Medienwandel: BBC steigt in IPTV ein - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Medienwandel BBC steigt in IPTV ein

Kein TV-Sender engagiert sich so aggressiv und innovativ im Bereich der neuen Medien wie die BBC. Nun steigt sie in den IPTV-Markt ein - und will im ersten Jahr eine Million Nutzer gewinnen. Ähnliche Träume pflegen auch ARD und ZDF, sehen sich aber erheblich heftigerem Widerstand gegenüber.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was ist dagegen zu sagen, wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender sich fleißig in digitalen Medien engagiert, dort innovativ wirkt und Akzente setzt und versucht, möglichst viele Nutzer an sich zu binden? Nicht viel, wenn das betreffende Angebot wie das der BBC vor allem mit herausragender Qualität besticht - außer, man versucht, sein Geld mit Medien zu verdienen.

Nirgendwo ist das deutlicher zu sehen als in Großbritannien, wo die BBC ein Web-Angebot unterhält, das locker 16 Millionen individuelle Nutzer im Monat anzieht und zu den erfolgreichsten - und teuersten - Webseiten weltweit gehört.

Das ist toll und zugleich wohl der Grund, warum sich in Großbritannien eine lebendige Online-Publisher-Szene nie hat entwickeln können. Gegen die Manpower und finanzielle Macht der BBC sieht jeder andere dort ziemlich mickrig aus. Im UK ist nicht nur der freie Äther, sondern auch der Webspace fest in öffentlich-rechtlicher Hand.

Wenn es nach Ashley Highfield geht, Chef der New-Media-Unternehmungen der BBC, dann gilt das bald auch für den Bereich des Fernsehens via Internet, kurz und unschön IPTV genannt. Auf eine Million Nutzer hoffe er im ersten Jahr, sagte er am Mittwoch bei der Ankündigung des offiziellen Starts des BBC-IPTV-Projektes. Mittelfristig aber ziele die "Beep" darauf, mit dem BBC iPlayer eine ähnliche Reichweite zu erreichen wie mit dem Web-Angebot. Den Startschuss am 27. Juli 2007 bezeichnete Highfield als ähnlich wichtiges Ereignis wie "die Einführung des Farbfernsehens".

Große Worte, könnte man meinen, aber unrealistisch ist das nicht: In Großbritannien ist die Akzeptanz für neue digitale Dienste, für Pay-TV- und On-demand-Angebote, erheblich größer als hierzulande. Während in Deutschland das Kirch-Imperium, seinerzeit die größte TV-Macht im Lande, am zaghaften, aber teuren Versuch, Pay-TV durchzusetzen, kläglich verreckte, sind in Großbritannien Pay-Angebote wie Sky erfolgreicher als die kostenlose Privat-Konkurrenz.

Volle Breit(band)seite

Und weil sie nicht gern kleckert, klotzt die BBC ihren iPlayer dann auch mit Macht auf den vermutlich hungrigen Markt: Ähnlich, wie das die Pläne von ARD und ZDF für den Herbst vorsehen, sollen die BBC-Programme jeweils für eine Woche abrufbar bleiben. Einmal heruntergeladen bleiben den Zuschauern immerhin 30 Tage, um die Dateien zu nutzen - dann sorgt ein DRM wie einst bei "Cobra, übernehmen Sie!" dafür, dass diese sich selbst vernichten. Weiter aufgebohrt werden soll der Player im Laufe des Jahres noch um Serien-Datenbanken, Untertitel- und Gebärdensprache-Features.

Und damit - zumindest in Großbritannien, denn nur BBC-Gebührenzahler dürfen bedient werden - auch niemand die Segnungen des neuen Angebotes verpasst, setzt die BBC auf Kooperationen. Noch laufen die Verhandlungen mit diversen Distributionspartnern, aber bei etlichen sind die schon so weit gediehen, dass man sie schon einmal zu nennen wagt: BBC-iPlayer-Inhalte, die neue Web-Nutzer der BBC zuführen sollen, wird man künftig bei AOL, MSN, Yahoo!, MySpace, Blinkx, Tiscali und anderen finden.

Und natürlich plant die BBC längst, den Player auch vom PC auf andere Plattformen wandern zu lassen. Noch in diesem Jahr sollen iPlayer-Inhalte auch über das Kabelnetz des Pay-Service Virgin Media auf dem Fernseher zugänglich gemacht werden. Früher noch soll der als Peer-to-Peer-Service konstruierte Downloadservice dann auch in Echtzeit gestreamte Programme bieten. Nicht, dass man die in der Betaphase wirklich vermissen müsste. Ab "Sendebeginn" sollen die Downloadkapazitäten ausreichen, mit einer 2-Mbit-Leitung Programme ohne Datenstau herunterladen zu können: Für 30 Minuten Programm, sagt Highfield, brauche man dann eben einen 30-Minuten-Download.

Umarmen, bevor man zerdrückt wird

Da legt die kommerzielle Konkurrenz die Ohren an, denn natürlich gibt es die längst. Das ITV-Netz betreibt On-demand-Angebote gegen Zahlung, Channel 4 baut seine Online-TV-Angebote fleißig aus, und auch Player aus anderen Business-Welten engagieren sich emsig. Ähnlich wie in Deutschland die Telekom mit ihrem Triple-Play-Angebot - nur weiter und erfolgreicher - betreibt Tiscali in Großbritannien über Internetprotokoll verbreitete Pay-TV und On-demand-Angebote.

