Media Lab Europe: Technik-Märchen im Futur - DER SPIEGEL
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Media Lab Europe Technik-Märchen im Futur

Das amerikanische Media Lab hat eine Filiale eröffnet: in Dublin, in Gebäuden der Guinness-Brauerei. Irische Akademiker halten das für eine Verschwendung von Steuergeldern.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

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ie Zukunft riecht streng nach Hopfen und nach Brauereidunst. Man findet sie ganz einfach, immer der Nase nach, vom Dubliner Zentrum aus flussaufwärts den Liffey entlang, vorbei an heruntergekommenen Wohnblocks und Billigläden, bis zur Guinness-Brauerei, einer abweisenden Steinfestung, in der das schwarze Bier gebraut wird, brackig-bitter wie abgestandene Moorbrühe.

Hier, in einer engen Seitengasse mit Kopfsteinpflaster, in einem der ärmsten Stadtviertel Dublins, soll Irland sich neu erfinden als "digitaler Knotenpunkt Europas".

"Irland bildet die Speerspitze der digitalen Revolution", hatte Premierminister Bertie Ahern letzten Sommer großspurig verkündet, als er die weltweit erste Filiale des berühmten Media Lab der US-Elite-Universität MIT eröffnen durfte. Seit seiner Gründung 1985 verkauft das amerikanische Media Lab, dessen rund 80 Millionen Mark Jahresbudget fast ausschließlich von industriellen Sponsoren stammt, vor allem eines: Technikphantasien aus Plastik ­ technische Märchen, im Futur erzählt.

"Media Lab Europe"  (MLE) heißt nun der europäische Ableger, in dessen Aufsichtsrat auch Bono von der irischen Rockband U2 sitzt. Untergebracht ist das MLE in einem über 200 Jahre alten Hopfenlagerhaus am Rande des Brauereigeländes, vorläufig noch eine Großbaustelle, genutzt wird nur das oberste Stockwerk. Zwei Nachbargebäude sollen ebenfalls ausgebaut werden. Noch will das Aroma des Hopfens nicht aus den frisch geschliffenen Holzdielen weichen: Unterschwellig duftet es wie nach Erbrochenem.

"'Media Lab' ist zwar ein globaler Markenname, aber eigentlich sind wir ein echtes Start-up-Unternehmen", sagt Rudolph ("Rudy") Burger, seit Dezember Chef des MLE. Er hat kein eigenes Büro, Besucher empfängt er so beiläufig am Konferenztisch im Empfangsbereich des Instituts, als wäre man sich zufällig in einem Café über den Weg gelaufen.

Die Stühle sind aufgemotzte Hightech-Sitzmöbel. Alle Rechner sind per Funkmodem vernetzt, in den Ecken laden Hängematten zu kreativen Denkpausen ein. Bislang sind hier gut ein Dutzend Mitarbeiter tätig, binnen zwei Jahren sollen es 35 Forscher werden, plus 200 Studenten.

Burgers Erfolgsrezept klingt einfach: Man nehme das ruhmreiche Image des Media Lab bei Boston, klone das Mutterinstitut als eine Art Franchise-Unternehmen, würze das Ganze mit ein wenig Lokalkolorit ­ fertig. Auch in Indien und Lateinamerika sollen Filialen entstehen. McMedia Lab mutiert zur Weltmarke, vergleichbar mit Guinness, Coca-Cola und Pampers.

Burger hat einen Doktortitel von der britischen Eliteuniversität Cambridge, war jahrelang in den Chefetagen der Hightech-Konzerne Xerox und NEC beschäftigt, gründete dann diverse Start-ups. Mit seiner dynamischen Künstlertolle, dem schwarzen Rolli und einem Armreif wirkt er nicht wie der Direx einer Alma Mater, sondern eher wie ein Illusionskünstler vom Schlage eines David Copperfield.

