P2P-Börsen Die Piraten wappnen sich
KaZaA ist keine beliebte Tauschbörse, und doch ist sie die meistgenutzte. Das kommt nicht von ungefähr: Keine Plattform kann es derzeit in Sachen Bequemlichkeit und Geschwindigkeit mit der durch Daten-Schnüffelei ins Gerede gekommenen Software aufnehmen. Bei KaZaA sucht man nach Titeln, Interpreten, nach ganzen Alben, und wem das noch nicht reicht, der schaut sich einfach frei auf den Festplatten seiner Mittauscher um.
Nicht mehr lang: Die Funktion, nach weiteren Angeboten eines Tauschers zu suchen, wird KaZaA in Kürze deaktivieren. Damit verliert die Börse ein Stückchen ihrer Attraktivität, doch ihre User gewinnen an Sicherheit - vor Strafverfolgung.
Denn was die Nutzer als bequem schätzen, macht es auch den Daten-Detektiven der Industrie leicht, sich auf den Festplatten ihrer verlorenen Kunden umzusehen.
Die betrachtete sie lang als irregeführt, als verlorene Schäfchen, mit denen man es sich nicht endgültig verderben wollte. Auch das ist vorbei: Nach den Gerichtsentscheidungen zugunsten Morpheus und Groksters vom Frühjahr zeichnete sich ab, das der Weg, P2P-Börsenbetreiber vor Gericht zu zerren, nicht länger wirklich erfolgversprechend ist. Der Industrie aber steht das Wasser bis zum Hals: Nach ihrem Verständnis handelt sie in Notwehr.
Datenschrott und Anwälte
Also kündigte die amerikanische Entertainment-Lobby RIAA vor Wochen an, damit beginnen zu wollen, nun Nutzer zu verklagen. Exemplarisch zerrte sie einige Studenten vor den Kadi und einigte sich dann doch außergerichtlich mit ihnen: Statt aberwitzige Millionensummen zu fordern, strich sie saftige Abfindungen ein.
Nun soll es in großem Stil losgehen. Von einigen Hundert Anklagen, die in Vorbereitung seien, ist in der Branche die Rede. Doch auch vier- und fünfstellige Zahlen sind denkbar, wenn das Tauschaufkommen in den Börsen nicht bald merklich sinkt: Die Branche setzt auf juristische Abschreckung als letztes Mittel.
Bisher hat das relativ wenig gebracht. Zwar sanken die Nutzerzahlen bei KaZaA um rund ein Fünftel, doch das hat durchaus nicht den ersehnten Effekt: Mit der sprunghaft steigenden Verbreitung breitbandiger Internet-Verbindungen wird das Tauschnetzwerk immer schneller, und fast scheint es, als ob das Absinken der Gesamtnutzerzahl nur den permanenten Dauerstau beseitigt hätte.
Auch, dass Dienstleistungsagenturen wie Overpeer oder MediaDefender die Börsen zunehmend effektiv mit Datenmüll überfluten, behindert allenfalls den Download nagelneuer Scheiben. Nach wenigen Wochen ist trotzdem alles im Netz zu haben, und die Nutzerschaft sorgt dafür, dass der Störsalat im Orkus verschwindet.
Tarnkappen für Tauscher
Jetzt also schlägt die Stunde von Agenturen wie Ranger Online oder BayTSP, die gezielt nach Raubkopien suchen: Eine sonderlich anspruchsvolle Aufgabe ist das nicht. Wahre Sherlock-Holmes-Qualitäten braucht hingegen der, der bei KaZaA nach legalen Materialien sucht. Doch das, argumentiert KaZaA, sei nicht Schuld des Unternehmens. Das Angebot an die Industrie, KaZaA als Plattform für legale Downloads zu nutzen, stehe: Das aber will absolut niemand.
Die Fronten sind und bleiben also verhärtet, und alle Seiten bereiten sich auf den großen Clash vor. Sharman versucht mit der deaktivierung von Funktionen, die den Fahndern der Industrie die Suche nach Anzuklagenden erleichtern, die Nutzerschaft zu beruhigen.
Konkurrent Morpheus geht gar noch weiter: Bis Ende Juli will die Börse im Gnutella-Netzwerk Software implementieren, die die Rückverfolgung eines Datentauschers zu seinem Serviceprovider erschweren. Denn der ist zum einen der Einzige, der sich über die Identität eines Datensaugers immer im Klaren ist, zum anderen inwischen fast überall in der westlichen Welt dazu verpflichtet, solche Daten auf Verlangen an die Staatsanwaltschaft oder Polizei weiter zu geben.
Ein effektiver Schutz der Nutzer erfordert jedoch einen Umbau der Tauschnetze. Zwischengeschaltete Proxyserver sind neben einer Datenverschlüsselung realistische Ansätze, doch beide würden der Industrie vor Gericht die Argumentation gegen die Börsenbetreiber wieder erleichtern. Die ziehen sich inzwischen auf das Argument zurück, dass der Missbrauch ihrer dezentral organisierten Börsen von ihnen nicht gewollt sei.
Seit keine große P2P-Plattform mehr mit einem zentralen Server arbeitet, sind der Industrie keine erwähnenswerten Erfolge mehr gelungen. Das mag sich nun so oder so ändern - wenn es der P2P-gemeinde nicht gelingt, ihre Probleme mit der Industrie wie gewohnt zu lösen: technisch.
Frank Patalong