Öko-Computer: Das Ende der Sondermüll-PCs - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Öko-Computer Das Ende der Sondermüll-PCs

Schick soll ein PC sein, eine Menge Rechenleistung bieten und nicht so laut rumoren - klar! Die Schattenseite: Jährlich produzieren wir allein in der EU 250.000 Tonnen hochgiftigen Elektronik-Schrott, denn bislang sind Computer wahre Energie- und Dreckschleudern. Doch auch hier hält Öko Einzug und Hersteller wittern einen neuen Markt.
Von Mario Gongolsky
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine Bericht der United Nations University in Tokio brachte an den Tag, was den meisten Fachleute schon lange klar ist: Die Herstellung eines Computerchip erfordert einen enormen Energieeinsatz. Während das Verhältnis fossiler Brennstoff- und Chemikalienverbrauch zum Eigengewicht des Endprodukts bei einem Pkw 2:1 beträgt, liegt das Verhältnis bei einem Mikrochip bei 630:1! Hinzu kommt, dass das, was schließlich in einer Metallbox unter Millionen von Schreibtischen kauert, einer Sondermülldeponie gleicht.

Doch nicht nur bei Produktion und Entsorgung ist der PC ein Problemkind, sondern auch im Betrieb.

Immer schnellere Prozessoren verbrauchen immer mehr Strom. Der Nutzer stört sich indessen nur am Lärm der zahlreichen Kühllüfter, ohne die manch moderner Prozessor kaum 15 Sekunden überlebensfähig bleibt. Diese Abwärme ist nichts anderes als ein Energieverlust. Was beim Energiesparen drin wäre, führt die Industrie mit großem Eifer bei der Entwicklung mobiler Chipsätze vor. Beim Laptop ist der Prozessor nämlich in der Energiebilanz mit nur zehn Prozent Verbrauchsanteil ein echter Musterknabe. Durch ein Verbrauchsmessgerät lässt sich der Energiebedarf des Desktop-Prozessors hingegen schnell entlarven: Während ein Pentium-4-System mit 3,06 GHz ohne nennenswerte Prozessorlast mit 70 Watt auskommt, steigt der Verbrauch bei rechenintensiven Aufgaben auf 140 Watt an.

Blaue Engel für den Umwelt-Bengel!

Das Deutsche Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung (RAL) in Sankt-Augustin bei Bonn prüft Anträge zur Erteilung des Umweltschutz-Signets "Blauer Engel". Aktuell weist die Datenbank nicht einen einzigen PC-Hersteller als Umweltengel aus. Doch der mit der Antragsprüfung beschäftigte Dr. Javier Sang beruhigt: "Grund ist nicht ein Desinteresse der Industrie, sondern die Reglementänderungen im Juni 2002, die nun seit Anfang 2003 Gültigkeit haben. Erst jetzt gibt es die ersten Neuerteilungen."

Den Blauen Engel gibt es in den Kategorien PC, Monitore und Tastaturen. Zu den ehemaligen Signetträgern gehörten die PC-Hersteller Dell, Fujitsu-Siemens, HP, Actebis, Peacock und Toshiba. Bei den Monitorherstellern ist die Firma LG im Begriff eine Erteilung zu bekommen, und bei den Tastaturen ist Cherry mit dabei.

Die neuen Kriterien für einen Blauen Engel sehen nun vor, dass Leiterplatten keinerlei polybromierte Biphenyle (PBB) und polybromierte Diphenyle (PBDE) oder Chlorparaffine mehr enthalten dürfen. Der Energieverbrauch muss ACPI-Standard genügen und das Arbeitsgeräusch darf 40 dB(A) nicht überschreiten. Für Monitorhersteller ist der geforderte Energieverbrauch beim so genannten "Schein-Aus" von unter einem Watt eine kritische Hürde.

Um den Stromverbrauch kümmert sich auch die Gemeinschaft Energielabel Deutschland (GED). "Unsere Erteilungskriterien sind etwa so gestaltet, dass nur 25 bis 30 Prozent der Geräte am Markt die Bedingungen erfüllen können", erklärt Katrin Kallmann von der Berliner Energieagentur, die das GED-Projekt betreut.

