P2P: Telefonieren mit KaZaA - DER SPIEGEL
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P2P Telefonieren mit KaZaA

Telefongespräche über das Internet gibt es seit Jahren, im Kundenmarkt konnten sie sich bisher nicht durchsetzen. Jetzt kommt KaZaA-Gründer Niklas Zennström mit einer P2P-Lösung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie viele Nutzer KaZaA tatsächlich hat, weiß kein Mensch. Es gibt Schätzungen, die auf den Downloadzahlen des Programmes basieren. Es gibt nur mutige Vermutungen darüber, wie viele User statt dessen die gehackten KaZaA-Versionen wie "Lite" oder "K++" nutzen, die weit beliebter als das Spyware-verseuchte Original sind. Bei einer dreistelligen Millionenzahl landet man in jedem Fall.

Und das ist sichtbar: Zu jedem gegebenen Zeitpunkt sind über das KaZaA-eigene FastTrack-Netzwerk rund vier Millionen User verbunden.

Ein gigantisches Potenzial für Geschäfte oder dafür, anderen das Geschäft zu vermiesen. Genau das wirft die Musik- und zunehmend auch Filmindustrie KaZaA vor. Das Unternehmen hingegen, das seit der ersten Klagewelle vor zwei Jahren nicht mehr in Europa firmiert, sondern unter dem Dach der mysteriösen, angeblich australischen, faktisch auf dem Südseeeiland Vanuatu ansässigen Investmentfirma Sharman, argumentiert immer wieder, P2P ließe sich auch legalisiert und gewinnbringend anwenden.

Der neueste Vorstoß in neue Märkte ist Skype, eine weitere Gründung des ursprünglichen, estisch-schwedischen KaZaA-Teams. Wieder stehen Niklas Zennström und Janus Friis der Firma vor, wieder programmierten die KaZaA-Erfinder Ahti Heinla, Priit Kasesalu und Jaan Tallinn die Anwendung. Die zielt diesmal darauf, die Welt der Telefonie zu "revolutionieren".

Kokettieren mit dem Schurken-Image

Das haben schon ganz andere versucht, und ebenfalls mit Internet-Telefonie. Diesmal jedoch könnte die Sache anders aussehen. Skype fährt im Kielwasser des FastTrack-Netzes und versucht ganz offen, KaZaA-Nutzer abzufischen. Das neue Unternehmen wuchert mit dem Pfund KaZaA, ohne mit der P2P-Börse noch etwas zu tun zu haben.

Gemeinsam haben die beiden P2P-Plattformen allerdings viele Konstruktionsmerkmale: Wie KaZaA schafft auch Skype ein dezentrales, auf so genannte Supernodes aufsetzendes Netzwerk im Internet. Wieder ist jeder Nutzer zugleich auch "Vermittlungsstelle".

Für P2P-Fans hat das einen gehörigen Sex-Appeal. Die Skype-Macher machen gar keinen Hehl daraus, wieder Rebellen in einem Markt sein zu wollen. Diesmal geht es den "Telcos" an den Kragen. Friis äußerte in einem Interview, er hoffe sogar, dass werde deren Geschäftsgrundlage erschüttern: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand etwas dagegen hat, zeitlich unlimitierte kostenlose Gespräche zu führen. Außer den Telcos."

Alt-Firma böse, Neu-Firma gut

Die bieten aus Sicht der Skype-Macher nur "POTS" an, was mit "Plain Old Telephony System" übersetzt wird. Das aber, glauben sie, habe seine beste Zeit hinter sich. P2P-Technologie, schreiben sie, sei "disruptive Technik, wenn man sie in einen reifen Markt einbringt".

So strickt man an seinem Rebellen-Mythos.

Tatsächlich scheint IP-Telefonie, das Telefonieren über das Internet, vor einem Durchbruch. Im Business-Markt längst eine Nummer, wartet der Consumermarkt allerdings noch auf IP-Lösungen, die kostengünstig und gut auch vom Rechner zum Normal-Telefon funktionieren. Das kann auch Skype nicht - seine Macher sagen da "noch" und kündigen an, genau auf dieser Schiene künftig Geld verdienen zu wollen.

Nicht wirklich neu, aber nett

Denn Skype von Rechner zu Rechner ist kostenlos und reiht sich damit in ein ganzes Umfeld konkurrierender Dienste ein. Nicht nur diverse Messenger-Programme, auch kommerzielle Anbieter buhlen um IP-Telefonie-Kunden. Kürzlich erst hob MP3.com-Gründer Michael Robertson einen IP-Telefondienst aus der Taufe.

Doch die Konkurrenz, sagt Skype, ist halt nicht P2P. Zentrale Server schränkten das Potenzial der Konkurrenz ein, während ihr Skype seine Stärke gerade aus der Masse der verbundenen User schöpfe.

Die bekommen zunächst einmal ein Programm, das nicht viel anders aussieht als ein Messenger und sich auch ähnlich "anfühlt". Das Finden von Gesprächspartnern läuft wie bei Instant-Messengern über eine Art Buddy-System. Es stellt aber deutlich höhere Systemanforderungen: 128 MB Arbeitsspeicher müssen schon sein, ein 400 MhZ-Prozessor sollte verbaut sein und Windows 2000 oder XP sind Pflicht.

Skype-User aber wissen, dass das Programm mitunter auch unter Windows 98 ganz gut läuft - und äußern sich begeistert. Skype verspricht eine Qualität, die sogar besser sein soll, als bei herkömmlichen Telefonaten. Das wird von Testern nicht bestätigt, doch gut sei die Sprachqualität allemal. Nahezu verblüffend scheint, dass Skype noch nicht einmal einen Breitband-Anschluss brauche. Wie KaZaA unterläuft auch Skype - im Gegensatz zu den meisten Konkurrenzprodukten - jede Firmen-Firewall: Da freuen sich die Indianer und die Häuptlinge ärgern sich. Zennström und Co mögen das Rad also nicht neu erfunden, aber immerhin eine gute IP-Telefonielösung vorgelegt haben.

Alles, was der sparwillige Vieltelefonierer jetzt noch braucht, ist ein Computer, ein Headset und einen Partner: Bisher muss man sich zum "skypen" noch verabreden.

Frank Patalong

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