Revolutionäre Kompression: Telefonieren 2.0 - DER SPIEGEL
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Revolutionäre Kompression Telefonieren 2.0

Eine revolutionäre Verbesserung der Tonqualität beim Telefonieren verspricht ein neuer Kompressions-Standard, der von der Fraunhofer-Gesellschaft entwickelt wurde. Richtig interessant wird die Technologie bei der Einführung des Mobilfunkstandards UMTS.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Das Thema ist die folgerichtige Fortführung von MP3", sagt Heinz Gerhäuser, Chef des Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen IIS-A in Erlangen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Low Delay Advanced Audio Coding" (AAC LD) - so heißt das Verfahren, das Gerhäuser und seine Mitarbeiter entwickelt haben. Mit seiner Hilfe soll die Sprachqualität beim Telefonieren auf eine neue Stufe gehoben werden.

"Momentan fällt uns beim Telefonieren einfach nicht auf, wie schlecht die Übertragungsqualität eigentlich ist", sagt Gerhäuser. Weil man es nicht anders kenne, sei man schlicht daran gewöhnt, das der Gesprächspartner durch den Hörer dumpf klinge und hohe Frequenzbereiche einfach verschluckt würden: "Wenn man das hingegen auf einer Stereoanlage hören würde, dann wäre man enttäuscht", erklärt der Forscher.

Herkömmliche Kompressionsverfahren sind zu langsam

Dabei wäre es prinzipiell höchst simpel, eine bessere Klangqualität zu erreichen - es müssten einfach mehr Klanginformationen über die Telefonleitung zum Gesprächspartner geschickt werden. Vor allem in Mobilfunknetzen ist das aber wegen fehlender Kapazitäten problematisch. Zwar wäre es möglich, die Daten zu komprimieren, herkömmliche Verfahren, wie etwa das ebenfalls in Erlangen entwickelte MP3, sind dafür allerdings schlicht zu langsam. Schon eine Verzögerung von wenigen hundert Millisekunden, die für die Berechnung der geschrumpften Daten nötig wäre, wird sofort vom Gesprächspartner wahrgenommen - "und als unkomfortabel registriert", sagt Gerhäuser.

Bei dem erstmals auf der Cebit vorgestellten Verfahren AAC LD ist das anders. Bei einer Datenrate von 64 Kbit entspricht die Qualität nach Angaben der Erlanger Forscher ungefähr derjenigen von MP3, bei einer um 80 Prozent verringerten Verzögerung. Höchstens 20 Millisekunden soll die Datenreduktion nun noch benötigen, ein Zeitraum der nach Ansicht Gerhäusers so klein ist, dass er Gesprächspartnern nicht auffällt.

Die Wissenschaftler werben außerdem mit einem weiteren Vorzug des neu entwickelten Systems im Vergleich zu herkömmlichen Übertragungsverfahren. Bisherige Kompressionssysteme seien nur auf Sprache optimiert. Hintergrundgeräusche oder Musik überforderten sie oftmals, sagt Gerhäuser. Bei AAC LD soll das nun anders sein. "Unser Verfahren war von vornherein nicht nur auf Sprache allein, sondern auf jegliche Art von Audiosignalen ausgelegt", erklärt Institutschef Gerhäuser. Mit dem Erlanger System sei es zum Beispiel auch möglich Musik zu übertragen. "Theoretisch ist es damit möglich, dass viele verschiedene Orchester weltweit über Telefon zusammen musizieren können", entwirft der Forscher ein Zukunftsszenario.

"Der Einsatz mit UMTS ist eine attraktive Variante"

Der Durchbruch für die neue Technologie dürfte freilich erst mit dem Start des langsam Konturen annehmenden Mobilfunksystems UMTS beginnen. "Der Einsatz mit UMTS ist eine attraktive Variante", sagt Gerhäuser. Er sei "zuversichtlich", dass es dazu kommen werde. Mehr will der Forscher dazu nicht sagen, denn offenkundig befindet sich sein Institut im Gespräch mit mehreren interessierten Netzbetreibern.

Dabei geht es um eine Menge Geld, denn ein Großteil der Patente für AAC LD liegt bei den Erlanger Wissenschaftlern. Anders als beim Welthit MP3 haben sich sie sich bereits frühzeitig die Rechte an ihrer Erfindung gesichert: "Wir haben aus MP3 gelernt, dass man Innovationen flächendeckend schützen muss."