Vorreiter wittern neue Märkte

Ein Blick in die GED-Datenbank weist erneut auf das Engagement der Firma Fujitsu-Siemens hin. Das ist kein Zufall. Schon vor 8 Jahren erhielt ein Siemens-Computer den "Blauen Engel" und auch beim PC-Recycling war man Vorreiter. Das verschafft der heutigen Fujitsu-Siemens einen Marktvorsprung: "Die lange Erfahrung mit unserem Recyclingwerk in Paderborn führt inzwischen dazu, dass die Geräteentwicklung nachhaltig beeinflusst wird.", freut sich eine Unternehmenssprecherin.

Es geht auch ohne Gift: Die neue Computer-Generation beweist zudem, das "Öko" keinen Jute-Appeal haben muss. Einmal dazu genötigt, entwickeln die Unternehmen schicke, leistungsfähige Geräte, die weniger ungesund sind - und zudem mittelfristig Geld sparen. Weiter...

Vergangenes Jahr präsentierte man ein Green-Mainboard in limitierter Auflage: halogenfrei, ohne bromierte Phenyle, bleireduziert - und das entfachte mehr Nachfrage als erwartet.

Nun ist man einen Schritt weiter und zeigt einen Green-PC. Der SCENIC S2 Green enthält Kunststoffe ohne halogenhaltige Flammhemmer und ist natürlich mit dem Green Mainboard D1382-G ausgerüstet. Die Verwendung von blei-, als auch halogenfreien Leiterplatten sowie bleifreie Lötprozesse ermöglichen es, den Anteil von Blei von ungefähr zwölf Gramm je Mainboard auf weniger als drei Gramm zu reduzieren. "Öffentliche Auftraggeber legen bereits heute Wert auf Schadstoffarmut und Umweltschutz. In Skandinavien mit seinen schärferen nationalen Vorschriften eröffnen sich für unsere Produkte neue Marktchancen", heißt es bei Siemens.

Das haben freilich inzwischen auch viele andere PC-Hersteller erkannt. Bei Hewlett-Packard untersucht man neue Produktionstechniken, die bleihaltigen Lötzinn (Pb) vollständig ersetzen können. Auf den Webseiten von HP und Compaq findet man darüber hinaus ein ganzes Webkompendium zum Thema PC und Umwelt.

Der EU-Umwelt-Countdown läuft

Das ökologische Engagement brauchte ein wenig Nachhilfe: Ganz ohne politischen Druck gab sich die Branche eher unbeweglich. Der EU-Müllverordnungs-Entwurf "WEEE" (Waste of electric and electronic equipment) des Umweltausschusses verpflichtet die Mitgliedstaaten nun, dafür zu sorgen, dass bis 2006 keinerlei Elektro- und Elektronikgeräte mehr im Hausmüll landen. Am 13. Februar 2003 wurde der Entwurf im Amtsblatt der europäischen Union unter dem Titel "Richtlinie 2002/96/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. Januar 2003 über Elektro- und Elektronik-Altgeräte" veröffentlicht. Damit ist die Sache "amtlich" und die Frist läuft für eine der Umsetzung in nationale Gesetzgebungen. Spätestens in 18 Monaten muss die Richtlinie in den EU-Ländern umgesetzt sein.

Ab Januar 2008 sollen dann Blei, Quecksilber, Cadmium und polybromierte Phenyle sogar ganz aus Elektrogeräten verschwinden. Das EU-Amtsblatt definiert nur wenige Ausnahmen, etwa dort, wo aus technischer Sicht ein Ersatz der geächteten Stoffe noch nicht möglich ist; prüft aber regelmäßig die technische Machbarkeit, um die bestehenden Ausnahmen weiter zu dezimieren. In den USA wurde der EU-Vorstoß zwar kontrovers diskutiert, doch die Reaktion der japanischen und europäischen Hersteller hat Fakten am Markt geschaffen, denen sich die US-Produzenten nicht verschließen können.

Mehr lesen über