Marode Software: Datensalat beim Bundeskriminalamt - DER SPIEGEL
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Marode Software Datensalat beim Bundeskriminalamt

Ein neues Computersystem für das Bundeskriminalamt (BKA) und die Landespolizeien entwickelt sich zum Millionengrab. Eigentlich sollte am kommenden Sonntag der Probebetrieb aufgenommen werden. Doch bisher gibt das System "Inpol-Neu" den Polizisten mehr Rätsel auf, als sie damit lösen könnten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin/Wiesbaden - Für gewöhnlich geben sie sich sehr schweigsam und geheim, die Männer und Frauen vom Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden. Immer gut getarnt und natürlich hoch konspirativ den Schwerverbrechern auf der Spur.

Weniger konspirativ ging es dieses Jahr am Stand der Behörde auf der Computermesse Cebit in Hannover zu. Mit großen bunten Plakaten und ganz weltoffen machte das BKA dort für sich Reklame. Im Visier der Fahnder von der BKA-Personalabteilung: Gut ausgebildete und vertrauenswürdige Computerexperten.

Die werden dringend benötigt. Denn in den kommenden Wochen werden auf die Mitarbeiter der Computer- und Informationsabteilungen in Wiesbaden einige stressige Stunden zukommen. Unter dem Namen "Inpol-Neu" soll in diesem Jahr der Datenaustausch des BKA mit den Landesbehörden ganz neu organisiert werden. So der Planungsstand 1995.

Das neue System sollte das bisherige Informations-Programm Inpol ablösen, das bereits seit den 70er Jahren im Einsatz ist. Inpol dient als Vermittlungsstelle für Personendaten, Einzelheiten zu Straftaten und Tätern. Das BKA verwaltet die Datenbank und speichert die Informationen, die die Landesdienststellen in ihre Rechner eingeben.

Eingeständnis nach BKA-Manier

Doch das neue System bringt nur Ärger. Der ursprünglich geplante Projekt-Start am Ostersonntag wird nicht stattfinden. Die komplette Software für die Polizeireviere stehe noch nicht zur Verfügung, musste BKA-Sprecher Dirk Büchner am Montag nach einer Veröffentlichung im SPIEGEL eingestehen. Danach kehrte der Sprecher der Spürnasen zur altbewährten BKA-Sprachregelung zurück. Alles geheim, alles unter Verschluss.

Am Dienstag folgte eine zweite Erklärung. Tenor: Eigentlich funktioniert alles wunderbar, aber nicht alle Polizeidienststellen werden mit dem neuen System ausgestattet. Erst mal werde ein "Pilotprojekt" mit einer nicht genannten Zahl von Dienststellen gestartet, für die endgültige Inbetriebnahme gibt es noch nicht einmal einen Termin. Auch die Kosten mag das BKA nicht nennen. Immerhin aber gestehen die Geheimnis-Experten: Man habe den nötigen Zeitaufwand für die Planung "unterschätzt", deshalb komme es zu "Verzögerungen".

Polizisten, die an dem Projekt beteiligt sind, sehen das anders. Die Experten bei den Landesbehörden gehen heute bereits davon aus, dass sich selbst der Probebetrieb um mehrere Monate verzögert. "An eine Abschaltung des alten Systems ist bisher noch nicht zu denken", sagte ein Computerexperte der Berliner Polizei. Der Grund: Bisher funktioniert Inpol-Neu noch nicht.

Vorgänger als Mittel der Verbrechensbekämpfung erfolgreich

Grund für die Neuorganisierung: Das alte Inpol-System, das der damalige BKA-Chef Horst Herold als erstes und damals recht erfolgreiches Mittel zur Rasterfahndung eingeführt hatte, ist restlos veraltet.

Probleme gibt es reichlich. Neben altersbedingten Geschwindigkeitsproblemen ist die Datenstruktur das Hauptmanko. So sind bisher die Datensätze nach Straftaten geordnet. Da aber immer mehr Straftaten aus verschiedenen Deliktfeldern zusammenhängen, sind ganze Vorgänge zigmal in verschiedenen Datenbanken abgelegt worden.

