Microsoft: Blutbad im Sauberspace - DER SPIEGEL
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Microsoft Blutbad im Sauberspace

Der Software-Riese Microsoft drängt auf den hart umkämpften Markt für Videokonsolen ­ ein riskantes Spiel mit hohem Einsatz.
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Auf dem fernen Planeten "Halo" herrscht Krieg. Granaten krachen, Hubschrauber kreisen, Blut spritzt. "Ich krieg dich, Bastard!", knurrt John Howard, 26, der mit zerrissenen Jeans, verwegenem Bart und langen Haaren wie die Karikatur eines Altrockers wirkt. Doch das Monster ist schneller, springt hinter einem Bunker hervor und zerfetzt den Mann mit einer Salve ­ das Spiel ist aus. Howard steigt über das wilde Kissenlager am Boden, vorbei an der E-Gitarre in der Ecke und knipst das Licht an im schallgedämpften Testraum. Die Realität hat ihn wieder: Dies ist die Firmenzentrale von Microsoft in Redmond, einem Vorort von Seattle unweit der kanadischen Grenze. Willkommen im Sauberspace: endlose, weiße Gänge, flache Gebäude, dazwischen gerade Baumreihen, die aussehen, als hätte sie jemand mit einer Maus hingeklickt. "Halo" heißt das Ballerspiel, das Howard als "Lead Game Designer" gemeinsam mit einem Dutzend Programmierern derzeit entwickelt, um Microsoft den Weg in einen neuen, hart umkämpften Markt frei zu schießen. Doch die blutige Schlacht am Bildschirm ist nur ein Kinderspiel verglichen mit der Verkaufsschlacht bei Videospielen ­ es geht um einen weltweiten Jahresumsatz von über 30 Milliarden Mark, vergleichbar dem an den Kinokassen. Erst im März stieg der japanische Konsolenhersteller Sega aus dem Geschäft aus. Eine neue Generation vielseitiger Videokonsolen erobert die Wohnzimmer, Hochleistungsrechner im Toasterformat, die an den Fernseher angeschlossen werden. Vergangenes Jahr führte Marktführer Sony die Playstation 2 ein (PS2). Konkurrent Nintendo hat für die zweite Jahreshälfte eine Konsole der "nächsten Generation" angekündigt: den "Gamecube". Doch auf der Spiele-Fachmesse "Electronic Entertainment Expo" (E 3 ) in Los Angeles wurde vergangene Woche vor allem über den neuesten Herausforderer spekuliert: Microsoft. Ab Anfang November will der Software-Riese erstmals eine eigene Spielekonsole in den USA verkaufen: die XBox, ein Gerät mit Grafikprozessor, der pro Sekunde 125 Millionen Bildelemente verarbeitet. Die X-Kiste fußt auf normaler PC-Architektur, läuft mit einer abgespeckten Variante von Windows 2000 und verfügt sogar über eine 8-Gigabyte-Festplatte. Rund 1000 Mitarbeiter arbeiten an der Maschine. Allein die Marketingkampagne wird über eine Milliarde Mark kosten. Anfang nächsten Jahres soll die XBox zum Stückpreis von voraussichtlich rund 600 Mark auch nach Europa kommen. Analysten gehen davon aus, dass Microsoft pro Konsole rund 250 Mark draufzahlt. Das Geld wird erst durch den Verkauf von Spieleprogrammen und Lizenzen verdient. Neben "Halo" sind hyperrealistische Autorennen wie "Project Gotham" und skurrile Abenteuer wie "Munch's Odyssee" angekündigt ­ ein Muss für die weltweit rund 30 Millionen "Hardcore-Gamer". Die Zielgruppe der Spieleverrückten wird ständig größer ­ und älter. "Ich werde mir auf jeden Fall eine XBox kaufen", sagt etwa David Bennahum, 33, bekannt geworden durch seine Autobiografie "Extra Life", in der er die Computerspiele der achtziger Jahre als digitale Kummerkästen einer Generation von Scheidungskindern beschreibt. Ein wenig trauert Bennahum den Zeiten nach, als picklige Gymnasiasten noch selber Spiele programmierten. Die Entwicklung moderner Spiele dagegen kostet bisweilen zehn Millionen Mark. Um an das Ballerspiel "Halo" zu kommen, kaufte Microsoft einfach die Software-Firma "Bungie" auf und verpflanzte die Programmierer von Chicago nach Redmond. Die Konsolencowboys versuchen seitdem, ihre kahlen Büros mit zerschlissenen Cordsofas aufzulockern und hängen an musealen Spielhallengeräten herum, um "Pac Man" und "Robotron" zu spielen. Mit ethnologischer Akribie erforscht der Software-Konzern die Spiel-Zielgruppe: 400 Freiwillige kommen pro Woche ins XBox-Testlabor, wo sie von sieben bis zehn Uhr abends daddeln ­ von Videokameras gefilmt, von Marktforschern ausgehorcht. Während Sony die PS2 als Rechner-Ersatz versteht und sie gemeinsam mit AOL zum Internet-Terminal aufrüstet, soll die XBox nur zum Daddeln gut sein. "Wer will schon einen Toaster haben, mit dem man Telefonieren kann", tönt Robert Bach, ein Mann mit dem albernen Titel "Chief XBox Officer" (CXO) und dem eisernen Lächeln eines Autoverkäufers. Microsoft-Manager Bach thront im fensterlosen Konferenzraum 3089, der aussieht wie die Zentrale einer New-Age-Sekte: Am Kopfende des gläsernen Konferenztisches glimmt ein grünes X, flankiert von zwei Prototypen der Box, wie ein Reliquienschrein. Bach: "Wir wollen nicht den PC neu erfinden, sondern die Wohnzimmer erobern." Doch Kritiker bezweifeln, dass sich das Ziel erreichen lässt. "Die XBox ist schon heute veraltet", sagt Marlin Eller, 47, von 1982 bis 1995 leitender Software-Entwickler bei Microsoft. "Bis sie auf den Markt kommt, sind Gigahertz-Rechner mit Grafikkarte längst viel leistungsfähiger."
HILMAR SCHMUNDT