Netbook-Markt 2009 Lauter kleine Kannibalen
Wie viel Laptop braucht der Mensch wirklich? Nicht viel offenbar, wenn man die Verkaufszahlen für Netbooks, die kleinen Minimal-Laptops ansieht. Kein PC-Produkt hob im Laufe des Jahres 2008 derart ab wie die Mini-Rechner für unterwegs. 14 Monate, nachdem Asus mit dem Eee PC 700 das erste Gerät der neuen Klasse vorstellte, vergeht kaum noch eine Woche, in der nicht ein neues Gerät, zumindest aber ein neues Design vorgestellt wird.
Und die Dinger verkaufen sich, der Markt scheint noch unersättlich. Längst sind die einst raren, als billig aber edel empfundenen Kleinstrechner beim Discounter angekommen und - der Lackmustest für das Erreichen eines Massenmarktes - sogar im Sonderverkauf von Baumärkten.
Allein im dritten Quartal 2008 setzten die Hersteller einer aktuellen Zählung von DisplaySearch zufolge satte 5,61 Millionen Exemplare ab - 160 Prozent mehr als im zweiten Quartal 2008. Der abrupte Sprung überraschte auch die Experten: Er geht einher mit der Veröffentlichung zahlreicher Netbooks, mithin also einer endlich ausreichenden Versorgung des Marktes mit Waren. Das Marktforschungsunternehmen IDC war im Sommer noch von einem Wachstum um 27 Prozent für das dritte Quartal ausgegangen. In der aufziehenden Wirtschaftskrise war schon das eine optimistische Schätzung, wenn man bedenkt, dass der PC-Gesamtmarkt über das Jahr nur mit Glück die Hälfte dieser Marge erreichen wird.
Ungebrochener Boom
Inzwischen ist klar, dass alles noch viel besser wird für die Netbook-Hersteller, und dazu zählen inzwischen so gut wie alle Firmen, die auch Laptops herstellen sowie einige Newcomer, die sich vorher noch nie auf das Abenteuer PC-Markt eingelassen haben. In Deutschland sind inzwischen über 40, Versand inklusive fast 60 verschiedene Modelle zu haben. Die Zahl könnte sich innerhalb weniger Monate verdoppeln: Immer schneller wird der Takt der Produkt-Neuvorstellungen, CES, Cebit und IFA versprechen kleine Veröffentlichungswellen.
Insgesamt, schätzen die Marktexperten von DisplaySearch, dürften in diesem Jahr 14 Millionen Geräte verkauft werden. Da aber - Rezession hin oder her - der Netbook-Absatz weiterhin immer stärker steigt, könnte das Weihnachtsgeschäft durchaus noch einen Strich durch diese Schätzung machen: Es könnten noch mehr werden.
Selbst sonst gut informierte Marktauguren kommen da mit den Schätzungen nicht mehr hinterher. Dass bis 2012 satte 50 Millionen Netbooks im Umlauf sein sollen, klang noch im Sommer wie eine äußerst gewagte Prognose des renommierten Marktforschungsunternehmens Gartner Group. Inzwischen ist klar, dass deren Experten viel zu vorsichtig waren. Sie gingen zu diesem Zeitpunkt noch von 5,2 Millionen Geräten für 2008 aus - jetzt wurden allein im dritten Vierteljahr mehr verkauft. Inzwischen gilt als konservativ, wer nicht davon ausgeht, dass nicht mindestens zehn Prozent aller PC-Verkäufe 2009 auf Netbooks entfallen werden.
Kunststück, wenn man bedenkt, dass zugleich die großen PC-Hersteller sowohl ihre Umsatzerwartungen, als auch präventiv ihre Produktion in den anderen Marktsegmenten drosseln. Von Acer, Asustek, Dell und Hewlett-Packard wurde bereits bekannt, dass sie ihre Produktion zu Jahresbeginn um bis zu 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einschränken werden, berichtete Anfang Dezember die "Digitimes". Nur Netbooks werden immer mehr gefertigt.
Das Netbook: Der Rechner zur Krise?
Für den Überraschungserfolg der Netbooks gibt es drei Erklärungsansätze:
- These 1: Geiz ist geil, wenn die Wirtschaftskrise droht - das Netbook als Paranoia-PC
- These 2: Die Leichtigkeit ist meins - das Netbook als idealer Unterwegs-PC, Zweit- oder Drittrechner für pragmatische Aufgaben
- These 3: Der neue Pragmatismus - Nutzer entdecken, dass sie gar keinen ultraschnellen, mega-leistungsfähigen Superrechner brauchen, um E-Mails zu verschicken oder SPIEGEL ONLINE zu lesen
Wahrscheinlich stimmt das alles - je nach Nutzer in unterschiedlicher Gewichtung. Gegen die ersten beiden Erklärungsansätze spricht allerdings, dass man zu Netbook-Preisen inzwischen längst auch Laptops mit weit überlegenen Leistungsdaten bekommt. Die Leute kaufen trotzdem lieber Netbooks, was wiederum weiter auf die Preise drückt. Siehe da: Der kleine Hoffnungsträger ist gar nicht so ungefährlich für die Branche.
