Navigationssoftware Weg frei für Rollstuhlfahrer
Anette von Laffert ist in Eile, ihr Rugbyspiel fängt bald an. Hastig biegt sie in eine Seitenstraße ein, bleibt dann aber abrupt stehen, als sie das Hindernis sieht - zwei hohe Stufen. Mist, denkt sie, hier geht's nicht weiter.
So läuft es leider immer wieder: Die Rollstuhlfahrerin muss eine Kehrtwende machen und zur letzten Abbiegung zurückfahren, um von dort aus ihr Glück aufs Neue zu versuchen. Wie so oft ist der Weg von A nach B ist gespickt mit unerwarteten Wendungen.
Bald jedoch könnten die Dinge einen anderen Lauf nehmen. Von Lafferts Kommilitonen an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg basteln derzeit an einer Navigationssoftware, die Barrieren wie Stufen, Treppen oder Straßenschäden anzeigen soll.
Einer der ersten, die das Programm namens "Trailblazers" ausprobiert haben, war die 28-jährige von Laffert. Die Ökothropologie-Studentin sitzt seit einem Reitunfall vor acht Jahren im Rollstuhl. Trailblazers, sagt sie, "könnte mein Leben verändern."
Entwickelt wurde die Software von vier ehrgeizigen Informatikstudenten: Martin Stein, Sven Stegelmeyer, Mark Thomé und Piotr Wendt, die Idee stammt von Stein. Der kennt viele Rollstuhlfahrer und war kurzzeitig, nach einem Unfall, sogar selber einer. Er weiß deshalb aus eigener Erfahrung, wie jede unbekannte Strecke einer Reise ins Ungewisse gleicht: "Vorher beginnt erst einmal die Suche nach einer befahrbaren Strecke. Da es vielleicht gar keinen barrierefreien Weg zum gewünschten Ziel gibt, hat man dabei immer ein schlechtes Gefühl in der Magengrube."
Eine Odyssee
Das Hauptproblem ist, dass der öffentliche Verkehr extrem schwierig zu navigieren ist: Stufen oder Treppen versperren den Weg, Rampen oder Fahrstühle gibt es selten - und wenn, dann sind sie schlecht ausgeschildert. "Bei Ausflügen ist mir immer wieder aufgefallen, dass wir eigentlich ständig dabei waren, nach Rampen, "holperfreien" Wegen und Aufzügen Ausschau zu halten", so Stein.
Da jeder Ausflug schnell zu einer nervenauftreibenden Hindernis-Odyssee werden kann, ist die Gefahr groß, dass man einfach zu Hause zu bleibt oder sich nur im gewohnten Umkreis bewegt, fügt er hinzu.
Mit Trailblazers sollen nun Informationen über barrierefreie Strecken systematisch gesammelt und ausgetauscht werden. Benutzer können sich in Zukunft die Software umsonst von einer speziellen Webseite auf ihr Handy oder PDA-Gerät herunterladen und geben vor oder sogar während sie unterwegs sind, Start - und Zielort ein.
Mit Hilfe von Microsoft Virtual Earth oder Google Earth werden ihnen dann Routen angezeigt; die Strecke, die sie daraufhin zurücklegen, wird per Satelliten-Navigation (GPS) aufgezeichnet. Straßenhindernisse können unterwegs fotografiert und zusammen mit der neuen Strecke hochgeladen werden, so dass das erfasste Gebiet immer weiter expandiert.
Ganz problemfrei ist Trailblazers allerdings nicht. An erster Stelle steht laut Thomé das "Henne- und Ei Problem": Da anfangs nur vorprogrammiertes Material vorhanden ist, gibt es nur eine begrenzte Auswahl an Karten. "Wir müssen Benutzer gewinnen, die es dann erweitern", sagt er.
Hardware könnte ein weiteres Problem sein: Trailblazers funktioniert nur mit GPS-kompatiblen Handys oder PDAs - ältere Modelle müssen daher nachgerüstet werden. Zudem ist da noch die Frage, ob die Aufzeichnung der Strecken nicht gegen das Recht auf Privatsphäre verstößt.
"Rollis" sind Tech-affin
Trotzdem ist sich Anette von Laffert sicher, dass Trailblazers bei den geschätzten 800.000 Rollstuhlfahrern in Deutschland Anklang finden wird. Dass die Benutzer keine Lust haben werden, neue Daten hochzuladen, glaubt sie nicht. "Viele Rollstuhlfahrer verbringen viel Zeit damit, zu Hause im Internet zu surfen", sagt sie, "Ich denke, dass sie schon bereit sein werden, neue Strecken hochzuladen."
Auch das Problem mit der Privatsphäre kann gelöst werden, indem man die Streckenaufzeichnung anonymisiert, so Thomé.
Im zweiten Teil: Hindernis Finanzierung. Für viele Behinderte ist die eigentlich preiswerte Technik durchaus teuer. Und wie finanziert man ein Projekt, dessen Nutznießer "für die Wirtschaft nicht interessant", weil körperlich behindert sind? Weiter...
