Microsofts Wohnzimmer-PC Schicke Fassade, eingeschränkte Funktionen
Wie sehr Äußerlichkeiten die Wahrnehmung beeinflussen, kann man an Microsofts Wohnzimmer-PC begutachten. Eigentlich jeder, der davor steht, zeigt sich angetan von den schicken blauen Menüs, der Schrift, die sich ganz ohne Ruckeln aufbläst und der Videorekorderfunktion, bei der eine Sendung in der Bildschirmzeitung nur angeklickt werden muss - und fertig ist das Programmieren der Aufnahme.
Auch der PC selbst, SPIEGEL ONLINE testete einen schwarzen Cube der Firma Wortmann (Preis 1.240 Euro), schmeichelt Design-verliebte Seelen. Die Media Center Edition gibt es auch auf Notebooks und PCs anderer Hersteller. Microsoft hat lediglich die technischen Anforderungen definiert, spezielle TV-Karte etwa und Fernbedienung. Wie der PC aussieht und ob er 2,8 oder 3,4 Gigahertz schnell getaktet ist, bleibt dem Anbieter überlassen.
Das Media Center 2005 ist nichts anderes als ein Windows XP Betriebssystem mit zusätzlicher Software zum Fernsehen, Filme aufnehmen, DVD Wiedergeben, Musikhören und Bilder Anschauen. Im Grunde fasst das Programm diverse Funktionen der eierlegenden Wollmilchsau Computer unter einer einheitlichen blauen Oberfläche zusammen.
Wohnzimmer-PC: Windows Media Center Edition 2005
Die Software macht entweder den Computermonitor zur TV-Glotze, oder aber sie bringt die Microsoft-Menüs auf den Fernseher - via TV-Out-Kabel. Der PC muss in jedem Fall in der Nähe des Fernsehers beziehungsweise Monitors stehen, schließlich sind beide über ein Kabel miteinander verbunden.
Alles mit der Fernbedienung
Keine Frage, es macht Spaß auf der schnuckeligen Oberfläche herumzuspielen. Die Menüs poppen flott und schick animiert auf - dank der mitgelieferten Fernbedienung mit spezieller Media-Center-Taste braucht man sich auch nicht mit Maus und Tastatur herumzuquälen.
Die wohl wichtigste Funktion der Software ist der digitale Videorecorder. Mit wenigen Klicks auf der Fernbedienung ist eine Aufnahme programmiert: den Elektronischen Programmguide wählen (EPG) - eine zwei Wochen in die Zukunft reichende digitale Programmzeitschrift -, Sender und Sendung auswählen und den roten Aufnahmeknopf drücken - fertig!
Ebenso wichtig ist das so genannte Time Shifting zum zeitversetzten Fernsehen. Wer den Tatort erst ab 20.30 Uhr sehen will, schaltet den Fernseher um 20.14 an und drückt die Pause-Taste. Die in letzten Zügen liegende Tagesschau wird angehalten, der weitere Verlauf des Abends auf Festplatte zwischengespeichert. Mit der Play-Taste kann man den Tatort dann jederzeit starten, der Computer hat kein Problem damit, eine Sendung aufzunehmen und sie gleichzeitig von Beginn an wiederzugeben.
Doch bei allem Lob für gelungene Oberfläche und Bedienung, im Alltagstest offenbart das Media Center erstaunliche Schwächen, vor allem, wenn man seine Fernsehaufnahmen auf DVD brennen will. Grundsätzlich ist das kein Problem und lässt sich sogar per Fernbedienung erledigen.
Dummerweise arbeitet die Software aber bei der Aufnahme mit einer relativ hohen Datenrate (wenn man die höchste Stufe der Bildqualität wählt, was zu empfehlen ist). Ein 90-Minuten-Film ist so rund fünf Gigabyte groß und passt deshalb nicht auf einen preisgünstigen 4,7-Gigbyte-DVD-Rohling. Die Dual-Layer-Rohlinge mit neun Gigabyte Speicherplatz kosten derzeit noch rund sieben Euro.
Warten auf den Schnitt
Weil auch eine Schnittfunktion fehlt, kann der Film auch nicht auf zwei Scheiben aufgeteilt werden. Ohne Schnittfunktion können natürlich auch keine Werbepausen eliminiert werden - sehr ärgerlich. Zumindest dieses Manko scheint man bei Microsoft als solches erkannt zu haben: Angeblich wird bereits an einer Schnittfunktion gearbeitet, die nachträglich in das Media Center integriert werden kann.
Ein weiteres Problem, das allerdings alle digitalen Videorecorder generell betrifft, ist das Fehlen einer VPS-Funktion. Wenn eine Sendung wegen einer Programmänderung erst 30 Minuten später beginnt, dann erfährt der (analoge) Videorecorder via VPS davon und startet die programmierte Aufnahme entsprechend später. Das Media Center, ein 3,0-Gigahertz-Rechenmonster mit 160 Gigabyte Festplatte und 512 Megabyte RAM, ist im Vergleich dazu regelrecht dumm und nimmt stattdessen stur nach geplanter Anfangs- und Endzeit auf.
Theoretisch könnte das Media Center VPS sogar unterstützen, das würde jedoch bei den deutschen Privatsendern nichts nützen, denn die haben VPS nie unterstützt oder längst abgeschaltet. Vermutlich, damit immer auch ein bisschen Werbung noch mit auf die Aufnahme kommt, denn davon leben die Sender schließlich. Vielleicht sollten sich die Media-Center-Anbieter, Microsoft ist da längst nicht der einzige, einfach mal zusammen setzen und eine Art Digital-VPS aus der Taufe heben - Besitzer digitaler Videorecorder würden es ihnen danken.
Mit an Bord: Ein superscharfes HDTV-Video
Der Menüaufbau ist in einigen Fällen nicht ganz logisch: Wo würde man beispielsweise seine aufgenommenen Filme suchen? Unter dem Punkt "Eigene Videos" oder "Eigene TV-Kanäle"? Eigenartigerweise werden sie unter den TV-Kanälen abgespeichert.
Unter "Eigene Videos" finden sich hingegen ein Kurzfilm namens "Geheimnisse des Nil" - eine echte Perle in der hohen Auflösung von 1920 mal 1080 Pixeln (High Definition) Unser PAL-Fernsehstandard und auch Video-DVDs beschränken sich mit 720 mal 576 Pixeln. In dem Streifen erkennt man kleinste Details der Pyramiden, als stünde man selbst in Gizeh. So kann Fernsehen richtig Laune machen.
Fazit: Das Media Center steckt voller guter Ideen, aber das reicht eben noch nicht, wenn elementare Dinge wie eine Schnittfunktion fehlen. Der Kauf kann sich jedoch trotzdem lohnen. Nach einem Bericht der Computerzeitschrift c't kostet Windows Media Center Edition 2005 nur ein paar Euro mehr als Windows XP home - die Software kann jedoch faktisch so viel wie das deutlich teurere XP Professional.