Musikindustrie: Mit eigenem Internetvertrieb contra Online-Piraten - DER SPIEGEL
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Musikindustrie Mit eigenem Internetvertrieb contra Online-Piraten

Musik- und Onlinefreaks, die sich aus dem Netz ihre Lieblingstitel herunterladen, werden oft – auch ungewollt - zu Internet-Piraten. Der Plattenindustrie entgehen dadurch jährlich hunderte Millionen Mark an Lizenzgebühren. Jetzt wollen die Labels kontern.
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Frankfurt/Main - Sabine Heinrich schwört auf ihren MP3-Player. CDs kauft sich die 30-jährige Frankfurterin nicht mehr, seit sie den neuartigen Walkman geschenkt bekam. Mit dem Minichip in dem Gerät kann sie bis zu 150 Songs speichern. Die Titel holt sie sich mit ein paar Mausklicks aus dem Internet - kostenlos. Weil die meisten Anbieter die Musikaufnahmen aber illegal verbreiten, wurde die Jurastudentin wie viele andere Musik- und Computerfreaks ungewollt eine Online-Piratin - und damit ein rotes Tuch für die Plattenindustrie. Diese will nun kontern: Die großen Plattenlabels stehen in den Startlöchern für ihren eigenen Internet-Musikvertrieb.

Die illegale Verbreitung von urheberrechtlich geschützten Musikaufnahmen im Internet brachte der deutschen Plattenindustrie 1999 Lizenzausfälle von 140 Millionen Mark - 0,3 Prozent vom Gesamtumsatz. Außerdem entging den CD-Händlern wegen der illegalen Angebote ein Umsatz von 120 Millionen Mark. Der Internationale Verband der Plattenindustrie ließ allein in Deutschland im vergangenen Jahr 800 Websites mit illegalen Musikangeboten schließen. Bei den Plattenlabels sollen die Kunden ihre Musik künftig legal herunterladen können - allerdings gegen Bezahlung.

Die deutsche Tochter der Bertelsmann-Musik-Gruppe BMG Entertainment will noch dieses Jahr eine Internetfirma gründen. Der neue Vertriebskanal gebe den Konzernen vor allem die Chance, ihr Archiv auszuschöpfen. "80 Prozent unseres Kataloges sind nicht veröffentlicht oder nicht mehr auf dem Markt", sagt der Musik-Chef von Bertelsmann in Deutschland und Osteuropa, Thomas Stein. Für Musikliebhaber könnte das ein Grund sein, das Piratendasein aufzugeben und direkt die Plattenfirma anzuklicken. "Das Internet wird zum Distributionskanal Nummer eins der gesamten Entertainmentbranche und vor allen Dingen der Musik werden", prognostiziert Stein.

Haupthindernis für Internet-Aktivitäten der Plattenindustrie war bisher das Sicherheitsproblem. Es fehlte ein Standard, der es ermöglicht, die Musik so auf dem heimischen PC zu speichern, dass sie anschließend nicht an den ganzen Freundeskreis weitergegeben werden kann. Doch laut Stein ist dieses Problem mittlerweile gelöst. Die Musikkonzerne hätten sich auf einen gemeinsamen Standard geeinigt, der kurz vor der Marktreife stehe, berichtet der Musik-Experte. Schon in den nächsten Monaten will auch die BMG  Download-Stücke anbieten. Werke junger Künstler soll es auch kostenlos geben.

EMI hat schon Erfahrungen mit dem digitalen Vertrieb von Musik gesammelt - allerdings nicht auf der eigenen Homepage . Zusammen mit der Deutschen Telekom richtete das Unternehmen bereits 1997 einen virtuellen Musik-Shop  ein, aus dem gegen Bezahlung rund 200 Alben und zusätzlich einzelne Songs heruntergeladen werden können. Eine komplette CD kostet dort etwa so viel wie im Laden. Die Nachfrage sei allerdings bisher nicht groß, berichtet Carl Mahlmann, Business-Planer bei EMI. Auf der eigenen Homepage bietet der Plattenproduzent deshalb bisher nur Hörproben an - kostenlos und nicht speicherbar.

Auch auf der Sony-Internetseite  gibt es bisher nur Hörproben. "Mit den ersten Kommerziellen Downloads ist aber bei uns noch dieses Jahr zu rechnen", erklärt der Geschäftsführer von Sony Music in Frankfurt, Jochen Leuschner. Im Vergleich zum klassischen Verkauf biete der digitale Vertrieb via Internet zwei Vorteile: "Wir können Repertoire aus unserem Katalog anbieten, das es nirgendwo mehr auf CD gibt, und erreichen Kundengruppen, die schon lange keinen CD-Shop mehr betreten haben." Doch obwohl immer mehr Leute das Internet nutzen, glaubt Leuschner, dass die vorbespielte CD auch in fünf Jahren noch der dominante Musikträger sein wird.

Universal Records bereitet ebenfalls den digitalen Musik-Verkauf vor. "Momentan ist der Umsatz mit dem digitalen Vertrieb von Musiktiteln bei uns noch gleich Null", berichtet Christopher Gersten von Universal Records . Sobald es ein legales Angebot gebe, werde der Kauf digitaler Musik aber explosionsartig ansteigen, glaubt er. Auch der Vizepräsident von EMI, Jeremy Silver, baut auf die Ehrlichkeit der Musikliebhaber. "Es gibt nun auch für ehrliche Leute einen Weg, an der digitalen Revolution teilzunehmen, ohne selbst als Piraten agieren zu müssen."

Sophia-Caroline Kosel