Wie setzt man die New-Media-Märchen, die beim Media Lab geboren werden, in die Welt? Beim MIT wurde das gängige Uniforscher-Motto ("Publish or perish") abgewandelt: "Demo or die" ­ bastle Vorführgeräte oder stirb. Seit 16 Jahren beglückt das Media Lab die Welt mit Visionen von intelligenter Kleidung, schlauen Häusern und "denkenden Dingen". Abgesehen vom Kinderspielzeug "Lego Mindstorms" und einem verbesserten Airbagsystem, ist bislang das meiste im Reich des Visionären geblieben.

"Schrittweise Verbesserungen bestehender Technik sind langweilig", sagt auch Burger, "wir erfinden die Zukunft. Wer bescheiden ist, verschläft das nächste große Ding." Das nächste große Ding, die Technik von morgen, die Killer-Applikation, ist schwerer zu erjagen als ein Yeti ­ und vielleicht ebenfalls ein Hirngespinst. Doch der Glaube an diesen technischen Geniestreich ist es, was die Welt der Media Labs und ihrer Sponsoren im Innersten zusammenhält.

Oft kommen die Innovationen über einen harmlosen Geistesblitz nicht hinaus. Wer zum Beispiel das Institut betritt, wird von einem angebissenen Apfel auf einem großen Bildschirm begrüßt. Je mehr abgebissen ist, desto mehr Leute sind anwesend, denn jeder wird von einem Infrarotsensor erfasst ­ Big-Brother-Technik, aber in netter Form.

"Ich will neue Medien nutzen, um das Gemeinschaftsgefühl im öffentlichen Raum zu stärken", sagt Valentina Nisi aus Turin, die das Apfelsystem entworfen hat, eine 30-Jährige, die zuvor in Barcelona und Brüssel studiert hat. Nebenher promoviert sie am Trinity College, der mit über 400 Jahren ältesten Universität der Insel. Das MLE zahlt ihr ein Gehalt und die Studiengebühren. Nisi schwärmt von einer "Renaissance der Künste" im digitalen Zeitalter. Ihre Arbeitsbedingungen sind paradiesisch: Fachgrenzen gibt es hier nicht, Studenten aus aller Welt und allen Wissensbereichen arbeiten in einem hellen Großraumlabor in wechselnden Kleingruppen zusammen. Paradoxerweise sorgt gerade die schamlose Kommerzialisierung für eine derartige Spielwiese der Kreativität.

Noch traut das Media-Lab-Mutterhaus bei Boston seinem eigenen Auslandsexperiment nicht ganz und vergibt keine Universitätsabschlüsse an Mitarbeiter der Dubliner Filiale, sie bleiben vorerst Medienlaboranten zweiter Klasse. Wer ein Diplom will, muss sich an einer regulären Uni einschreiben.

"Normale Unis gibt es doch mehr als genug", sagt der coole Typ mit Koteletten und Silberkettchen, und zwar auf Deutsch, "aber hier können wir Dinge machen, die an der Uni nicht gehen."

Marc in het Panhuis, 30, ein Niederländer, der zuvor bei Shell geforscht hat, erzählt in glühenden Farben eine Story aus dem Übermorgen: Seine Forschungsgruppe bastelt unter dem Elektronenmikroskop an Minirechnern, die sich ­ fast wie biologische Viren ­ selbst zusammenfügen. Derlei Maschinchen könnten unpraktische Laborgeräte ersetzen; Diabetes-Patienten könnten winzige Blutzucker-Messgeräte einfach einnehmen, indem sie einen präparierten Lolli lutschen.

"Hallo, seid ihr da?", unterbricht eine Stimme von jenseits des Atlantik den Niederländer: Eine Professorin aus den USA hat sich per Telekonferenz dazugeschaltet und winkt von einer Leinwand herüber. Gary McDarby, 34, ein Ire im grünen Wollpullover, fläzt sich ins Sofa gegenüber der Leinwand und plaudert mit seiner Fernprofessorin, die bald zu Besuch kommen will. Auch nach Ende des Gesprächs läuft die Videoübertragung weiter, 24 Stunden am Tag.