Risiken und Nebenwirkungen - die Nische wird zu klein, aber jede Ausweitung kannibalisiert den Laptop-Markt
Denn in einem wachsenden Konkurrenzumfeld gehen den Unternehmen die Möglichkeiten aus, sich mit ihren Produkten überhaupt von der Konkurrenz abzusetzen. Anders als bei allen anderen PC-Produkten gibt es quasi eine bindende Vorschrift, was ein Netbook maximal leisten darf.
Vorgegeben wird die von Microsoft. Da das Ressourcen-hungrige Vista-Betriebssystem auf den kleinen Netbooks nicht läuft, bietet Microsoft eine abgespeckte Windows-XP-Version dafür an. Die verkaufe sich aber besser als die ebenfalls erhältlichen Linux-Versionen, heißt es etwa beim EeePC-Entwickler Asus. Also verzichtet kaum ein Netbook-Entwickler darauf, sich an Microsofts Vorgaben zu halten, um neben Linux auch Windows XP anbieten zu können - tatsächlich gibt es bisher viele Netbooks, die eher auf eine Linux-Version verzichten.
Das führt dazu, dass sich eine regelrechte Standard-Konfiguration für Netbooks entwickelt hat:
- 1 GB Speicher
- Intels Atom-Prozessor mit 1,6 GHz
- 160 GB Festplatte
- 10-Zoll-Display ohne Touchscreen-Funktion
Damit ist das Gros aller Netbooks beschrieben. Die Produkte unterscheiden sich nur noch im Design. Microsoft vergibt für diese Spezifikationen XP-Lizenzen für knapp über 30 Dollar, wer mit weniger auskommt, bekommt es billiger: Die Netbooks an der Unterkante der minimalen Leistungsanforderungen können ab zehn Dollar mit XP ausgerüstet werden. Ein Blick auf den Markt zeigt aber, dass das als Anreiz nicht reicht. Mini-Laptops mit 7-Zoll-Display und Mini-Speicher führen ein Nischendasein. Wie immer versuchen alle Hersteller zu bieten, was der Gerätetyp maximal hergibt.
Der Druck wächst, das Konzept zu erweitern
Für die Hersteller ist das ein wachsendes Problem. Erweitern lässt sich das Netbook-Segment nur, wenn man sich auf Linux einlässt (wogegen absolut nichts spricht, nur hat sich das bei den Kunden noch nicht herumgesprochen), die Netbooks mit 3G-Telefonie-Anbindungen ausrüstet - oder aber bereit ist, unter Abweichung von der Netbook-Spezifikation weitere Teile des Marktes zu kannibalisieren.
Denn natürlich knabbern die Netbooks schon jetzt am Laptop-Markt. Man muss davon ausgehen, dass immer mehr Kunden das Netbook durchaus nicht als Zweit- oder Drittrechner kaufen, sondern als für ihre Bedürfnisse hinreichenden Rechner. Wenn man denen 12-Zoll-Größen anbietet, werden sie es dankbar nutzen. Ein DVD-Laufwerk wäre auch nicht schlecht - und zack: Schon beginnt man, verstärkt am Marktsegment der hochpreisigen Subnotebooks zu nagen, während man bisher eher mit Billig-Laptops der 15-Zoll-Klasse konkurrierte.
Denn auch unter den Subnotebook-Käufern gibt es viele, die sich vor allem dafür entscheiden, weil es hochwertig und elegant aussieht und wirklich tragbar ist. Die Leistung ist sekundär, denn kaum ein PC-Nutzer nutzt die angebotenen Features eines Rechners wirklich aus. Billige Netbooks, die wie Subnotebooks wirken, wären ein Verkaufsschlager - oder besser noch abgespeckte Subnotebooks, die als Netbooks angeboten werden: Solche mit 12- oder 13-Zoll-Displays, Celeron-Prozessoren, eingebautem Brenner etc. werden wir in den nächsten Monaten immer öfter sehen.
Billig halten könnte man das unter anderem durch den Einsatz angepasster Linux-Versionen. Die sieht auch Paul Otellini, Chef von Intel, als potentielle Gewinner des Trends: Im Netbook-Marktsegment, meinte Otellini Anfang November, werde Linux mittelfristig dominieren.
