"M-Commerce" Was trennt das E vom M?
Jeder kennt die Error-Meldungen der New Economy, die Unsummen, die für die UMTS-Lizenzen in England und Deutschland (anderswo aber nicht mehr) ausgegeben wurden.
WAP degenerierte schneller vom Hype zum Flop, als die ersten WAP-Sites erscheinen konnten. Und doch: Die beiden größten Wachstumsbranchen der letzten Jahre, Internet und Handy, sind schon heute kaum aus dem täglichen Leben wegzudenken. Das Synchronisieren der beiden, die mobile Datenübertragung, wird dafür sorgen, dass sie unseren Alltag in naher Zukunft noch stärker prägen.
So jedenfalls das Mantra der Vertreter des M-Commerce; so auch die Stimmung zur Cebit 2001. Zaudernde Kritiker halten dem entgegen: Wieso sollte ein mit SMS spaßender Handybenutzer bei 18.000 bps im "mobilen Internet" surfen, wenn sein Bildschirm zu Hause 20-mal so groß und bunt ist? Wieso sollte er mit GPRS nach Fußballergebnissen suchen, wenn ihn das ein Vermögen kostet? Wieso E-Mails auf dem Handy lesen, wenn man sie ebenso gut auf dem PC öffnen kann?
Jörg Zobel kennt diese Bedenken. Bei der Münchner Niederlassung der Boston Consulting Group wird er hiermit täglich konfrontiert. Und wie sein Wegweiser "Mobile Business und M-Commerce" dokumentiert, kennt er nicht nur die Fragen, er versteht auch den komplexen Hintergrund, der sich aus Technologie, Anwendungen, Marktforschung und Benutzerbedürfnissen zusammensetzt.
Denkt man beispielsweise an "Pioniernutzer", die Spaß suchende und SMS sendende Generation M sowie jene Geschäftsreisenden, die schon 1990 ein kabelloses Telefon (meist von AEG und so groß wie ein Schulranzen) hatten, dann wird schnell klar, dass Internet, SMS und i-mode keineswegs Zufallstreffer waren. So muss auch die Vorbereitung auf eine drahtlose Zukunft nicht zum Glücksspiel werden.
Ob Bluetooth, WAP oder i-mode, ob Navigationshilfen in Autos - die Vernetzung von Informationen ist nicht aufzuhalten. Der Annahme, M-Business sei ein Milliarden-Roulette, bei dem Gewinner und Verlierer vom bloßen Glück bestimmt werden, hält Zobel eine Analyse entgegen, die so plausibel ist, dass sie für fast jeden nachvollziehbar ist. Inwieweit sich M-Technologien im eigenen Gewerbe bemerkbar machen und wie man sich darauf vorbereiten sollte, ist anhand überschaubarer Checklisten zu überprüfen.
Zobel unterscheidet hierbei drei Kategorien: "Die Spitze des Eisbergs sind jene Branchen, die sich vollkommen verändern. Zum Beispiel Ticketing: Unternehmen, die nicht erkennen, dass ein Handy zum Alltags-Accessoire wird, das jeder überall mitnimmt, werden nicht anschlussfähig sein, wenn sie sich nicht darauf vorbereiten."
Check-in-Terminals ohne Personal gibt es bereits an Flughäfen, der Check-in ohne Ticket-Lesegerät ist nicht weit weg. "Auch für Versicherungen bieten sich da ganz neue Möglichkeiten, zum Beispiel für den Abschluss von Reiseversicherungen oder Short-Term-Lebensversicherungen."
Nicht ganz so radikal werden sich die Dienstleister der zweiten Kategorie umstellen müssen. "Auch im Service-, Vertriebs- und Marketing-Bereich wird man sich Gedanken machen, mit welchem Nutzen Daten mobil übertragen werden können. Schon heute wissen Netzbetreiber exakt, wo sich ein Handy befindet, kundenspezifische Angebote sind da nur eine Frage der Zeit - beispielsweise Sonderangebote eines Geschäfts, in dem man ohnehin regelmäßig einkaufen geht. Die Abrechnung erfolgt dann über Knopfdruck - jedenfalls bei kleineren Beträgen."
"Und auf der dritten Ebene betrifft es Firmen und Arbeitgeber, die damit effizienter arbeiten können. Im Lager muss nur noch der Barcode eines Produktes mit dem Smartphone abgelesen, die Bestandsmenge eingegeben werden, und mit vernetzten Computern wird entsprechend aufgestockt."
Kein Zweckoptimismus: Dass M-Commerce kommt, ist logisch
Gekoppelt mit dem Technologie-Wertbeitrag kann jeder für sich und sein Geschäft Zugzwang und Chancen erkennen. Beachtet man noch die sieben Prinzipien von Mobility (Ubiquität, Kontextspezifität, Datenproaktivität, Abschlussmöglichkeit, Interaktion, Unterhaltung und Remote-Control), so vervielfachen sich die Möglichkeiten, über die der für seinen Wirtschaftszweig Rat Suchende präzise aufgeklärt wird.
Das Angenehme an Jörg Zobels "Mobile Business und M-Commerce" ist neben seiner Bedienerfreundlichkeit (Hyper- beziehungsweise "Express-Reading" ist möglich, Hintergrundthemen und Denkansätze sind grafisch konsequent markiert), dass es nichts von dem Zweckoptimismus hat, der oft in jenen von der Industrie in Auftrag gegebenen Studien zu finden ist.
Genauso wie der PC mehr ist und mehr bewirkte als ein Großrechner, wie das Auto mehr bewegte als Menschen von A nach B, genauso wird das Internet auch in Zukunft noch einiges bewirken. Die Entwicklung von E- zu M-Commerce ist hierbei nur ein Element.
Dass Transaktionen vermehrt mobil abgewickelt werden, dafür sorgen schon existierende Technologien: der Übertragungsstandard Bluetooth; SmartCard sowie Micropayment-Angebote der Netzwerkbetreiber (beziehungsweise Anwendungen wie Paybox, die es in Kürze Hertie- und Karstadt-Kunden ermöglichen, drahtlos zu bezahlen); Lokalisierungstechnologien, wie sie in Automobilen schon bald so selbstverständlich sein werden wie Radios; des Weiteren, auch in Autos von Bedeutung: Voice-Browser.
Wann und ob und wie man sich Kinofilme auf einem Handy angucken wird, darüber muss man sich - noch - gar nicht den Kopf zerbrechen. Gleichgültig, ob man nun Fußballergebnisse abfragen möchte oder nicht, Smartphones werden kommen, und ihre Benutzer werden durch kommende Anwendungen so viel Zeit sparen, dass sie auch Zeit haben werden, mit dem Status und Ansehen spendenden Spielzeug zum Beispiel Menschen mit ähnlichen Persönlichkeitsprofil kennen zu lernen.
Wie auch immer die Zukunft genau aussehen wird, M-Business wird sie prägen. Wer mitmischen will, dem sei Zobels Analyse daher wärmstens empfohlen - wer nicht mitmischen will, der kann hier leicht nachvollziehbar erkennen, warum diese Einstellung so unklug sein könnte wie die des Buchhalters, der sich keinen "Rechner" anschaffen wollte. Anders ausgedrückt: Nur weil vor der Erfindung jener selbstklebenden Post-it-Notizzettel kein Mensch danach verlangte, war das kein Beweis, dass es dafür keinen Markt gab.
Jörg Zobel: "Mobile Business und M-Commerce. Die Märkte der Zukunft erobern". Carl Hanser Verlag, München; 220 Seiten; 59,80 Mark.