McDarby, der in Australien promoviert hat, entwickelt Computerspiele, die Autisten aus der Isolation helfen und Jugendliche dazu bringen sollen, sich zu konzentrieren. Auf dem MLE-Campus will er einen Jugendclub einrichten, in dem hyperaktive Kids mit Spiele-Software daddeln, die heilsam wirkt wie eine Therapie. "Wir sollten Hightech nutzen, um Leute vom Rand der Gesellschaft wieder ins Zentrum zu holen", sagt McDarby. Und ein wenig klingt es so, als rede er über Irland selbst, diesen romantischen Vorposten Europas, mit weniger Einwohnern als der Großraum Berlin.

Derzeit braut sich ein Sturm über der Insel zusammen, warnt die ehrwürdige "Irish Times". 4000 Hightech-Arbeitsplätze seien seit Anfang des Jahres abgebaut worden. Die meisten Start-up-Firmen, so witzelt man vor Ort, seien jetzt nicht mehr "B2B" (Kürzel für den Business-to-Business-Handel im Internet), sondern "D2D": "Dying to dead" ­ sie sterben gerade oder sind schon tot. Irland ist mit all seinen Callcentern und CD-Kopierwerken lediglich die verlängerte Werkbank für ausländische Firmen geblieben, ein Steuer- und Lohndrückerparadies. Die Internet-Verbreitung in der Bevölkerung ist die niedrigste in Nordeuropa, ausländische Investoren klagen über zu langsame Leitungen.

Das MLE soll nun ein Zeichen setzen und als Zentrum eines neuen "Digital Village" weitere Forschungseinrichtungen in den armen Bezirk "Liberties" locken.

Allerdings regt sich auch Widerstand gegen die teure Symbolpolitik: Die konservative Regierung habe sich über den Tisch ziehen lassen, kritisieren Akademiker und Opposition. Der Staat hat nicht nur das Gebäude für knapp 40 Millionen Mark gekauft und vermietet es günstig an das MLE, sondern überweist 70 Millionen Mark Startkapital an das Media Lab. "Dabei belief sich das Gesamtbudget für Computerforschung und Mathematik bislang nur auf 1,2 Millionen Mark pro Jahr", sagt Mark Keane vom University College Dublin.

Jahrelang hatte das Media Lab zuvor mit Deutschland und Schweden verhandelt, konnte aber dort seine Forderungen nicht durchsetzen. "Die Regierung kriecht irgendwelchen amerikanischen Scharlatanen in den Hintern und überschüttet die mit unseren Steuergeldern", schimpft Seán Ó Nualláin, 41, Computerlinguist und schärfster Kritiker des MLE: "Ich könnte mit nur einem Prozent dieses Geldes einen ganzen Fachbereich aufziehen."

Nebenberuflich ist Ó Nualláin Musiker mitsamt Plattenlabel. Als seiner Uni das Geld fehlte, um ihm den Flug zu einem Partnerinstitut zu zahlen, organisierte er einfach ein paar Konzertauftritte in New York, um die Reise zu finanzieren.

Besonders ärgert die Kritiker, dass das MLE sich nicht der Evaluation durch Kollegen stellt, dem so genannten Peer-Review. "Das MLE hat absolute Narrenfreiheit, niemand kontrolliert, wofür die das Geld verpulvern", schimpft Ó Nualláin. Zum Abschied greift er eine Mandoline und singt auf Gälisch ein trauriges Volkslied über die Ausbeutung Irlands durch fremde Mächte: die britische Invasion im 17. Jahrhundert.

Im Medienlabor geht unterdessen die Jagd nach dem nächsten großen Ding unbeirrt weiter, lustvoll und harmlos wie immer. Die Italienerin Valentina Nisi hat inzwischen den Empfangsmonitor weiterentwickelt: Statt eines Apfels begrüßt die Besucher nun ein Pint Guinness-Bier.

HILMAR SCHMUNDT