Mogelpackung Saftloses UMTS
Die Prognosen der Handyhersteller verheißen eine schöne neue Welt. Am Strand einfach mal einen Kinofilm downloaden, Videokonferenzen in der Bahn und unterwegs in Sekundenschnelle Musikfiles ziehen - all das und noch viel mehr soll das Universal Mobile Telecommunications System (UMTS) können. Doch aus heutiger Sicht sind das wohl nur Luftschlösser. Grundvoraussetzung für die grenzenlose Mobilität sind hohe Datendurchsatzraten. Bis zu zwei Megabit je Sekunde sollen nach den Aussagen der Hersteller möglich sein - theoretisch.
Gerüchten zufolge könnten die Netzbetreiber zum Start von UMTS die maximale Geschwindigkeit auf 64.000 Bit je Sekunde reduzieren. Das schätzte unlängst Brian Potterill, Senior Consultant beim internationalen Unternehmensanalysten Pricewaterhouse Coopers. Damit wäre der neue Standard gerade mal so leistungsfähig wie eine heutige ISDN-Festnetzleitung. Bewegte Bilder könnten, sollte sich die Prognose bewahrheiten, allenfalls im Sekundenrhythmus übertragen werden - das mobile Kinoerlebnis bliebe vorerst ein Zukunftstraum.
Mit der Begrenzung des Datendurchsatzes könnten die Netzbetreiber versuchen, ihre Anfangskosten zu senken. Die Milliardenbeträge für den Aufbau der Infrastruktur würden reduziert, wenn die mögliche Datenmenge für den einzelnen Nutzer beschränkt wird - beispielsweise auf 64.000 Bits. "Der Datendurchsatz hängt von der Größe der Netzzelle ab", erklärt Axel Schafmeister, Pressesprecher bei Siemens.
Kosten senken - auf Kosten der Leistung
Die Funkzellen selbst sind das Problem. Die neue Technik bedingt, dass neue Sendemasten aufgestellt und die Zellen wesentlich kleiner definiert werden müssen, als die jetzigen Mobilfunkzellen. Sprich: Es müssen mehr Basisstationen aufgestellt werden als bislang, um den theoretischen Wert von zwei Megabit zu erreichen. Größere Zellen bedeuten aber weniger Sendemasten und geringere Anfangskosten. "Ein Datenvolumen von zwei Megabit ist am Anfang praktisch nicht möglich", räumt Schafmeister ein. Der Münchner Konzern erprobt die neue Technologie und will zu den führenden Herstellern von UMTS-Endgeräten gehören.
"T-Mobil erwartet zum UMTS-Start im Jahr 2002 einen Maximalwert von 384 Kilobit je Funkzelle", so Unternehmenssprecher Philipp Schindera. "Das Netz muss erst aufgebaut werden." Abgesehen davon, dass die zwei-Megabit-Grenze damit in unbestimmte Ferne gerückt ist, ist auch das nächste Problem programmiert. Nehmen mehrere User gleichzeitig den Dienst einer Zelle in Anspruch, sinkt die Durchsatzrate für den Einzelnen. Schindera glaubt aber nicht, dass T-Mobil den Datentraffic für den einzelnen Nutzer beschränken wird. "Das passt nicht zu unserem Image. Wir bringen das mobile Internet nach Deutschland."
Fraglich ist auch, ob die Hersteller der Sendetechnik mit der Nachfrage Schritt halten können. Rund 40 europäische Netzbetreiber wollen fast zeitgleich an den Start gehen, schätzt Schafmeister. Er nennt den Beginn von UMTS eine Herausforderung an die Industrie und schiebt einen Vergleich hinterher. Für den Aufbau des heute üblichen GSM-Netzes hätten die Telefongesellschaften zehn Jahre Zeit gehabt. Für UMTS bleiben aber nur zwei Jahre.
Kleine Energiefresser
Ein anderes großes Problem sind die Endgeräte. Die Designstudien der Handybauer gaukeln auf bunten Fotos Videostreaming und Ähnliches vor, doch über den hohen Energieverbrauch der kleinen Wundergeräte verlieren sie kaum Worte. Fakt ist, dass die heutige Akkutechnologie in Handygröße an ihre Grenzen stößt, wenn die gewohnten Standby-Zeiten von mehreren Tagen beibehalten werden sollen. Farbige Displays mit Bildschirmqualität brauchen viel Strom. Auch die Computerchips, die in den mobilen Geräten eingesetzt werden müssten, um beispielsweise Musik- oder Videodateien zu decodieren, sind Energiefresser. Allein diese beiden Umstände ließen mit der heutigen Akkutechnologie die Nutzungszeiten auf ein Minimum schrumpfen.
Dabei sind die energieintensiven Sende- und Empfangsleistungen von UMTS-Geräten noch gar nicht berücksichtigt. "Eine hohe Datendurchsatzrate braucht auch mehr Strom", sagt Frank Lindert von der Fraunhofer Gesellschaft. Für ihn sind die Akkus ein Problem, für Schafmeister eine Herausforderung. Die Forschung läuft auf Hochtouren, um die Stromversorgung zu gewährleisten. Motorola testet beispielsweise Brennstoffzellen, die mit Wasserstoff betrieben werden. Doch ein Durchbruch ist noch nicht abzusehen.
Unter diesen Voraussetzungen würden die UMTS-Handys wegen der Akkugröße entweder unhandliche Monstren werden oder relativ klein sein, aber geringe Betriebszeiten haben. Beide Varianten stünden einem mobilen Einsatz im Wege - unabhängig vom Problem der möglichen Datenmenge.