Musikindustrie: Mit MTV gegen Napster - DER SPIEGEL
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Musikindustrie Mit MTV gegen Napster

Die Unterhaltungsindustrie will Ernst machen mit der digitalen Musikvermarktung. Nach BMG, EMI, AOL, Warner, MSN, Yahoo, Sony und Universal kommt nun auch der TV-Sender MTV dazu, unterstützt von allen großen Musikfirmen. Wer braucht jetzt noch Napster?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es muss am Wetter liegen: Nach dem langen Napster-Winter bricht in Sachen Musik im Web der Frühling an. Immer mehr Kooperationen und Koalitionen, Musik-Portale und kommerzielle Tauschbörsen erscheinen im Netz. Und siehe da: Auch die Musikindustrie freut sich an der neuen Blütezeit.

So kündigte Microsoft gestern an, im Rahmen des Dauer-Marktführerschafts-Aspiranten MSN ein eigenes "Musikportal" aufbauen zu wollen - die Ankündigung verhallte, ohne große Reaktionen hervorzurufen.

Das ist wenig überraschend. Versuche, über diverse Shops und firmengebundene Musikportale Soundfiles zu verkaufen, köcheln seit Jahren erfolglos vor sich hin. Auch das ist kein Wunder: Modelle, bei denen schon für das Probehören eines Songs in schlechter Qualität bezahlt werden soll und am Ende ein Kassierer steht, der für ein Soundfile ähnlich viel Geld wie für eine CD verlangt, gelten aus gutem Grund seit langem als vorprogrammierte Rohrkrepierer.

Kommerz-Napster: Reines Wunschdenken?

Es war also nur logisch, dass Bertelsmann glaubte, mit der Umwandlung von Napster zu einem Musik-Abonnement-Angebot den Rubel zum rollen bringen zu können. "Good thinking", wie so was im Manager-Neudeutsch heißt - aber vielleicht ein wenig "wishful"? Denn der schöne Plan, im Sommer mit großem Tamtam den geretteten Napster als legales Modell neu zu präsentieren, könnte an einem Mangel an Nachfrage scheitern.

Auch Napster laviert seit Wochen am Abgrund. Zwar steigen derzeit die Downloads, statt zu sinken, wie Napster stolz vermeldet. Das kann aber kaum über die Tatsache hinwegtäuschen, dass immer weniger attraktive Musik ohne aufwendige Trickserei über Napster zu haben ist. So ganz greifen die Filter zwar noch immer nicht, die copyright-geschützte Musikstücke aus dem Angebot entfernen sollen. Aber inzwischen ist es zumindest unbequem, sich die entsprechenden Soundfiles auf Umwegen zu erschleichen. Bequemlichkeit - denglisch "usability" - war eines der "Hauptverkaufsargumente" des Napster-Dienstes.

Dazu kommt nun die Keimzeit neuer, legaler und kommerzieller Dienste. Eine Ankündigung schlug in Kreisen der Musikindustrie direkt Wellen: MTV plant ebenfalls, ein Musikportal auf die Beine zu stellen. Und siehe da: Das können sich die Verantwortlichen der Musikindustrie tatsächlich vorstellen. MTV wäre ja auch ein Partner, der bereits seit Jahren nichts anderes macht, als das, was er nun im Internet vorhat: Der Musiksender ist weltweit die größte und effektivste Werbefläche für populäre Musik. Warum sollte er die Ware dann nicht sofort verkaufen?

MTVi: Müdes Konzept, aber die richtige Marke

MTV fällt dabei auf genau das Modell zurück, das seit Jahren scheitert: Auf den Einzelverkauf von Soundfiles. Doch mit einem Mal sieht die Sache angeblich ganz anders aus. MTV ist die Plattform der Major Labels - und zwar aller großen Plattenfirmen. Neutraler Grund, sozusagen, gleichermaßen abhängig von allen Unternehmen der Musikindustrie. Das macht das Modell in Kreisen der Industrie sympathischer, als sich auf das Angebot einzulassen, huckepack von Bertelsmanns Gnaden auf dem neuen, kommerziellen Napster mitzureiten.

Kein Wunder also, dass MTV nicht nur verlautbaren konnte, dass man entsprechende "Portal-Pläne" hege. Nein, auch die nötigen Deals mit den Größen des Musikbusiness sind bereits beschlossene Sache. Alle fünf großen Musikkonzerne werden mit MTV kooperieren.

Die Partnerschaft zwischen MTVi und RioPort.com soll noch im Laufe dieses Monats 10.000 Lieder über Radio MTV.com und VH1 atWorkRadio Musik von BMG, EMI, Sony Music, Universal und Warner anbieten.

Bei Gefallen könne der im Internetradio gespielte Song gleich gegen Bezahlung aus dem Web heruntergeladen werden, hieß es zum Konzept. Nicholas Butterworth, Präsident der MTVi-Gruppe, machte klar, dass all dies als Reaktion auf Napster zu verstehen sei.

