Premiere "preiswert": Don't pay TV? - DER SPIEGEL
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Premiere "preiswert" Don't pay TV?

Das Bezahlfernsehen Premiere World reißt immer größere Löcher in Leo Kirchs Kassen - dabei gibt es immer mehr Zuschauer. Über die kann man sich in München jedoch kaum freuen: Sie kaufen illegal ihre Karten für die Decoder am Bahnhof - oder "hacken" sie selbst.
Von Niels Gründel
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schon vor Jahren kursierten beim Chaos Computer Club in Hamburg Verfahren zur kostenlosen Entschlüsselung des damals noch analogen Premiere-Programms. Inzwischen hat Premiere sein Angebot digitalisiert und bietet noch mehr Kanäle zu weit höheren Preisen.

Nach dem Streit um die Übertragung der wöchentlichen Fußballberichterstattung sei "der Umsatz der benötigten Hardware schon deutlich in die Höhe geschnellt", weiß ein Händler für Satellitenzubehör zu berichten, der nicht genannt werden möchte. Nur pfeifen es die Spatzen leider von den Dächern, dass die Zahl der Zuschauer noch weit stärker steigt.

Schon Ende letzten Jahres hatte ein von der Münchner KirchGruppe in Auftrag gegebenes TÜV-Gutachten bestätigt, was die Szene schon lange wusste: Kirchs Verschlüsselungsprogramm Betacrypt sei geknackt.

Die Gutachter gingen auch davon aus, dass die Manipulationen durch die illegalen Karten weiter zunehmen würden, weil das Angebot über das Internet und Fachzeitschriften entsprechend groß sei. Letztlich seien Premiere World dadurch im vergangenen Jahr 90.000 potenzielle Kunden entgangen.

Die Szene kennt mehrere Methoden, um Kirchs Premiere World "preiswerter" zu verfolgen. Grundsätzlich benötigt man beispielsweise eine d-Box und eine abgelaufene Premiere-Karte. Abgelaufene Karten sind in einschlägigen Newsgroups oder bei den bekannten Internet-Auktionshäusern für einen Preis zwischen 80 und 150 Mark erhältlich. Wer die d-Box nicht mag, kann auch auf einen beliebigen digitalen Receiver mit Common-Interface und einem "Irdeto CI ALLCAM-Modul" zurückgreifen. Am beliebtesten in der Szene sind dabei pikantermaßen die MediaMaster-Receiver von Nokia - die d-Box wurde vom gleichen Hersteller entwickelt.

Als Hardware wird ein so genannter "Programmer" zum Brennen der SmartCards benötigt. So etwas gibt es schon für knapp hundert Mark. Die zugehörige Software ist im Internet reichlich verfügbar.

Eine beliebte Variante zum Karten-Hack besteht darin, sich aus einer abgelaufenen Premiere-Karte eine Händlerkarte zu generieren. Sie werden normalerweise in den Fachgeschäften dazu benutzt, den Kunden die ganze Welt von Premiere World vorzuführen. Der Vorteil: Alle Kanäle sind auf einen Schlag verfügbar.

Im Internet finden sich dazu viele detaillierte Anleitungen, und weitere Hilfe findet sich leicht in einschlägigen Foren. Die Informationen verbergen sich häufig hinter der Werbung von Sex- und Pornoanbietern, welche die Seiten großzügig sponsern.

Die Szene selbst ist stark gespalten

Die führenden Köpfe der Premiere-Hacker-Szene zählen sich zu einer Elite, ähnlich den Code-Crackern aus der Warez-Welt in der Software-Szene, der es, so einer ihrer Köpfe, "ausschließlich um die Technik geht. Dabei beschäftigen wir uns so intensiv mit der Technik, dass wir zum Glotzen kaum noch kommen."

Presseberichte mögen sie nicht und sie werden auch nicht müde zu beteuern, dass sie der KirchGruppe mit ihren Ergebnissen keinen Schaden zufügen wollen. Ganz im Gegenteil dazu seien viele sogar dazu bereit, mit Premiere World zu kooperieren. Das wird durch Dirk Heerdegen, den Premiere-Pressesprecher, bestätigt: "Bei der Fahndung nach Schwarzsehern greifen wir durchaus auf das Wissen des ein oder anderen Hackers zurück."

In den einschlägigen Sat-Shops, die das notwendige Zubehör zum Karten-Hack vertreiben, sieht die Elite der Szene nur Abzocker. Den "ahnungslosen Nur-Glotzer" betrachten sie als unliebsamen Nutznießer ihres Hobbys. Daher sollen "neue Geheimnisse der Pay-TV-Karten nicht mehr veröffentlicht werden".

Kirchs Premiere World wird das sicher freuen, doch trotz der Strafbarkeit des Karten-Hacks ist die Nachfrage ungebrochen. Die neuesten "Forschungsergebnisse" werden wie ehedem in Newsgroups ausgetauscht und so letztlich jedem zugänglich gemacht.

Es gibt natürlich auch Besitzer von Satellitenläden, die erkannt haben, dass es nicht jedermanns Sache ist, den aufwändigen "Kartenhack" selbst vorzunehmen. So wurde Anfang August ein 39-jähriger Ladenbesitzer im Frankfurter Westend festgenommen, der höchst verbraucherfreundlich die manipulierten Smart Cards zum Stückpreis von 450 Mark angeboten hatte. Als die Polizei das Geschäft durchsuchte, stellte sie hundert Chipkarten und eine umfangreiche Käuferliste sicher. Frei operierende Dealer sind im Übrigen oft weit billiger als der "Fachhandel" (siehe Kasten).

Dirk Heerdegen bedauert, dass sich "das Gefühl für Gut und Böse nicht so schnell entwickelt hat wie die digitale Technologie. Rechtlich gehen wir schwerpunktmäßig gegen die organisierte Kriminalität vor, gegen Karten-Dealer und ihre Netzwerke".

Für echte Hacker aber gilt ohnehin, dass es einfach mehr Spaß macht "verschlüsselte Fernsehprogramme zu entschlüsseln, als sie anzuschauen", wie der Chaos Computer Club schon vor Jahren konstatierte.