"Pink Slip Party" Netzwerk der Geschassten
Am Eingang des Szeneclubs Rebar im Manhattaner Stadtteil Chelsea stehen zwei pelzbemützte Frauen und entscheiden über Einlass oder Nicht-Einlass. Vor mir wird gerade eine kräftig gebaute junge Frau abgewiesen. "Reingelassen werden nur Frisch-Gefeuerte", sagt eine der Pelzträgerinnen. "Dies ist eine Party für Leute ohne Job".
Die Abgewiesene ist stinkig. Zwei Minuten später bin ich das auch. Kein Eintrag auf der Presseliste. Ich unterdrücke einen cholerischen Anfall. Wieder eine dieser "Auslandpresse-ist-uns-egal"-Nummern. Typischer Fall von amerikanischem Zweiklassen-Journalismus.
Vor fünf Monaten war diese Party noch ein Geheimtipp. Da trafen sich Entlassene und Headhunter in trauter Atmosphäre und checkten sich gegenseitig aus. Inzwischen sind die Gefeuerten weit in der Überzahl, proportional nur noch überholt von Reportern und Kameraleuten. Wer gerade seine Kündigung in dem berüchtigten rosa Umschlag wegstecken musste, setzt sich eine pinkfarbene Perücke auf den Kopf und zieht sich ein T-Shirt des gerade pleite gegangenen Arbeitgebers über. Auf diese Weise lässt es sich noch herzerfrischender über lange Arbeitszeiten und ausbeuterische Firmenchefs wettern. Man kommt einander näher. Nur ich nicht.
Immer noch latent verstimmt rufe ich am nächsten Morgen Bill Lessard an. Er hatte schon vor zwei Jahren gemeinsam mit Steve Baldwin sein Lästerwerk "Netslaves" herausgebracht, in dem er sich über den Hightech-Aktienwahn und das Dotcom-Götzentum ausließ. Steve war auf der letzten Pink-Slip-Party gesehen worden, also kann auch Bill nicht weit gewesen sein.
"Oh, es waren eine ganze Menge Looser von der Auslandspresse da", sagt er fröhlich. "Das japanische Fernsehen und das deutsche auch". Deutsches Fernsehen. Argh! Warum sie, warum nicht ich? Ich feuere eine erboste E-Mail an die Organisatorin ab, nicht wirklich mit einer Antwort rechnend. Die Entschuldigung folgt umgehend. "Ich mache das alles ganz allein mit ein paar Freiwilligen", schreibt Allison Hemming. "Ich war die letzten 36 Stunden auf den Beinen. Da fällt schon mal einer durchs Raster." Welche Ironie. Da stemmt jemand eine Fun-Orgie für die Ausgebrannten der New Economy mit der Absicht, ihre angeschlagenen Egos aufzupäppeln, und ruiniert sich damit selbst.
Genau andersrum lief es für Bill Lessard. Noch vor einem Jahr interessierte sich kein Mensch für sein Sammelsurium von arbeiterbewegungsnahen Beschwerden über die Tücken der Internet-Industrie. Er war ein Opfer der Dotcom-Euphorie und einer der ersten, der die Mechanismen der Selbstausbeutung und den Aktienoptions-Betrug durchschaute. Auf der letzten Pink-Slip-Party wurde er gar zum Helden der gesammelten unfreiwillig befreiten Dotcom-Sklaven: Höhepunkt des Abends war seine Top-Ten-Liste der coolsten Konsequenzen des neuen Arbeitslosen-Daseins. Zum Beispiel "Ich habe endlich eine Freundin, die nicht in meiner Firma arbeitet" oder "Ich kann mich bei all den Leuten entschuldigen, mit denen ich ein Jahr nicht gesprochen habe" beziehungsweise "meiner Mutter erklären, dass ich nicht deshalb ein Jahr lang nicht mit ihr gesprochen habe, weil ich im Gefängnis war".
Als er am Ende des Vortrags die versammelte Gemeinde fragte "Ihr seid entlassen, wen von euch kümmert das einen Scheiß?", da brach die Meute in lautstarken Beifall aus.
"Ich kam mir vor wie Oprah", sagt Lessard trocken. "Die Leute sind verwirrt, sie haben keine Ahnung, was aus ihnen werden soll". Manche von den Jüngeren gehen zurück an die Uni. Diejenigen, die aus der Old Economy gekommen sind, gehen zurück zu ihren alten Arbeitgebern. Und die erfahrenen Dotcommer landen in den Internet-Abteilungen der etablierten Unternehmen. "Dazwischen gibt es nichts mehr".
Am Tag nach der Party schreibt das Szene-Bulletin Silicon Alley Daily in einer Überschrift: "Arbeitslose Dotcommer wehren Medien und Headhunter ab". Fünf Kamerateams waren da, drei aus Europa, außerdem CNN und ABC. Auf einmal bin ich froh, dass ich den Zirkus nicht miterleben durfte.