RealOne Bitte, blockt die Beta
Der Name des Programms soll wohl Programm sein: RealOne impliziert nicht nur, dass hier die erste Version einer Software daherkommt, die "wirklich" ist (was vorher war, war demnach nur Spielerei). Nein, RealOne ist natürlich auch der einzig Wahre, Echte - im Gegensatz zur "Fälschung", und das kann in diesem Fall ja wohl nur der Mediaplayer von Microsoft sein.
Denn zwischen dem Multimedia-Pionier Real und dem Softwareriesen Microsoft tobt ein kleiner, multimedialer Kampf um den Desktop. Stellte Real früher tatsächlich den "Industrie-Standard", das einzig brauchbare Programm zum "Streamen" von Inhalten, verliert das Unternehmen seit Jahren kontinuierlich Marktanteile an Microsoft.
Denn das Gates-Unternehmen geht mittelschwer gedopt ins Rennen: Wer per Betriebssystem-Installation dafür sorgen kann, dass zunächst einmal die eigenen Programme Vorfahrt haben im PC, dem muss man bei aller Objektivität und Zurückhaltung doch wettbewerbsverzerrende Vorteile im Markt unterstellen (wie per Schuldspruch im Kartellprozess bestätigt).
Doch der (relativ kleine) belagerte ehemalige Platzhirsch hört nicht auf, dem großen Usurpator Widerstand zu leisten. Die Geschichte kennen wir: Mit immer wieder überraschenden kleinen Aktionen gelingt es solchen Widerständlern, dem Riesen ein ums andere Mal empfindliche Niederlagen zuzufügen.
Wenn nur die Mischung des Zaubertranks stimmt. Der mag aber etwas kräftig geraten sein, als sich Real entschloss, die Betaversion von RealOne auf die surfende Menschheit loszulassen.
Denn diese Beta (was ja immer impliziert: Dieses Produkt ist nicht fertig) wird eher ihrem Nachnamen als ihrem Hauptnamen gerecht: Das Ding ist offensichtlich vorläufig, aber weit davon entfernt, "echt" zu sein.
Es mag PC-Systeme geben, auf denen RealOne funktioniert - unser Testsystem gehörte nicht dazu. Was die Frage aufwirft, ob die Zeit, in der man das Austesten von Produkten und die Fehlersuche einfach den Usern überlassen konnte, nicht langsam vorbei ist. Siehe Netscape: Mehr noch als die jahrelange Innovations-Pause schadete dem einst besten Browser-Entwickler die letztlich vorschnelle Veröffentlichung des unfertigen Version-6-Modells.
Eine Parallele, die sich auch bei RealOne aufdrängt
Der erste Schock, den Otto-Normal-User zu verdauen hat, ist die Größe des Downloads. Die einst schlanken Realplayer- und Real-Jukebox-Programme haben sich in ihrer "zusammengefügten" Form RealOne zu einem kapitalen Brocken von 8,5 Megabyte ausgewachsen. Entsprechend erscheint nach der reibungslos verlaufenden Installation ein Programm auf dem Desktop, das den Browser nicht ergänzt (wie einst der Realplayer) oder am oberen Monitorfenster den CD-Spieler mimt (wie einst die Jukebox), sondern den Bildschirm füllt. RealOne ist ein Multimedia-Browser, ein Vollprogramm, keine "Hintergrund-Geschichte". Da soll man drin stochern und stöbern und hören und sehen und machen und tun, und überall soll Musik drin sein.
Das kennt man: Sobald was kollidiert, kollabiert der PC
Wenn nicht gerade die Datei EVNTSVC.exe mit dem fehlenden Export-ADVAPI32.dll:SetEntriesInAcIA verknüpft ist. Oder eine allgemeine Schutzverletzung an einer Adresse verursacht, die sich nun weiß Gott kein Mensch merken kann.
Notieren geht dann in der Regel auch nicht, weil Windows dafür sorgt, dass mit einem in verständlichem Deutsch gehaltenem blauen Monitor ein Alternativprogramm abgespult wird, das dem User zu einer vertieften Kenntnis der im Krisenfall nötigen Verhaltensmaßnahmen im Umgang mit Windows verhilft. So gehört die routinierte Auswahl von Menüpunkten wie "Da-und-da liegen irgendwelche Daten, wollen Sie die speichern oder nicht?" schon fast zum normalen Umgang mit RealOne: Im Test gelang es zwar, einzelne Funktionen auszuprobieren - zu Ende brachte RealOne allerdings nichts.
Das ist zwar schick (sieht gut aus, der Multimedia-Browser!), aber nervig hoch zehn und so überflüssig wie ein Kropf - weil dieses Produkt schlicht nicht überall und auf jedem System, das die Mindestanforderungen erfüllt, funktioniert. Fazit: Diese Software lädt man sich sicher gern herunter. Sobald sie fertig ist.