Dass jetzt die der BBC traditionell unterlegenen TV-Konkurrenten von ITV und Channel 4 ihren Widerstand gegen die Digitalinitiativen der BBC sukzessive aufgeben, gar mit einem gemeinsamen Settop-Box-Angebot (Codename "Project Kangaroo") die Umarmung des Angstgegners suchen, bringt Jonathan Sykes von Tiscali auf die Palme. Das, wetterte er in einem Interview, sei erstens kontraproduktiv für die Pay-TV-Landschaft, zweitens aber rechtlich fragwürdig: Sollte so etwas einem öffentlich-rechtlichen Netzwerk wirklich erlaubt sein?

In Großbritannien scheint die Schlacht verloren, in Deutschland fängt sie gerade wieder an

Klar, denn solche Kooperationen topft die BBC vorzugsweise über ausgelagerte Tochterfirmen ein - Wettbewerbshüter haben da das Nachsehen. Dass die BBC im letzten Jahr mit der kommerziellen Tochter BBC Worldwide bei einem Umsatz von über 810 Millionen Pfund satte 111 Millionen Pfund Profit einfuhr, ist im United Kingdom eher ein Grund für Applaus als für Proteste. Und natürlich ist es nicht die BBC, sondern die Tochterfirma, die zusammen mit den kommerziellen Anbietern an der digitalen Zukunft strickt.

Letzte Scharmützel?

Da wirkt der erst am Montag bekannt gewordene Versuch des Open Source Consortiums (OSC), sich mit Beschwerden an die britische Rundfunk- und Telekommunikationsbehörde Ofcom und an die EU-Kommission zu wenden, schon fast hilflos. Die formalistisch anmutende Beschwerde der OSC: Die BBC unterstütze mit dem iPlayer nur die Windows-Plattform und schaffe so Wettbewerbsnachteile für Linux-Distributoren, Apple und andere.

Die Ofcom aber hatte bereits im Vorfeld signalisiert, diesen Punkt für wenig relevant zu halten: Bei der Kaufentscheidung für einen Computer und ein Betriebssystem sei der BBC iPlayer ja wohl nur ein kleiner Faktor von vielen.

Pikant daran ist unter anderem, dass die Ofcom in diesen Tagen prominente Unterstützung erhält: Tom Loosemore, wurde am Mittwoch bekannt, wird dort künftig die Entwicklung einer neuen öffentlichen Digitalplattform leiten, die mit einem Jahresbudget zwischen 50 und 100 Millionen Pfund ausgestattet werden soll. Loosemore wechselt von der BBC, wo er unter anderem Chef der Breitbandentwicklung, Chef der strategischen Entwicklungsabteilung und Controller bei der Entwicklung des BBC iPlayer gewesen war, zur Ofcom. Dass er sich in Frust oder Streit von der BBC getrennt habe, dementiert Loosemore übrigens.

Auch der Beschwerde an die EU bemühte sich Highfield den Wind aus den Segeln zu nehmen, bevor in Brüssel die üblichen Reflexe greifen konnten. Vor zwei Tagen berichtete die BBC selbst darüber, dass sie den Beschwerden des OSC durch Entwicklung weiterer Versionen für andere Betriebssysteme binnen sechs Monaten die Grundlage nehmen wolle. Erst, sagte Highfield gestern, sei aber der Fernseher dran, später im Jahr dann Mac- und Vista-Versionen des Players. Folgen solle dann irgendwann auch eine Mobil-Version, derzeit sei dies aber noch ein "Alptraum, wegen der Fülle konkurrierender Systeme".

Ist auch Deutschland auf dem Weg zum ÖR-Medienraum?

Wie geschickt, die Diskussion in eine Debatte über Machbarkeiten zu überführen. In Deutschland sieht das nach wie vor anders aus. Obwohl die EU-Kommission kürzlich ARD und ZDF eine Art Placet auf Bewährung für deren Digitalpläne erteilte, reiben sich sowohl Verleger, als auch TV-Unternehmen nach wie vor an den zunehmend ehrgeizigeren Expansionsplänen der Öffentlich-rechtlichen.

So wollen die deutschen Privatsender wegen der vor wenigen tagen teilweise bekannt gemachten Expansionspläne der ARD notfalls das höchste europäische Gericht anrufen. Was die ARD vorhabe sei "ganz klar rechtswidrig", sagte Jürgen Doetz, der Präsident des Verbands privater Rundfunk und Telemedien (VPRT), der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Die Rundfunkanstalt verstoße gegen ein zwischen den Bundesländern und der EU-Wettbewerbskommission erst kürzlich ausgehandeltes Genehmigungsverfahren für neue Angebote der ARD. "Eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof mit dem Ziel, die Vereinbarung mit der EU für nichtig zu erklären, ist sicherlich eine Option", sagte Doetz der Zeitung. Auch Klagen vor deutschen Gerichten würden geprüft.

Die ARD hat in der vergangenen Woche ihre Pläne in den digitalen Medien vorgestellt. Die Rundfunkanstalt will unter anderem die "Tagesschau" auch via Handy übertragen, ein Download-Portal für Programme einrichten und den Spartenkanal "Eins Extra" zum Nachrichtensender ausbauen. Kritiker sehen das alles nicht mehr als Grundversorgung, weil die bereits durch bestehende Angebote kommerzieller Sender, die sich teils mühsam am Markt behaupten, gegeben sei.

mit Informationen von AFP und AP