Microsoft Pilotprogramm für Verräter
Redmont - In einer Rundmail, die vom Internetdienst Aaxnet.com veröffentlicht wurde, hatte sich Microsoft bereits Ende April an tausende kleinere und größere Computerhersteller im Westen der USA gewandt. "Sie können Preise gewinnen! Hier steht, wie es geht."
Und das Prinzip ist denkbar einfach. Firmen, die sich an dem Pilotprojekt beteiligen, sollen alle diejenigen Kunden an Microsoft weitermelden, die ihren PC ohne vorinstallierte Windows-Software kaufen. In diesen Fällen befürchtet Microsoft Software-Piraterie. Vielleicht handelt es sich aber auch nur um Firmen, die ein alternatives Betriebssystem, etwa Linux installieren wollen. Egal, Microsoft will es wissen.
Das Computerunternehmen, das nun als erstes einen neuen Fall eines verkauften "nackten" PCs an Microsoft meldet, bekommt einen Punkt gutgeschrieben. Abgerechnet wird dabei pro verkauftem Rechner, nicht pro Kunde. Und damit kann sich die Weitergabe der Daten bereits nach kurzer Zeit auszahlen. Ab 250 Punkten erhält die Firma zum Dank Computerspiele von Microsoft, ab 500 Punkten eine Armbanduhr und bei mehr als 1000 Punkten einen Grill und einen Liegestuhl.
Bei einem konsequenten Weiterreichen der Kundendaten könnte also ein Großkonzern, der sein Computersystem lieber mit Linux ausrüsten will, einem auskunftsfreudigen Computerbauer zur Ausstattung für eine nette Gartenparty verhelfen. Und das Schöne dabei: Die Denunziation verläuft ohne Probleme für das Unternehmen, das die Daten weitergibt. Schließlich verspricht Microsoft in der Mail, dass entsprechende Tipps vertraulich behandelt werden.
Microsoft-Sprecher Thomas Jensen bestätigt gegenüber SPIEGEL ONLINE die Existenz der Initiative. "Dieses Programm gibt es." Straf- oder zivilrechtliche Schritte müssten die betroffenen Unternehmen allerdings nicht fürchten. "Diese Firmen werden dann angeschrieben und auf die Lizenzprogramme von Microsoft aufmerksam gemacht. Wen das nicht betrifft, der muss sich damit nicht auseinander setzen." Doch in Deutschland wird Microsoft auf diesen Vorstoß verzichten. "Für die nähere Zukunft jedenfalls," sagt Jensen.
Christoph Seidler