Ein weiteres Problem ist die Verwaltung der Daten. Gibt ein Polizist in Bayern beispielsweise eine Anfrage nach einer Straftat in Hamburg in den Rechner, bekommt er häufig nur Angaben, wo er die entsprechenden Akten in Hamburg findet. Die Kommunikation läuft dann - sehr modern - "fernmündlich" weiter, ganz wie früher.

Inpol-Neu sollte eine Revolution werden

All das sollte jetzt anders werden. Durch eine neue Datenstruktur sollte zwar weiterhin mit bestimmten Deliktfeldern gearbeitet werden. Die Daten jedoch sollten in einer Zentraldatei gespeichert werden, wo sie je nach Abfrage abgerufen werden sollten. So der Plan.

Doch die Realität sieht anders aus: Bisher liegen vielen Landesbehörden noch nicht einmal die aktuellen Software-Versionen vor. Lediglich ein Probesystem der Abfragemaske "AGIL"(Arbeitsgemeinschaft Inpol Land) wurde bereits verschickt.

Doch die Maske, die von der Firma Debis entwickelt wurde, hat bisher mehr Tücken als Vorteile. So erscheinen bisher überhaupt keine Daten, wenn kein Datum eingegeben wurde. "Das System kann man bisher noch nicht einmal in der Schulung einsetzen", lautet das Fazit des Berliner Projektmitarbeiters. Eine Schulung, die bereits begonnen hatte, wurde bereits nach einem Tag abgebrochen, da überhaupt nichts funktionierte.

Nur eingeschränkter Pilotbetrieb

Trotzdem will das BKA am Ostersonntag die Datenbank in Wiesbaden hochfahren. Das Szenario für die nächsten Monate: Beide Systeme laufen parallel nebeneinander, das neue System steht aber lediglich für Abfragen zur Verfügung. Das BKA meint zu wissen, dass dies kein Problem darstellt, da die einzugebenden Verbrechensdaten ins alte Programm eingespeist werden und später in Inpol-Neu kopiert werden. Ob dies wirklich klappt, bezweifeln viele Computerpolizisten.

Doppelte Arbeit durch zwei Systeme?

Sie haben eine andere Befürchtung: Alle Daten müssen während des Pilotbetriebs in beide Systeme geschrieben werden, was einen doppelten Arbeitsaufwand mit sich bringt. Die Gewerkschaft der Polizei mahnte jetzt schon an, das dies mit der momentanen Personaldichte nicht zu leisten sei und befürchtet massive Überstunden. "Wir können diese Summen nicht aufbringen, da unser Haushalt bereits jetzt überlastet ist", sagte der Berliner Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Eberhard Schönberg, am Dienstag.

Die Kosten für die doppelte Arbeit könnten nach Meinung Schönbergs allein für Berlin schnell in den zweistelligen Millionenbereich gehen. Wären alle Bundesländer davon betroffen, würde sich ein Finanzierungsloch erheblicher Größe auftun.

Die Gewerkschaftler fühlen sich betrogen, bestreiten aber die Notwendigkeit eines neuen Systems nicht. "Wir brauchen die Datenbank zur Verbrechensbekämpfung, aber es ist ungerecht, dass die Berliner Polizei für die Fehler des BKA haften soll", so Schönberg weiter. Auch aus anderen Bundesländern sind diese Befürchtungen bereits geäußert worden.

Zu spät investiert

Manche Länder sind auch erst jetzt aufgewacht und haben gemerkt, dass sie vor der Einführung kräftig in Hardware investieren müssen. So haben Hessen und Bremen erst in den Haushalten für 2001 die ersten Gelder bereitgestellt. Für eine zeitnahe Realisierung zu spät. So lange aber nicht alle Länder an Inpol-Neu angeschlossen sind, kann das alte System nicht abgeschaltet werden - egal ob die Software dann funktioniert oder nicht.

Wann Inpol-Neu deutschlandweit in den Probebetrieb geht, ist bisher völlig unklar. Sobald die Software einigermaßen bereinigt ist, muss diese erst noch in die Schulungen. Allein in Berlin müssen dann zur Grundversorgung mindestens 300 Beamte für das System fit gemacht werden. Bisher hatte das BKA geplant, das alte Inpol-System im Oktober diesen Jahres abzuschalten - ein Termin, der nicht mehr zu halten ist.