"Es soll leichter sein, Musik legal als illegal zu beziehen", sagte Butterworth. Das will auch die Musikindustrie, die sich nun langsam zusammenzuraufen scheint. In der letzten Woche hatten BMG, EMI und Warner eine "Allianz" verkündet, bei der sie über ein gemeinsames Musikportal namens "MusicNet" Downloads anbieten wollen. Auf der Softwareseite sind RealNetworks und AOL Time Warner mit im Boot: Das ganze ist als Abo-Modell gedacht. Auch Bertelsmann tanzt jetzt also ganz öffentlich auf mehreren Hochzeiten.

Und der nächste Knall ließ nicht lang auf sich warten: Knapp eine Woche brauchten die beiden letzten großen Konkurrenten unter den Musik-Multis, um ihre Antwort auf die BMG-EMI-Warner-Koalition zur Spruchreife zu bringen. Am Donnersatg Nachmittag gaben Sony und Universal bekannt, künftig in Kooperation mit Yahoo! eine eigenes Musik-Verkaufsportal im Web betreiben zu wollen. Damit haben auch die letzten zwei Musik-Multis eine "neutrale Plattform" gefunden, um ihren kostenpflichtigen digitalen Musik-Downloaddienst "Duet" populär zu präsentieren.

Da stellt sich eigentlich nur noch eine Frage:

Wer braucht noch einen Kommerz-Napster?

Eines dürfte klar sein: Was auch immer die Industrie in Sachen Musikvertrieb via Web unternimmt - sie wird es auf einer gemeinsamen Plattform tun müssen. Proprietäre Lösungen ziehen nicht. Fans kaufen Musik nach geschmacklichen Erwägungen, sie kaufen nicht gezielt die Produkte irgendeiner Plattenfirma.

Analysten bezeichneten MTV's Kooperation mit allen fünf Major Labels folgerichtig als "großen Wurf". Danielle Romano von Jupiter Research sagte aber auch, dass die Fans offenbar eher an einem Abonnement wie das von RealNetworks interessiert seien, als an dem individuellen Herunterladen von Liedern oder Alben gegen Bezahlung. Immerhin sollen die MTV-Downloads dasselbe kosten wie die CDs in den Läden - ein klarer und für den Kunden kaum akzeptabler Schwachpunkt des Konzeptes.

Blödsinn: Das Preismodell bestraft den User für den Download

Zumindest in dieser Hinsicht steht sich die Industrie also weiterhin selbst im Wege: Bei augenscheinlicher Preisgleichheit gibt der Kunde letztlich erheblich mehr Geld für den Download als für das fertige Hochglanzprodukt aus. Die Plattenfirmen verschieben auf diese Weise die Kosten für Produktion der Hartware CD und für den Vertrieb auf den User, ohne ihm dafür auch nur Preisnachlässe zu gewähren - geschweige denn Vorteile. Am Ende bezahlt der User neben dem Song auch den Download und einen Rohling. Schließlich hält er ein Produkt in der Hand, das - Hand aufs Herz - auch noch bescheiden aussieht.

Trotzdem jubeln derzeit die Brancheninsider. Manager Butterworth sagte, bis Ende des Jahres solle die Hälfte der im MTV-Internetradio gespielten Musik als Download zu kaufen sein. Und die Euphoriker des Web-Marktforschungsinstituts Jupiter MMXI nehmen die wohlfeile Gelegenheit war, endlich einmal wieder etwas positives ausposaunen zu können: Laut einer Jupiter-Analyse zeichnet sich allein in Europa ein großes Wachstum für Musik gegen Bezahlung ab. In den nächsten sechs Jahren werde sich das Volumen von 333 Millionen Euro (651 Millionen Mark) auf zwei Milliarden Euro (3,9 Milliarden Mark) versechsfachen. 37 Prozent der Musik werde bis Ende 2006 über das Internet verkauft, der traditionelle Vertrieb von CDs aber weiterhin den größten Teil des Geschäfts ausmachen.

Schöne Aussichten, die auf der Annahme beruhen, der Tauschhandel mit Musik im Web sei unter Kontrolle zu bekommen. Doch das ist nach Ansicht unabhängiger Experten außerordentlich unwahrscheinlich - wie auch das Beispiel Napster zur Zeit deutlich macht. Nachdem der P2P-Börse Anfang März frustriert die Fans davonrannten, steigen die Logs und Downloads nun wieder. In der zweiten Märzhälfte war Napster nahezu wieder auf altem Stand.

Die Gretchenfrage ist mitnichten, ob die Fans lieber für Abos oder pro Download bezahlen. Am liebsten bezahlen sie gar nicht - oder wenig. Ob die Prognosen, die Jupiter vorlegt, nun echten Umsatz oder Verdienstausfall ausweisen, wird sich am Ende daran entscheiden, ob es der Industrie gelingt, mehr als nur sonderbare, für den Kunden ungünstige Angebote zu machen. Bei all der Phantasie, die die Firmen im Augenblick in Sachen Musik via Web entwickeln, haben sie eine uralte Grundregel vergessen: Mit Speck fängt man Mäuse. Im Wust der wuchernden Musik-Websites sucht man nach wie vor eines vergeblich: Sonderangebote.