Microsoft-Chef Steve Ballmer: "Erst mal die Nummer zwei werden" - DER SPIEGEL
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Microsoft-Chef Steve Ballmer "Erst mal die Nummer zwei werden"

Windows 7 ist jetzt als Testversion im Netz, und an Yahoo ist er immer noch interessiert: Microsoft-Chef Steve Ballmer erklärt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die aktuellen Pläne des Software-Riesen und berichtet von seinem neuen Hobby - dem Studium historischer Wirtschaftskrisen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Ballmer, haben sie schon mal ein Netbook benutzt?

Ballmer: Klar.

SPIEGEL ONLINE: Was hat ihnen dabei gefallen?

Ballmer: Dass es leicht ist. Ich muss aber sagen, für die tägliche Arbeit würde ich so was nicht benutzen wollen. Ich mag größere Bildschirme und größere Tastaturen. Und weil mein Budget nicht besonders knapp ist, kann ich es mir leisten, einen Computer zu kaufen, der zwar leicht ist, aber trotzdem einen schönen Bildschirm hat. Für mich wäre so ein Netbook also nicht das Richtige, aber für viele Menschen sind solche Geräte bestimmt attraktiv.

SPIEGEL ONLINE: Der Erfolg der Netbooks hat dazu geführt, dass Windows XP viel länger als geplant weiterlebt. Welche Auswirkungen hat das auf die Entwicklung von Windows 7 gehabt?

Ballmer: Eigentlich keine.

SPIEGEL ONLINE: Keine Anpassungen an die kleinen Rechner, so dass Windows 7 da besser läuft als Vista?

Ballmer: Wir haben schon deutlich gezeigt, dass Windows 7 auf Netbooks läuft.

SPIEGEL ONLINE: Und das wird dann auch mit aktuellen Modellen funktionieren?

Ballmer: Sie werden sehen, dass das geht, wenn die Leute die Windows-7-Beta herunterladen und auf ihren Netbooks installieren. Wir haben das gestern selbst gemacht und Windows 7 auf ein Standard-Netbook mit einem Gigabyte Speicher aufgespielt, was problemlos geklappt hat. Letztlich müssen die Leute selbst entscheiden, was sie mögen. Wir werden definitiv nicht versuchen, Windows 7 auf jeder alten Kiste lauffähig zu machen. Aber Netbooks sind heute nicht mehr das, was sie bei ihrer Einführung waren. Sie haben mehr Speicher, sie haben Festplatten statt Flash-Speicher, ganz anders als noch vor einem Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Die Entwicklung von Windows 7 scheint viel näher am Zeitplan, als es bei Vista der Fall war ...

Ballmer: Es ist eins unserer Ziele, den Plan einzuhalten. Bei Vista haben wir viel versucht, wollten viele Innovationen entwickeln. Wenn wir dabei den Zeitplan einhalten konnten, war das gut. Aber wir haben lange versucht, zu viele neue Funktionen gleichzeitig zu entwickeln. Dann haben wir den Reset-Knopf gedrückt und gesagt: "Der Zeitplan ist auch eine Funktion". Aber bis wir so weit waren, hatten wir schon mehrere Jahre hinter uns, in denen wir immer neue Funktionen entwickelt und den Zeitplan immer wieder verschoben hatten. Auf diese Weise haben wir uns selbst die Zeit verschafft, Dinge zu entwickeln, die ihrer Zeit zu weit voraus waren.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich für Windows 7 also selbst diszipliniert? Würden Sie auch eigentlich geplante Funktionen über Bord werfen, um den Zeitplan einhalten zu können?

Ballmer: Sicher. Aber das ist nicht meine Entscheidung. Das Entwicklungsteam macht regelmäßig solche Einschnitte. Aber die Beta- enthält eigentlich schon alles, was die Endversion auch haben soll.

SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie, wie schnell Windows 7 von den Anwendern angenommen wird? Vista hatte da ja einige Probleme, vor allem bei Unternehmenskunden.

Ballmer: Die Wahrheit ist, dass es da wohl mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede geben wird. Neue Computer für Endanwender werden von dem Tag an mit Windows 7 ausgeliefert werden, an dem das neue System verfügbar ist, genau wie es bei Vista war. Firmen werden Windows 7 erst testen und erproben wollen, wenn sie noch mit Windows XP arbeiten. Wenn sie schon Vista einsetzen, werden sie weniger Arbeit haben, aber sie werden immer noch testen und erproben wollen. Der Unternehmensmarkt ist einfach langsam. Glaube ich nun, dass Firmen schneller auf Windows 7 umsteigen werden als auf Vista? Gut möglich. Sie sind ja schon schneller auf Vista umgestiegen als zuvor auf Windows XP.

SPIEGEL ONLINE: Aber mit Vista gab es doch einige Probleme.

Ballmer: Das Problem ist, dass erwartet wird, alle würden sofort umsteigen. Aber so was passiert nicht. Natürlich gab es Probleme mit Vista, aber der Prozentsatz von Firmen, die innerhalb der ersten zwei Jahre nach der Vista-Einführung auf Vista umgestiegen sind, ist höher als der entsprechende Prozentsatz bei Windows XP. Als XP herauskam, gab es dieselben Vorbehalte bezüglich der Kompatibilität zu Firmenanwendungen.

