Planwirtschaft Würfel oder Kiste?
Irgendwo da draußen warten und lauern Millionen Kunden darauf, endlich eine der Spielekonsolen der neuesten Generation in die Hände zu bekommen. So groß ist die Gier, dass sie - sollte das Gerät ihrer Wahl nicht lieferbar sein - sofort und ohne zu zögern zum nächstbesten Konkurrenzprodukt greifen werden, selbst wenn ihnen das finanziell völlig die Hosen auszieht und sie ursprünglich etwas völlig anderes wollten.
Warten? Unmöglich für einen echten Süchtigen, einen Next-Generation-Afficionado, einen Xbox-erhelle-mein-Leben-Jünger, für den die Weihnacht gerade erst wieder mit neuem Sinn erfüllt wurde.
So oder ähnlich müssen sich die Hersteller von Spielekonsolen ihre Kundschaft vorstellen - zumindest, wenn man den steten Strom der Pressemitteilungen und Nachrichten aus den betreffenden Konsolen-Schmieden ernst nimmt. Da verschiebt nun Microsoft den Start der Xbox um eine satte Woche, und Nintendo reagiert darauf mit einer abrupten Erhöhung der Produktionszahlen für den Gamecube. Die Händler, verlautet es aus Unternehmenskreisen, schreien laut um Hilfe und verlangen nach mehr, mehr, mehr.
Denn was soll man den kaufwütigen Konsolenkunden sonst anbieten, wenn sie Mitte November zu Zehntausenden noch den letzten Elektroladen belagern? 700.000 Gamecubes klingt da schon nicht schlecht, und das Nintendo-Management verspricht, so viele zusätzliche Würfel wie irgend möglich auf den Markt prügeln zu wollen, um die exorbitante Nachfrage befriedigen zu können.
Microsofts Fünf-Wochen-Plan sah dagegen vor, 600.000 bis 800.000 Xboxen bis zur Markteinführung an die Lager der Händler auszuliefern. Denn bis Jahresende will MS allein in Amerika bis zu 1,5 Millionen Xboxen verkauft haben.
Experten lassen ob solcher Zahlen ein leicht ironisches Lächeln sehen: Mehr als 300.000 Geräte, schätzen Marktanalysten, könne der Hardware-Neuling Microsoft bis zum nun für den 15. November angesagten Verkaufsstart der Xbox gar nicht produzieren. Hatte Microsoft nicht erst vor Wochen den Verkaufsstart in Japan um mehrere Monate verschoben? Und nahm Xbox-Chef Robbie Bach nicht gerade erst zähneknirschend die überkecken Prognosen selbst zurück?
Nun redet Bach davon, Microsoft wolle sich auf "keine feste Stückzahl" festlegen. Das ist Planwirtschaft: Erst versprechen, dann zurücknehmen, etwas tiefer stapeln - und schließlich das Überschreiten der niedrigsten Prognose als Sieg der Arbeit verkaufen.
Genau darauf läuft es nun wohl hinaus: Sicherlich wird nur die Konsole, die zum Weihnachtsgeschäft pünktlich in den Regalen liegt, eine realistische Chance haben, auf dem heftigst umkämpften Markt gewinnträchtig Fuß zu fassen. Doch darüber hinaus ist der Wettlauf gen Schlüsseldatum der Konsolen-Planwirtschaft längst zum Prestigerennen geworden. Kann Microsoft überhaupt, was es da verspricht? Wird es dem taumelnden, alten Konsolen-Platzhirsch Nintendo noch einmal gelingen, mit dem Würfel den großen Wurf zu landen?
Die Chancen dafür, scheint man bei Nintendo zu glauben, haben sich soeben wieder erhöht. Geschickt timed Nintendo den Erstverkauf des Würfels auf den 18. November. Bis dahin lungern die Spielhungrigen Xbox-Aspiranten schon drei Tage vergeblich im Freien übernachtend vor den Elektroläden und warten auf die Auslieferung ihrer Xbox. Da wird ihnen der Nintendo-Laster wie die Erlösung erscheinen! Süßer die Kassen nie klangen, so schreibt man Weihnachtsgeschichte. Wenn Sony geschickt wäre, würden die Japaner ein Spiel daraus machen - für die PS2. Die ist schließlich wirklich lieferbar, ähnlich leistungsfähig wie die Konkurrenz - und wird zunehmend preiswerter.
Frank Patalong