Pressestimmen "Der König ist nackt"
Pressestimmen zu den Angriffen auf US-amerikanische Webserver
Deutschland
Leipziger Volkszeitung:
Ohne den weltweit agierenden Hackern nun gleich Dankesschreiben zu schicken, sollten Anbieter und Nutzer des WWW froh darüber sein, dass erneut spektakulär eine Schwachstelle aufgedeckt wurde. Noch sind die Hacker keine virtuellen Bombenleger, die à la Dr. Mabuse mittels Technik nach der Herrschaft über die Welt greifen. Auszuschließen sind derartige Versuche jedoch nicht. Wenn Hacker- Fähigkeiten sich mit extremistisch-politischen Gedanken paaren, könnte die Computermaus das Maschinengewehr ablösen, wäre ein Cyber-Krieg keine Phantasie mehr.
Coburger Tageblatt: Die Attacken zeigen, dass Sicherheitsfragen selbst bei Internet-Firmen gelegentlich noch zu gering geachtet werden. Und sie zeigen, dass mit der zunehmenden Verbreitung der Online-Nutzung jeder einzelne gefährdet sein kann. Diesmal traf es "nur" einen Buchhändler und ein Auskunftssystem - Nutzer konnten auf andere Anbieter ausweichen. Aber das wird nicht immer so sein. Ohne Panikmache darf man sagen, was das eigentlich Furchterregende an der Computer- Kriminalität ist: Ein Knopfdruck kann uns alle zu Opfern machen.
Hessische-Niedersächsische Allgemeine: Dass der Überfall auf Yahoo und andere gut vorbereitet war und auf breiter Front erfolgte, nährt den Verdacht, dass keine Chaoten am Werk waren, weder Solisten noch Zirkel. Wahrscheinlicher ist, dass in der Branche Rivalen aus dem Felde geschlagen werden sollen. Gefährlicher als Amateure sind die Konkurrenten: Anno 2000 Wirtschaftskrieg im World Wide Web mit Mafia-Methoden - schöne digitale Welt.
Ausland
La Repubblica (Rom): Die Anarchisten der Zukunft werfen ihre unsichtbaren und zerstörerischen Bomben ab. Erst beim größten Internet-Portal Yahoo, dann bei der Universalbibliothek Amazon.com, beim Auktionshaus eBay.com und schließlich beim Nachrichtensender CNN. Die Attacken der Hacker bringen das gesamte Internet-Gebäude ins Wanken. Amerika ist erschüttert wie nach einem Attentat auf ein Gebäude, auf ein Stadion, auf einen Spitzenpolitiker. Das Internet wird in seiner Wachstumsphase zu einem Alptraum und einem ernsthaften Problem für die Anbieter und diejenigen, die nun neue Zugbrücken errichten, andere Turmzinnen und Schützengräben schaffen müssen, um den Vormarsch der Anarchisten auf die Kathedrale des Marktes zu stoppen.
Libération (Paris): Das Internet zieht eine neue Form der Kommunikation und des Konsums nach sich, verändert die Freizeit und lässt indirekt einen neuen Wirtschaftsbereich entstehen. Dabei stellte sich nie die Frage, ob das Internet über die Marktentwicklung nicht auch ein neues Gesetz der Schwerkraft erfinden würde. Wie auch immer die Abwehrmaßnahmen und Anti-Virus-Programme jetzt aussehen mögen, an denen es nicht fehlen wird - das System wird trotzdem immer anfällig bleiben. Menschlich. Für den schlimmsten Missbrauch geeignet wie auch von höchstem Nutzen.
Il Messaggero (Rom): Der König ist nackt. Verwundbar, ungeschützt und schwer zu verteidigen. ... Zum ersten Mal in seiner 30 Jahre und längeren Geschichte gerät das Internet in eine ernsthafte Krise. ... Das Geheimnis des Wirtschaftswunders in den USA liegt im Internet. ... Immer mehr Fachleute sehen hinter der Aggression gegen die Großen des Internet in diesen Tagen eine klare Strategie der Gegner. Sie trägt den sinnbildlichen Namen Seattle - der globalen Bewegung, die im vergangenen November den Gipfel der Welthandelsorganisation in die Knie zwang. Und die nun ihre erste organisierte Attacke auf das elektronische Herz der Welt im Jahr 2000 gestartet haben könnte.