Kommt das Zune Phone oder kommt es nicht?

SPIEGEL ONLINE: Wird es jemals ein Telefon mit der Zune-Software von Microsoft geben - also ein Zune Phone?

Ballmer: Dazu haben wir derzeit keine Pläne. Wir pflegen unsere Strategie, mit solchen Partnern zusammenzuarbeiten, die den Kunden eine breite Auswahl unterschiedlicher Geräte bereitstellen können. Es wäre auch schwierig für uns, selbst ein Handy zu bauen und gleichzeitig mit unseren Partnern zusammenzuarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal gesagt, Sie würden sich für ungewöhnliches Wissen interessieren. Können Sie uns dafür Beispiele nennen?

Ballmer: Da gibt es zwei Dinge, mit denen ich mich gerade beschäftige. Das eine hat mit meinen vielen Auslandsreisen zu tun. Ich spreche nicht viele Sprachen, nur ein wenig französisch und etwas deutsch, weil mein Vater in der Schweiz aufwuchs. Jetzt versuche ich herauszufinden, wie in verschiedenen Sprachen der Begriff "Sohn von" zu einem Namensteil geworden ist. Auf Englisch wären das zum Beispiel Johnson, Williamson, Harrison.

SPIEGEL ONLINE: Das ist also ein Art Hobby. Und was ist das zweite?

Ballmer: Ich lese gerade viel über Zeiten, in denen die Wirtschaft, ähnlich wie heute, schwächelte. Dabei habe ich herausgefunden, dass es ähnliche Entwicklungen 1835, 1873 und 1929 gab. Kreditkrisen aufgrund von Grundeigentums-Spekulationen gab es sogar schon im Alten Rom und im antiken Griechenland. Einige meiner Leute haben mich mit Informationen über die wichtigen Wirtschaftsflauten der Geschichte bombardiert.

SPIEGEL ONLINE: Beeinflusst das die Art, wie sie ihre Geschäfte führen?

Ballmer: Ein wenig. Ich erwarte, dass die Wirtschaft neu durchstartet und von einem niedrigeren Niveau aus wieder wächst. Ich glaube nicht, dass wir hier nur einen Zyklus durchwandern und dann alles wie zuvor ist.

SPIEGEL ONLINE: Dass sich alles auf ein realistischeres Level als zuvor zurückbewegt?

Ballmer: Und dann kann unsere Gesellschaft wieder gemeinsam wachsen. 1873 gab es eine ähnliche Kreditkrise. Das Zentrum war damals Österreich, von wo aus sich die Krise global ausweitete. Auch Chicago war betroffen. Die Immobilienpreise fielen so drastisch, dass sie erst 1925 wieder das Niveau von 1873 erreichten. Ich hoffe das wird dieses Mal nicht wieder so lange dauern (lacht). Aber die Reaktion auf die Krise war damals sehr unreif. Die USA erließen drastische Beschränkungen für den Handel mit dem Ausland, was genau die falsche Maßnahme war, um die Wirtschaft wieder zu beleben. Heute würde man diese Fehler nicht wiederholen – hoffe ich.

SPIEGEL ONLINE: Letztes Jahr haben Sie das Internet-Anzeigengeschäft als das nächste Super-Dicke-Ding bezeichnet. Yahoo sollte ihnen dabei helfen, in diesem Markt erfolgreich zu sein. Jetzt, da der Yahoo-Deal geplatzt ist, wie machen sie weiter?

Ballmer: Internet ist ein großes Wort. Beim Yahoo-Deal ging es vor allem um Suche und darum, Schwung in die Internet-Suche zu bringen. Das ist nicht das einzige im Internet, aber es ist ein sehr wichtiger Teil davon – und der bei weitem profitabelste. Wir wären auch jetzt noch für eine Partnerschaft mit Yahoo im Bereich Suchmaschinen offen. Die haben zwar kein entsprechendes Signal gegeben, aber wir haben klargestellt, dass wir interessiert wären. Diese Möglichkeit besteht weiterhin. Aber wir sind auch bestens darauf vorbereitet, diesen Weg ohne Yahoo zu gehen. Zum Beispiel mit den Kooperationen, die ich gestern angekündigt habe.

SPIEGEL ONLINE: Aber können Sie ohne einen Partner wirklich erfolgreich im Internet werden?

Ballmer: Es hätte sicher Vorteile, einen solchen Partner im Bereich Suche zu haben. Sie sagen immer wieder Internet, wichtig ist nur die Suche. Bezogen auf das Internet sind wir Marktführer. Wir haben die populärste Web-Seite im Internet, aber darum geht es nicht. Im Suchmaschinenmarkt haben wir klare Pläne. Aber die lassen sich nicht über Nacht verwirklichen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben sie, dass sie in diesem Bereich eines Tages die Nummer eins sein werden?

Ballmer: Sicher, irgendwann mal. (wird lauter) Jetzt wollen wir erstmal die Nummer zwei werden, (noch lauter) dann eine starke Nummer zwei und (noch lauter) schließlich eine sehr starke Nummer zwei und dann Nummer eins.

(Wieder in Zimmerlautstärke) Aber eins nach dem anderen.

Das Interview führte Matthias Kremp

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