Rechtemanagement MP3-Erfinder flirten mit Kopierschutz
Das Erlanger Fraunhofer-Institut und der Elektronikkonzern Thomson möchten das beliebte MP3-Musikformat schon bald um ein Digitales Rechtemanagement (DRM) ergänzen. Mit DRM können Musikshops genau festlegen, ob überhaupt und wie oft ein Song kopiert und wie häufig er auf eine Audio-CD gebrannt werden darf.
Bislang enthalten MP3s keinerlei Kopierschutz. Für den Verbraucher hat dies enorme Vorteile: Er kann mit seiner Musik machen, was er will und sie beispielsweise problemlos an Freunde weitergeben. Die unbeschränkte Kopierbarkeit hat auch zum Erfolg der Tauschbörsen im Internet beigetragen. Die Musikindustrie setzt deshalb beim Songverkauf im Internet ausschließlich auf Formate mit Rechtemanagement wie WMA oder AAC.
Damit MP3s auch im kommerziellen Downloadgeschäft noch eine Rolle spielen, wollen Thomsen und die MP3-Erfinder vom Erlanger Fraunhofer Institut für Intergierte Schaltungen das Musikformat mit einem DRM aufrüsten. "Möglicherweise wird der digitale Vertrieb ein wichtiger Massenmarkt", sagte Thomsens Technikchef Rocky Caldwell dem Newsdienst Cnet.
Die Fraunhofer-Wissenschaftler möchten mit ihrem DRM einen offenen Standard setzen - eine Kampfansage an die Kopierschutz-Systeme von Microsoft und Apple, die den Markt dominieren und spezielle Abspielsoftware erfordern. "Wir wollen kein proprietäres Format, dass einer kontrolliert, der später die Bedingungen diktiert", sagte Bernhard Grill, der die DRM-Entwicklung am Erlanger Institut für Integrierte Schaltungen leitet.
Kampfansage an Microsoft und Apple
Ganz so einfach ist die Sache mit dem standardisierten Rechtemanagement jedoch nicht: Nicht alle portablen MP3-Player werden mit den DRM-MP3s zurechtkommen. Neuere Geräte dürften sich eventuell per Firmware-Update zum Abspielen überreden lassen - ältere Player hingegen nicht. Thomsen-Technikchef Caldwell sagte, er rechne bis Ende 2004 mit den ersten Playern und Musikshops, die das MP3-Format mit DRM unterstützen.
- Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen
- Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT
- CNet
Im Hause Fraunhofer ist die DRM-Initiative durchaus umstritten. Selbst Entwickler Grill spielt ihre Bedeutung herunter: "Das DRM ist nur eine Option". Man gebe DRM-Systemen generell "nicht die allergrößten Chancen", betont er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Im Übrigen sei Kopierschutz bei MP3s nicht neu. Schon von seit Jahren bietet das Fraunhofer-Institut ein früh entwickeltes DRM-System dafür an - nur haben wollte es die Musikindustrie nach Grills Aussage nicht.
Im Ilmenauer Institut für Digitale Medientechnologie, das vom MP3-Erfinder Karlheinz Brandenburg geleitet wird, hält man überhaupt nichts von DRM-Fesseln. Die Wissenschaftler basteln stattdessen an einem ganz anderen Konzept, um die illegale Verbreitung über Tauschbörsen zu verhindern.
Statt auf Kopierschutz-Gängelung setzt man in Ilmenau auf die Verantwortung der Konsumenten, wie Rüdiger Grimm im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt: "Wir wollen kein hartes DRM. Der Kunde soll seine Bewegungsfreiheit wiederbekommen." Grimm und seine Kollegen tüfteln an einer Art "DRM light", die mit DRM wenig gemein hat. Sie wollen Musikdateien schlicht mit einer Signatur versehen, so dass eine illegale Verbreitung sofort auffällt. "Wir setzen immer auf den ehrlichen Kunden", betont Grimm.
Nummerschild gegen Rotfahrer
Das Prinzip ähnle den Kennzeichen an Autos. Ein Auto sei nicht so gebaut, dass es automatisch an einer roten Ampel halte, erklärt Grimm. "Doch jeder weiß: Man wird geblitzt, wenn man bei Rot fährt." Herkömmliche MP3s ohne Signatur vergleicht der Wissenschaftler mit Drahteseln: "Fahrräder haben kein Nummernschild und Radler fahren deshalb öfter auch mal bei Rot."
Mit ihrem so genannten "Light Weight Digital Rights Management" verpassen die Fraunhofer-Forscher dem MP3-Hörer quasi ein Nummernschild. "Natürlich steht nicht der Name des Besitzers in der Musikdatei, sondern nur einer Signatur", betont Grimm. Die Zuordnung von Signatur zu Personen könnten unabhängige Dritte übernehmen - vergleichbar mit dem Einwohnermeldeamt. Illegale Kopien in Tauschbörsen ließen sich anhand der vorhandenen Signatur schnell herausfischen. Grimm: "Ziel ist nicht den Einzelnen zu verfolgen, sondern Verbotenes zu erkennen und gezielt zu löschen."