Lizenzstreit Intels Kampf um Kerntechnologie
Vor vier Jahren waren sich die beiden Unternehmen noch einig. Gemeinsam unterzeichneten sie eine Vereinbarung, die es Nvidia erlaubt, sogenannte Chipsätze, die Grundlage jedes PCs, für Intel-Prozessoren herzustellen. Mit Einführung einer neuen Prozessorgeneration sei diese Abmachung jedoch hinfällig geworden, behauptet nun Intel. Nvidia hingegen beharrt auf seinem verbrieften Recht und vermutet, Intel versuche, einen grundlegenden Wandel in der PC-Technologie zu verhindern.
Jen-Hsun Huang, Präsident und CEO von Nvidia, ist sich sicher, Intels eigentliche Beweggründe zu kennen. "Im Kern geht es bei dieser Angelegenheit darum, dass die Zeit der CPU abgelaufen ist und die Seele des PCs sich schnell zur GPU verschoben hat. Dies ist eindeutig ein Versuch, Innovation zu unterdrücken, um ein rückläufiges CPU-Geschäft zu schützen", sagt Huang.
Und tatsächlich hat Intel mit stark rückläufigen Umsätzen zu kämpfen. Für das vierte Quartal 2008 meldete der Konzern einen Gewinneinbruch von 90 Prozent. Daran konnte auch der Netbook-Boom nichts ändern. Denn in Netbooks stecken zwar fast immer Intel-Chips, dann allerdings solche der Baureihe Atom - und die ist besonders günstig, wirft offenbar nur wenig Gewinn ab.
Mehr Kerne ...
Dass es Streit geben wird, war allerdings längst abzusehen. Schließlich haben die Chiphersteller Intel und Nvidia vollkommen unterschiedliche Ansichten darüber, wie man die Computer der Zukunft schnellermachen sollte.
Für Intel ist der Weg klar vorgezeichnet. Seit sich das Unternehmen aus dem Megahertz-Rennen verabschiedet hat, ist die Integration möglichst vieler Prozessorkerne auf einem Chip zum Firmenziel geworden. Das Argument: In modernen PCs laufen stets mehrere Programme parallel zueinander. Verteilt man sie auf die zur Verfügung stehenden Kerne, läuft jedes einzelne davon schneller, weil ungestört.
An Rechnern mit aktuellen Prozessoren vom Typ Core 2 Duo oder Core 2 Quad kann man das leicht nachvollziehen. Selbst wenn ein Virenscanner im Hintergrund läuft oder man eine CD brennt, lässt sich im Vordergrund weiter problemlos im Web surfen, chatten oder ein Brief schreiben. Speziell angepasste Software, die mehrere Kerne gleichzeitig nutzen kann, ist allerdings noch Mangelware. Programme, die sich darauf verstehen, mehrere Prozessorkerne auszunutzen, profitieren davon umso mehr, werden bei unveränderter Taktfrequenz schneller fertig als auf einem gleichschnellen Chip mit nur einem Kern. Bis zu 80 Kerne hat Intel bereits auf Testchips integriert. Die Evolution der Mehrkern-Chips soll nach Intels Plänen dafür sorgen, dass PCs künftig immer schneller werden - vorausgesetzt, dass immer mehr angepasste Software auf den Markt kommt.
... oder noch mehr Kerne?
Nvidia hingegen sieht nicht die CPU, den Hauptprozessor, sondern die GPU, den Grafikprozessor, als Weg in eine schnellere Computerzukunft. Auch das ist nachvollziehbar. Schließlich sind moderne Grafikchips zwar hochspezialisiert, in manchen Bereichen aber weitaus fixer als CPUs. Und weil eben nicht jeder PC-Anwender auch ein Hardcore-Gamer ist, der sich eine teure Grafikkarte kauft, entwickelte Nvidia eine Möglichkeit, seine Grafikkarten auch jenen Anwendern schmackhaft zu machen, die sich gar nicht mit Spielen anfreunden mögen.
Als Zusatzprozessor sollen die Grafikchips bestimmte Funktionen beschleunigen. Bis zu 240 Grafikprozessorkerne stopft Nvidia derzeit auf einen Chip. Aktuelle High-End-Grafikkarten verfügen über zwei solche Grafikprozessoren. Schon jetzt gibt es einige Photoshop-Grafikfilter und Videoprogramme, die sich der Leistung der Grafikchips bedienen, um bestimmte Aufgaben schneller abarbeiten zu können.