Nur das mit dem Geld könnte schwierig bleiben. Zwar kostet ein GPS-Upgrade laut Thomé nur €50, aber Wolfgang Döge von der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen befürchtet trotzdem, dass das und die zuzüglichen Kosten wie zum Beispiel Internetgebühren zuviel sein könnten: "Viele behinderte Menschen leben von der Sozialhilfe, da sie nicht regulär arbeiten können", sagt er, "daher können sie sich die Technologie vielleicht nicht leisten."
Anette Von Laffert jedenfalls ist sie es wert: Die gewonnene Mobilität würde ihr zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen und ihre Abhängigkeit von anderen und staatlicher Unterstützung reduzieren, sagt sie. "Ich wäre viel eigenständiger, könnte zum Beispiel meine Einkäufe selbst erledigen, anstatt andere darum zu bitten", sagt sie, "und ich würde mir zutrauen, auch mal neue Gegenden kennen zu lernen."
Nachdem Trailblazers in einer Pilotphase auf dem Gelände der Hochschule und Hamburger Innenstadt getestet wurde, wird jetzt an den letzten Einzelheiten gefeilt. Zur Zeit arbeiten die Tüftler an einer Spracherkennungsfunktion, die jenen helfen soll, die Handcomputer nicht bedienen können. Ab Mai soll Trailblazers dann kostenlos über www.trailblazers.de verfügbar sein.
Vielleicht wird es sogar eine englisch Version der Seite geben - eine attraktive Aussicht nicht nur für nichtdeutsche Rollstuhlfahrer, sondern auch für Bundesbürger, die auch mal ins Ausland wollen. "Es wäre mein Traum, mehr zu reisen", sagt von Laffert.
Wegführend nicht nur in der Kartographie
Fest steht jedenfalls, dass Trailblazers schon in der Entwicklungsphase ein Erfolgsprodukt ist. Das Team erreichte letztes Jahr beim Microsoft Imagine Cup - einem jährlich stattfindenden Wettbewerb für neue Erfindungen, die auf Microsoft-Produkten basieren - auf nationaler Ebene den ersten und auf internationalem Level den siebten Platz. Ihre Leistungen wurden von Microsoft mit einem 35.000-Dollar-Darlehen belohnt und Bill Gates höchstpersönlich gratulierte den Nachwuchsforschern zu ihrem "fantastischen" Beitrag.
In der Zukunft könnten die vier mit Trailblazers noch mehr Geld verdienen, denn Navigationssoftware ist ein Verkaufsschlager. Die Stadt Kiel will die Software für eine neue Transportwebseite ausprobieren, auf der nicht nur öffentliche Verkehrsrouten, sondern auch Straßenkonditionen angezeigt werden sollen, berichtet Martin Dexler von der offiziellen Webseite der Stadt.
Die British Telecom hat auch schon großes Interesse bekundet: "Wir sind sehr an einer Zusammenarbeit mit Trailblazers interessiert", sagt Steve Konya, der den Bereich IT-Projekte leitet und der letztes Jahr in der Jury des Imagine-Cup-Finales saß. "Die Idee ist großartig und das Potential für Weiterenticklung sehr groß."
Enthusiastisch erzählt Konya von einer neuen Form von Social Networking, die auf Karten basiert und bei der sich Nutzer Leute mit ähnlichen Interessen in ihrer Umgebung suchen. "Trailblazers könnte eine neue Art von Online Community erschaffen", sagt er. "Die vier könnten, ohne es zu wissen, auf etwas ganz Neues gestoßen sein."
Das geschäftliche Interesse ist wichtig für den Erfolg des Projektes. "Das Produkt ist zwar gut, aber ohne finanzielle Investitionen wird es nicht funktionieren," sagt Döge. Es habe in der Vergangenheit schon ähnliche Ideen gegeben, die allesamt am Geldmangel scheiterten, wie zum Beispiel eine Navigationshilfe für Blinde. "Das Problem ist, dass behinderte Menschen für die Wirtschaft nicht besonders interessant sind", fügt er hinzu.
Die Trailblazer-Entwickler sind trotzdem optimistisch, schließlich beschränkt sich der Gebrauch der Software ja nicht nur auf Rollstuhlfahrer. Jeder kann sich das Programm herunterladen und anfangen, Routen zu entwerfen oder sie durch spezielle Interessengruppen verbreiten. Jogger könnten sich zum Beispiel über die besten Laufstrecken austauschen, während Eltern mit Kleinkindern sich mithilfe von Trailblazers die Kinderwagen-freundlichsten Wege durch die Innenstadt suchen könnten.
Und manche Leute wollen vielleicht Strecken mit besonders vielen Hindernissen finden. "Skateboard-Fahrer, die holpriges Gelände zum Fahren oder Tricksen suchen, könnten sich Karten mit besonders vielen Treppen oder Stufen programmieren", so Thomé.