UMTS muss her
Das entspricht zwar absolut nicht dem, was man im ersten Marktjahr der Netbooks beobachten konnte, ist aber trotzdem logisch: Linux erlaubt den Herstellern die Abweichung von der faktischen Netbook-Norm, gibt ihnen also mehr Möglichkeiten, sich mit besseren oder anderen Features von der Konkurrenz abzusetzen. Zudem ist es die billigste Möglichkeit, aus Intels Atom-Prozessor mehr Leistung kitzeln - und wohl auch darum eine Lösung, die sich Otellini vom Weihnachtsmann wünschen mag: Längst ist der Atom Intels Bestseller und Hoffnungsträger, und nicht etwa die Mehrkern-Boliden der Oberklasse.
An der Unterkante des Segments herrscht nun ebenfalls Bewegung. Mit Mini-Netbooks, die auf Chips beruhen, die eigentlich für Smartphones gedacht waren, soll der Markt der Drittrechner-Liebhaber bedient werden, die ein Surfbrett für unterwegs suchen.
Aus dem Nischenprodukt Netbook mit seinen klaren Spezifikationen könnte so eine Produktgruppe erwachsen, die mit immer größeren Teilen des Laptop-Marktes konkurriert. Das Problem dabei: Netbooks sind Rechner, die ihren Herstellern nur geringe Margen bescheren. Wie Billig-Laptops folgen sie dem Prinzip Aldi: Verkaufe billig, aber viel - die Masse macht den Profit.
Das Netbook-Konzept ist absolut Un-appelig - oder: Warum Apple auf sich warten lässt
Das ist genau das Gegenkonzept zu Apples Strategien. Die Steve-Jobs-Company setzt bei ihren Rechnern auf Wertigkeit, Design, Leistung und Prestigewert. Ihr Mantra lautet eher: Verkaufe weniger, aber teuer. Apple setzt auf hohe Margen.
Kein Wunder, dass Steve Jobs den Gedanken an ein Apple-Netbook bereits mehrere Male von sich gewiesen hat. Fraglich ist, ob er das noch lange kann. Bisher konkurriert etwa das MacBook Air mit PC-Produkten, die auch nicht viel günstiger sind, aber weniger chic. Was, wenn Otto Normalverbraucher bald ein 1,3 kg leichtes, ultraflaches 12-Zoll-Netbook in Alu-Optik für 450 Euro neben das MacBook Air für 1800 Euro legen kann?
Paul Otellini sieht das nicht so. Der Intel-Chef glaubt, dass sich höherwertige Laptops eben immer durch ein Mehr an Leistung legitimieren müssten. Wenn es Netbooks gelinge, den höherpreisigen Markt zu kannibalisieren, sei man selbst schuld.
Darüber könnte man streiten. Die Frage, wie viel Laptop der Mensch wirklich braucht, haben angeblich 5,6 Millionen Käufer im dritten Quartal 2008 mit der Geldbörse beantwortet. Je mehr Abweichungen vom eng definierten, relativ leistungsschwachen Netbook-Standard es geben wird, desto mehr könnten das werden. Denn noch kann man kräftig aufbohren: Mit Celerons und Dual-Core-Atoms, mit größeren Speichermedien und mehr Arbeitsspeicher in Verbund mit Linux, mit Mobilfunk-Funktionalitäten und verbesserten Grafik-Features für den Einsatz als Mobil-Filmabspieler.
Noch beißen sich Netbook und höherer Preis
Und kein Unternehmen wäre so gut aufgestellt, sämtliche bisherigen Netbook-Standards über den Haufen zu werfen, wie Apple. Was Jobs und Co. hindern mag, ist wohl die Aussicht, ein Mini-Air zu stark verminderter Marge anbieten zu müssen. Netbook-Pionier Asus, der mit angeblich 60 Prozent Anteil noch immer den Netbook-Markt in Europa dominiert, erlebt gerade mit dem Edel-EeePC S101, dass es gar nicht so einfach ist, das Marktsegment gen 600 Euro zu erweitern. Die aktuelle Schmerzgrenze für ein Netbook scheint bei den Verbrauchern stabil bei 400 Euro zu liegen - billiger läuft besser.
Gerüchte über ein Apple-Netbook im Januar sind deshalb wenig wahrscheinlich. Noch ist aber auch Zeit: Bei MP3-Playern hat Apple schon einmal gezeigt, dass man ruhig Jahre abwarten kann, bevor man einen Markt aufrollt. Dort halten die eigentlich spät eingeführten iPods einen Marktanteil von 70 Prozent, Konkurrenten halten fast nur noch über niedrigere Preise dagegen. Apple geht Märkte gern an, wenn sie dafür bereit sind, dort auch eine passende Marge zu erzielen.
Noch aber findet die Konkurrenz der Netbook-Hersteller nur über den Preisrabatt statt, kaum über Features. Netbook-Besitzer finden ihr Produkt cool, weil es für wenig Geld per definitionem wenige Dinge, die aber gut kann. Das ist die Definition eines Anti-Apple.