheidung für Linux ist schließlich in beiden Märkten die selbe: Linux ist viel billiger. Mittelfristig liegt unser Ziel für Lindows jedoch bei fünf Prozent.
Mit Michael Robertson sprach SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Jochen A. Siegle, San Francisco