Politiker-SMS Gefummel auf der Hinterbank
Renate Künast benötigte 57 Zeichen, um sich für die Glückwünsche zu bedanken. Nach ihrer Beförderung zur Agrarministerin Mitte Januar tippte die als Großstadtgöre verspottete Grünen-Politikerin in Blockbuchstaben eine mit "R.K." unterzeichnete Botschaft in ihr Mobiltelefon: "DIE DÜMMSTEN STÄDTER ERNTEN DIE DICKSTEN KARTOFFELN!"
Mit "Wir sind stolz auf dich" hatte Künasts älteste Schwester Ursula die Stimmung im heimischen Recklinghausen in knappe 23 Zeichen gekleidet.
Auch Wolf-Michael Catenhusen, Parlamentarischer Staatssekretär im Forschungsministerium und derzeit mit dem Wohnmobil in Italien unterwegs, schätzt prägnante Mitteilungen via Handydisplay. "Sonne strahlt aus allen Knöpfen", dichtete der SPD-Mann seiner Chefin Edelgard Bulmahn aus dem Urlaub. Seinen Mitarbeiterstab informiert er täglich über Schwankungen von Luft- und Wassertemperatur.
Etwa zwei Milliarden Handybotschaften tauschen die Deutschen Monat für Monat aus. Für einen guten Teil, so scheint es, sind neuerdings ihre Politiker verantwortlich. Ob für Glückwünsche, Wahlkampfsprüche oder Geheimabsprachen: Fast alle Volksvertreter nutzen den diskreten Informationsaustausch per "Short Message Service" (SMS), um sich bei langweiligen Sitzungen die Zeit zu vertreiben.
Einige haben es im Umgang mit der spartanischen Handytastatur zu beneidenswerter Geschwindigkeit gebracht. In Sekundenschnelle funkt Katrin Göring-Eckardt, Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, bündig formulierte Anweisungen an Fraktionskollegen und Mitarbeiter. Längst bedient sie sich eines Handys, das häufig gebrauchte Wörter schon beim Tippen der ersten Buchstaben erkennt. Im Laufe eines Sitzungstags bringt sie es nach eigener Schätzung auf mehrere Dutzend SMS.
SMS auch für Wahlkampf-Spam entdeckt
Noch effizienter arbeitet der rheinlandpfälzische Ministerpräsident Kurt Beck. Kurz vor der Landtagswahl Ende März verschickte er binnen weniger Stunden etwa 100.000 Reklamesprüche ("Wer Kurt Beck will, wählt am Sonntag SPD") an die Handys potenzieller Wähler. Die Telefonnummern hatte Beck einer Daten-CD aus dem Supermarkt entnommen. Nur 32 Empfänger, so berichtet ein Vertrauter stolz, hätten sich anschließend über Becks Datenabwurf beschwert.
Das Beispiel macht Schule. Wann immer sich der hessische SPD-Chef Gerhard Bökel in der Öffentlichkeit zu Wort meldet, lässt Hessens Landesvater Roland Koch (CDU) per SMS kontern. Sein Sprecher müllt Journalisten mit der immer gleichen Botschaft zu: "Und Bökel wird doch nicht Ministerpräsident."
Hamburgs CDU-Spitzenkandidat Ole von Beust (Unionsspott: "Online-Ole") bettelt sich über eine Homepage im Internet derzeit ein Telefonbuch mit den Nummern von Unterstützern zusammen. Bis zur Bürgerschaftswahl am 23. September will er sie "regelmäßig mit aktuellen Nachrichten, Informationen und Exklusivberichten" behelligen.
Hinterbänkler fummeln unter dem Tisch
Ein Jahr nachdem sich die Bundestagsabgeordneten eine zusätzliche Telefonpauschale von 200 Mark monatlich bewilligten, geht es im Plenarsaal des Reichstags zu wie in vielen Klassenzimmern. Trotz Handyverbots fummeln Hinterbänkler unterm Tisch verstohlen an den Knöpfen ihrer Mobiltelefone. Eingehende Anrufe werden diskret weggedrückt. Solange nur ein "Kurzmitteilung erhalten" geräuschlos auf dem Handydisplay blinkt, sehen die Saaldiener großzügig weg.
Das heimliche "Simsen", wie CDU-Chefin Angela Merkel die auf maximal 160 Zeichen beschränkte Morserei routiniert bezeichnet, macht auch vor der Regierungsbank nicht Halt. Während der Bundestag kurz vor der Sommerpause über die Gesundheitspolitik debattierte, beschäftigte sich die zuständige Ministerin Ulla Schmidt (SPD) ausgiebig mit einem Luxushandy. Stolz machte sie ihre Sitznachbarin Edith Niehuis, Staatssekretärin im Familienministerium, auf Tricks und Sonderfunktionen aufmerksam.
Selbst die Mittwochsrunde an Schröders Kabinettstisch eignet sich offenbar für Funkkontakte. Den gewaltigsten Datendurchsatz schafft Beobachtern zufolge Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, die per Handy und Kleincomputer ihre Beamten in Schwung hält. Ein anderer Minister gab kürzlich gar einen heftigen Kabinettskrach zu Protokoll. Die Gegenseite, so erfuhren Vertraute per SMS, "lügt, ohne rot zu werden".
Auch der Kanzler liebt die stille Post
Auch der Kanzler hat mit einiger Verzögerung die stille Post entdeckt. Nach Verteidigungsminister Rudolf Scharping, der wochenlang Liebesbotschaften von Gräfin Pilati empfing, flirtet nun auch Schröder (Kosename: "Spatzl") auf Reisen über Handy mit Gattin Doris. Mit einigem Bedauern mussten mitreisende Journalisten erfahren, dass es immer schwieriger wird, den Kanzler zu belauschen.
Doch die Technik zeigt Grenzen auf. Ausgerechnet nach dem jüngsten Koalitionsgerangel um die Gesundheitspolitik klagte Grünen-Politikerin Göring-Eckardt plötzlich über Schmerzen im rechten Unterarm. Die Diagnose ihres Arztes war eindeutig: Durch das ständige Handygefummel, so der Doktor, habe sie sich eine schwere Sehnenscheidenentzündung zugezogen.
ALEXANDER NEUBACHER