PC-Steinzeit Luftkampf ohne Flugzeug
Zwar waren die Siebziger nicht gerade durch erhöhte Technikfreundlichkeit geprägt, dafür sorgten schon schnelle Brüter und Pershings, aber dem Erscheinen der ersten Rechner stand man durchaus wohlwollend gegenüber. Besonders im Matheunterricht.
Der erste, der mit einem mathematisch-wissenschaftlichen Commodore-Taschenrechner ankam, der Sparvariante des texanischen Edelinstruments, avancierte augenblicklich zum Schätzle des Mathelehrers. Da es sich bei dem glücklichen Besitzer zufälligerweise um den Klassenstärksten handelte, hielt sich die Technikkritik in Grenzen.
Ungefähr zur selben Zeit tauchten in dem Supermarkt, in den wir uns immer zum billigen Coladosenkauf davonstahlen, die ersten Homecomputer auf. Wiederum Commodore, VC-20.
Diesem Commodore war sein hoher militärischer Rang scheinbar völlig zu Recht verliehen worden. Wenn einer die Hightech-Welt nach Belieben herumkommandierte dann ja er. Im Gegensatz zu den Taschenrechnern bot so ein VC-20 einen geradezu einschüchternden Anblick: Tasten im Überfluss, viele mit völlig unbekannten Symbolen versehen und anstatt des winzigen Displays war ein Bildschirm angeschlossen, auf dessen Mattscheibe ein winziger Strich pulsierte. Diese Maschine hatte offensichtlich ein Innenleben, eine Seele. Dagegen nahmen sich Taschenrechner wie Insekten aus, die immer nur stur dem Licht entgegen krabbeln.
Neue Konkurrenz: Das Elektronenhirn
"Hallo" tippte einer in die Tastatur. Auf dem Bildschirm erschien prompt ein "Hallo", vor dem das blinkende Strichlein nach rechts auswich. Darüber hinaus passierte nichts. Also drückte ein anderer die große Taste mit dem abgewinkelten Pfeil. Sofort schnellte das Strichlein eine Zeile tiefer.
Aha, das war sie also, die schwindelerregende Geschwindigkeit der elektronischen Datenverarbeitung! Wir erkannten, welche Gefahr von Maschinen, die derart rasant Wörter verschieben konnten, für unsere künftigen Jobs ausging. Menschen nahmen sich gegen den VC-20 wie behäbige Tollpatsche aus.
EDV: Nichts für Frostbeulen und Weichlinge
Kurze Zeit zuvor war plötzlich EDV-Unterricht auf dem Lehrplan erschienen. Es war das Jahr 1979 und die Schule freute sich sehr, über eine moderne Einrichtung wie einen EDV-Raum zu verfügen. In diesem Raum war es spürbar kälter als in den anderen Klassenzimmern. Das lag daran, dass der teure Computer - es war ein Wang und kein Commodore - angeblich nur in einer kühlen Umgebung zu Bestform auflaufen konnte. Ich setzte mich in eine Bank, behielt die Jacke an und mein Blick fiel auf eine Gravur, die jemand in die Bank geritzt hatte: "Wang? Nein danke!" Offensichtlich hatte hier vor mir ein ziemlich kälteempfindlicher Weichling gesessen.
Es wurde Frühling, ein überraschend milder Frühling, und der Wang blieb, aus Angst, seine empfindlichen Schaltkreise könnten unter der Wärme leiden, meistens ausgeschaltet. Man behalf sich mit Trockenübungen auf dem Feld der Basic-Programmierung. Mit einem Computer, dessen Bildschirm vorzugsweise schwarz blieb, war das eine trockene Angelegenheit. In manchen afrikanischen Ländern, hatte ich im Fernsehen gesehen, gab es zwar eine Luftwaffe, aber keine Flugzeuge. Dort rannten die Piloten mit abgewinkelten Armen über eine Landebahn und markierten verwegene Luftkampfmanöver. So ähnlich kam mir jetzt auch unser EDV-Unterricht vor.
Aber dann passierte etwas Außergewöhnliches. Unser Klassensprecher, immer bereit, die Glorie des Halbstarken gegen einen Esprit-Pullover und einen Satz neuer Ideen einzutauschen, erwies sich auch auf dem Gebiet der Datenverarbeitung als echter Avantgardist: Er hatte ein eigenes Programm verfasst.
Als ich an jenem Tag den EDV-Saal betrat, hatte sich um das Eingabepult des Wangs bereits eine Traube gebildet. Glücklicherweise war dem Frühling ein kühler regnerischer Sommer gefolgt und das auf einen Zustand des Eingeschaltenseins hindeutende Schnurren der Anlage ging völlig in Ordnung. Plötzlich ratterte etwas.
Unter spastischem Zucken setzte sich der Drucker, den wir Plotter nennen mussten, in Bewegung. Dieses Ding war ungefähr so grafikfähig wie eine Reiseschreibmaschine, wenngleich wesentlich weniger mobil. Langsam schälte sich eine Papierfahne aus dem Monolithen. Jemand riss den Ausdruck ab und reichte ihn herum.
Erstaunlich: Der Plotter hatte aus Buchstaben eine dreizackige Krone gemalt und da mitten hinein, in winziger 11-Punkt-Schrift, den Vor- und Zunamen unseres Klassensprechers gesetzt. Und das schönste war, jeder bekam so einen Kunstdruck mit seinem eigenen Namen und dem Kronenrand drumherum. Mir schwante, nicht mehr lange und alle Menschen werden, so wie wir jetzt, von den tollen Möglichkeiten der Computertechnik profitieren und ebensolche Ausdrucke in ihren Händen halten.
Und so kam es dann auch.
Ein Beitrag von SPIEGEL-ONLINE-Leser Michael F. Ernst
Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Homecomputermuseum.de