PDAs: Linux für die Tasche - DER SPIEGEL
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PDAs Linux für die Tasche

Der große PDA-Boom ist vorbei, der Markt ist rau und klein. Etablierte Player verabschieden sich, während zwei "Große" den Markt unter sich aufteilen. Doch jetzt kommt der Linux-PDA: ein Konzept mit Chancen?
Von Thomas Jungbluth
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Pünktlich zur großen Geschäftsreise in die USA schlug das letzte Stündlein des betagten Palm Organizers. Johannes Schneider, Verkaufsleiter eines großen Autohauses, musste zähneknirschend ohne seinen elektronischen Terminkalender über den großen Teich jetten. Jetzt überlegt er: Soll das nächste Gerät noch mal mit Palm OS laufen oder sind andere Geräte besser geeignet?

Neben Pocket Windows 2002 von Windows stehen Geräte mit Linux zur Wahl. Psion-Organizer haben dagegen keine große Zukunft mehr, die Firma hat angekündigt, diese Produkte nicht weiter zu entwickeln.

Organizer mit Linux als Betriebssystem sind schon seit über einem Jahr im Gespräch - getan hat sich dagegen bisher eher wenig. Ein Hersteller (Agenda Computing) verabschiedet sich sogar bereits wieder. Dennoch ist Linux eine interessante Alternative zu den beiden "großen" Mitbewerbern PalmOS und Pocket Windows. Welche Vorteile haben Anwender wie Johannes Schneider, wenn sie sich für einen Linux-Organizer entscheiden?

Linux ist ein freies Betriebssystem. Anders als bei Microsoft müssen für die Anwendungen keine Lizenzgebühren gezahlt werden. Selbst das Betriebssystem können Entwickler an ihre eigenen Bedürfnisse anpassen. So ist denkbar, dass das Autohaus von Verkaufsleiter Schneider seine komplette Vertriebsmannschaft mit Linux-Systemen ausstattet, die speziell auf den Verkauf von Autos angepasste Software enthält.

Das Angebot: Bisher zwei Modelle

Zurzeit gibt es zwei Geräte auf der Basis von Linux: den Compaq iPaq 3600 und den Sharp SL-5000. Der Compaq wird eigentlich mit Pocket Windows verkauft, die Software kann aber gegen das Betriebssystem mLinux getauscht werden. Das Betriebssystem gibt es bei der Hamburger Firma Lisa. Bei Lisa gibt es auch das Gerät mit vorinstalliertem Linux.

Lisa verkauft auch den Sharp SL-5000, der von Sharp selbst noch nicht angeboten wird. Von dem Gerät gibt es zur Zeit allerdings nur ein "Entwicklungskit" für Programmierer. Zur Cebit bringt Sharp bereits die nächste Generation, den SL-5500. Der soll auch dem gemeinen Volk in den Media-Märkten dieser Welt verkauft werden - der einzige Unterschied zum SL-5000 ist die üppigere Ausstattung mit Speicher.

Die Benutzeroberfläche beider Geräte ist gleich, sie heißt "Qtopia". So ist es kein Wunder, dass sich die Systeme von der Bedienung nicht besonders unterscheiden. Der Sharp-Organizer ist dabei kleiner, als es auf den Fotos erscheint. Der untere Teil lässt sich wie eine Schublade nach unten herausziehen, dann kommt eine kleine Tastatur zum Vorschein. Für Texteingaben sind die Knöpfe leidlich gut geeignet, doch es ist nicht einfach, auf den eng beieinander liegenden Tasten einen längeren Text einzugeben. Zum vollwertigen Computer befördert das Mini-Keyboard den Sharp-Mini also nicht.

Darüber hinaus gibt es eine Schrifterkennung, die aber gewöhnungsbedürftig ist. Der Compaq ist älter und muss auf die Tastatur verzichten, hier gibt es alternativ nur eine sehr kleine Bildschirmtastatur, die dann ein Viertel des Displays in Anspruch nimmt.

Auch von der sonstigen Hardwareausstattung ist der Sharp die bessere Wahl: Er hat USB- statt serieller Schnittstelle (beim Compaq), zudem zwei Steckplätze für unterschiedliche Speichermodule. Der iPaq braucht für Erweiterungen "Jackets", die extra nachgekauft werden müssen - und ob mLinux die dann unterstützt, ist nicht sicher.

Stell dir vor, es ist Linux - und kaum einer merkt es

Dass Linux in den Geräten ist, ist sonst nur an wenigen Stellen zu spüren. Vor dem Start einer Anwendung muss das immer in einem Dialogfeld bestätigt werden, und manchmal blitzt hinter einer Anwendung auch eine Kommandokonsole auf. Qtopia enthält alle Programme, die ein Organizer braucht.

Die entscheidende Frage für Johannes Schneider ist, wie das Gerät die Daten mit seinem Büro-PC abgleicht. Für die Abstimmung mit Outlook auf Windows-Systemen ist dem Sharp Intellisync beigelegt. Außerdem gibt es noch eine separate Software vom Hersteller der Qtopia-Oberfläche, welche die Daten auf dem Desktop-Computer sichert.

Fazit: Die neuesten Organizer mit Linux-System wirken bereits sehr erwachsen. Für Linux spricht vor allem die Möglichkeit, recht einfach ein maßgeschneidertes System bekommen zu können. Allerdings sind die Geräte noch nicht so verbreitet wie Pocket Windows und Palm. Von den beiden derzeit erhältlichen Systemen ist der Sharp die bessere Wahl, weil das Linux auf ihm erwachsener wirkt. Hard- und Software sind ausgereifter als beim doch immerhin über ein Jahr alten iPAQ. Linux wirkt auf diesem System auch immer noch wie ein Fremdkörper.

Johannes Schneider wird noch abwarten, wie sich der Markt entwickelt, und die Anschaffung von Linux-PDAs mit angepasster Software in der nächsten Vorstandssitzung vorschlagen. In der Zwischenzeit kauft er sich ein Palm-Auslaufmodell wie den Handspring Visor - die sind im Augenblick nämlich besonders günstig.

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