Auf der Computermesse Cebit, die kommende Woche in Hannover stattfindet, wird etwa die Karlsruher Software-Frma Nero eine neue Version ihrer Videokonvertiersoftware Move It zeigen, die Grafikchips nutzen soll, um Videos schneller als es per CPU möglich wäre, in Dateiformate umzuwandeln, die sich für MP3-Player und Multimedia-Handys eignen. Die Firma Cyberlink wird ein Update der Videobearbeitungs-Software PowerDirector vorführen, das Filmeffekte mit Unterstützung einer Nvidia-Grafikkarte besonders schnell berechnen können soll.
Genau in solchen Anwendungen sieht Nvidia die Zukunft seiner Grafikkarten. Statt nur in Spielen solle sie ihre Leistungsfähigkeit auch in Multimedia-Anwendungen ausspielen. Die CPU wäre in einem solchen System der Boss, der sich um das große Ganze kümmert, die Grafikkarte würde ihm alle rechenintensiven Routineaufgaben abnehmen.
Apple zwischen den Fronten
Genau so ein System haben wohl auch Apples Ingenieure vor Augen gehabt, als sie die Produkte für 2009 in Planung nahmen. Im Oktober letzten Jahres brachte das Unternehmen als erster Hersteller Laptops heraus, in denen zwar ein Intel-Prozessor die Hauptarbeit erledigt, die aber von einem Nvidia-Chipsatz samt Nvidia-Grafikkarte gesteuert werden.
Der Schritt war logisch. Kurzfristig, weil Nvidias Grafikchips einfach schneller sind als die von Intel. Langfristig, weil Apple angekündigt hat, mit seinem nächsten großen Betriebssystem-Update Mac OS X 10.6 "Snow Leopard" GPUs direkt unterstützen zu wollen. So sollen nicht nur wenige spezialisierte, sondern viele Programme die Leistung der Grafikkarte nutzen können.
Auch aufgrund dieser Ankündigung gilt es in Branchenkreisen als sicher, dass Apple seine Produktpalette 2009 nicht nur auf die neuen Intel-Prozessoren, sondern auch auf Nvidia-Chipsätze umstellen will. Sollte Intel seine Prozessoren nun aber per Gerichtsbeschluss an Intel-Chipsätze binden, stünde der Mac-Hersteller vor einem Dilemma.
" Appleinsider " fürchtet, Apple könne seine künftigen Profi-Macs dann zwar mit Nvidia-Grafikkarten ausstatten, damit diese von den Beschleunigungsfunktionen in Mac OS X 10.6 profitieren könnten, den iMacs und Macbooks bliebe dieser Weg aber verwehrt. Dort müsste Apple Intels integrierte Grafikchips verwenden - die nicht als Beschleuniger verwendet werden können. Das Ergebnis wären gewaltige Leistungsunterschiede zwischen der Mac-Oberklasse und den übrigen Apple-Rechnern.
Damit liegt "Appleinsider" zwar auf der richtige Fährte, aber doch ein wenig neben der Spur. Als dritte Alternative nämlich könnte Apple Intel-Chipsätze verwenden, und in Nvidia Grafikchips auf die Hauptplatine auflöten. Elegant aber wäre dieser Weg nicht.
Ob es tatsächlich so weit kommt, hängt nun von einem Gericht im US-Bundesstaat Delaware ab. Dort hat Marktführer Intel Klage gegen Nvidia eingerecht. Es soll Nvidia untersagen, Chipsätze zu entwickeln, die zum neuen Core i7-Prozessor kompatibel sind. Intels Argument: Die neuen Prozessoren seien gegenüber ihren Vorgängern derart grundlegend verändert worden, dass die alten Vereinbarungen auf sie nicht mehr anwendbar seien.
Der Hauptunterschied zu vorherigen Intel-Prozessoren: Während bisher ein Extra-Chip benötigt wurde, um den Arbeitsspeicher zu verwalten, werden dessen Aufgaben jetzt vom Prozessor übernommen, der deshalb schneller auf den Arbeitsspeicher zugreifen kann. Ein Testrechner mit einem der neuen Chips brach in einem ersten Test alle Geschwindigkeitsrekorde.
Seit einem Jahr, so die beiden Streitparteien, habe man bereits Gespräche über die strittige Frage geführt, sei aber zu keiner Einigung gekommen. Laut Intel-Sprecher Chuck Malloy hat das Unternehmen nun keinen anderen Weg mehr gesehen, als ein Gericht anzurufen, um zu einer Lösung zu kommen. Nvidia-Präsident Huang sieht dem Prozess gelassen entgegen. Er ist "überzeugt, dass die verhandelte Lizenz gültig ist".
Die Richter in Delaware haben damit die Aufgabe, nicht nur über eine Lizenzvereinbarung zu entscheiden, sondern auch darüber, ob in den PCs und Macs der nahen Zukunft Grafikkarten oder Hauptprozessoren bestimmen werden, wie schnell sich der Rechner am Ende anfühlt. Leicht wird das nicht.