Roboter-Fußball "Wir können oben mitspielen"
Thor hat Ladehemmung. Und Freya steht ebenfalls lethargisch am Spielfeldrand. Doch Raul Rojas, Professor für Künstliche Intelligenz an der Freien Universität Berlin, gibt sich zuversichtlich: "Wir schaffen das. Wir werden immer erst in letzter Minute fertig."
Es ist elf Uhr Vormittags in einer mit Blümchengardinen abgedunkelten Halle im Berliner Stadtteil Steglitz. Bis vor einiger Zeit hatte die Uni-Druckerei hier ihren Sitz. Doch seit mehr als zwei Wochen wird in der Halle Roboter-Fußball gespielt. Der Raum ist seitdem mit Kunstrasen ausgelegt und Hauptquartier der "FU Fighters", einem der besten Teams auf diesem Gebiet weltweit.
Im Trainingslager der Champions stehen mehrere Matratzen an der Wand, einige Schlafsäcke sind lose darüber geworfen. Berge leerer Pizza-Kartons stapeln sich neben Computer-Tischen, dazwischen liegen Lötkolben, Akku-Ladegeräte, leere Mineralwasser- und Fruchtsaftflaschen. Einige der Teammitglieder leben mittlerweile quasi in der Halle, um möglichst viel Zeit mit ihren Schützlingen zu verbringen.
Wenige Tage vor der Weltmeisterschaft im Roboterfußball , dem RoboCup in Bremen (siehe Kasten), sind die "FU Fighters" ziemlich im Stress. Immerhin sind die Berliner Titelverteidiger bei den Mini-Robotern der so genannten "Small Size League" und Träger des Vize-Weltmeistertitels bei den etwas größeren Fußballmaschinen der "Medium Size League". Weil die Mannschaft ihre Roboter aber von Grund auf neu gebaut hat, bleibt noch einiges an Last-Minute-Arbeit, wenn das Unternehmen Titelverteidigung gelingen soll.
Bunt wie bei den Teletubbies
Jeden Tag basteln die Studenten deswegen an ihren Maschinen und der Software herum. Und so machen die Roboter beim Besuch zunächst einen eher desolaten Eindruck. "Er lässt nicht richtig mit sich reden", sagt Ketill Gunnarson und deutet ein wenig ratlos auf den Roboterstürmer Thor. Doch nach wenigen Minuten ist das Steuerungsprogramm neu gestartet und der computergesteuerte Dribbelkünstler setzt sich mit einem Geräusch in Bewegung, das entfernt an einen Zahnarztbohrer erinnert.
Eine Kamera mit einem Spiegelsystem sorgt bei den Maschinen der "Medium Size League" für den nötigen Rundumblick. Fußballroboter wie Thor nehmen ihre Umgebung durch Farben wahr, nicht durch Formen. Deswegen ist in der RoboCup-Welt alles so bunt wie bei den Teletubbies: Das Spielfeld ist grün, der Ball orange, der Gegner schwarz, die Tore gelb und blau. So einfach ist das, und doch so kompliziert. Jeder Roboter wird durch einen kleinen Computer gesteuert, den er mit sich herumschleppt. Über ein Drahtlos-Netzwerk kommunizieren die einzelnen Spieler. Ein Zentralrechner verrät ihnen, ob das schwarze Ding direkt vor ihrer Nase Freund oder Feind ist. Im Berliner Trainingslager übernehmen schwarze Schaumstoffwürfel die Rolle der Gegner, die es auszudribbeln gilt.
Unterdessen bewegt sich auch Thor schon recht fix über das zwölf mal acht Meter große Spielfeld und jagt schnell hinter dem Ball her. Nach wenigen Augenblicken hat er sich in eine gute Schussposition gebracht und zieht ab mit überraschend viel Mumm. Die orangefarbene Kugel steigt auf etwa anderthalb Meter Höhe und Raul Rojas, der die Rolle des Torwarts übernommen hat, kann sie nur mit einiger Mühe fangen.
Diese Art von Hochschuss soll den Berlinern besondere Vorteile im Kampf um die Weltmeister-Trophäe bringen. Allerdings muss bis dahin noch der wohl wichtigste Spieler des Teams fertig werden: der Torwart. Er wird gerade zu Füßen von Barbara Haupt, der einzigen Frau im Raum, zusammengeschraubt. Vor dem Robocup kriegen Thor, Freya und Co. übrigens auch noch neue Namen von ihren Schöpfern verpasst.
Vom Roboter-Kicker zum Roboterfahrzeug
Nicht nur bei den größeren Robotern, auch bei den kleineren Fußballmaschinen der "Small Size League" bleibt für die Berliner noch einiges zu tun. Bastian Venthur und Mark Simon schrauben auf dem zweiten Spielfeld der Halle an einem der keksdosengroßen Spieler herum. Ein Stromkabel ist abgerissen, außerdem muss das Funkmodul ausgetauscht werden. Im Gegensatz zu ihren großen Brüdern und Schwestern haben die Mini-Roboter keine eigene Optik. Sie erhalten ihre Informationen von einer Kamera, die senkrecht über dem Spielfeld angebracht ist.
Auf einem Tisch an der Seite steht der Torwart des Mini-Teams. "Das ist unser Jens Lehmann", scherzt Raul Rojas. Die kleinen Roboter spielen nicht wie ihre größeren Kollegen mit richtigen Fußbällen, sondern mit Golfbällen, die aber ebenfalls in knalligem Orange gehalten sind. Was den "Small Size" Robotern an Kraft fehlt, machen sie durch Geschwindigkeit und Taktik locker wieder wett: Ein Pass vom Kollegen aus der Tiefe des Raums, ansetzen, abziehen, Tor. Oder auch nicht zum Beispiel weil der Sturmpartner wegen Energiemangels liegen geblieben ist. Damit das nicht passiert, müssen in den Spielpausen die Akkus der Roboterspieler so schnell wie möglich wieder aufgeladen werden.
Robucup: Weltmeisterschaft Bremen 2006
| Ort und Zeitraum: 14. bis 20. Juni, Messe Bremen, Hallen 4, 5, 6 und 7 | |
| Eintritt: Dauerkarten Erwachsene 30, Schüler 18 Euro. Tageskarten 10, Schüler/Studenten 6 Euro, Kinder bis 9 Jahre frei | |
| Öffnungszeiten: Wochentags 9-19 Uhr, Samstag 10-19 Uhr, Sonntag 10-18 Uhr | |
| Die Wettbewerbe enden am 18. Juni, am 19. und 20. folgt das Kongressprogramm. Detaillierte Infos über die Webseite der Veranstalter: www.robocup2006.org |
Ob es beim RoboCup in Bremen tatsächlich für einen Sieg der "FU Fighters" reicht, wird sich zeigen. "Ich denke wir können oben mitspielen", sagt Teamchef Rojas. Doch egal wie das Turnier an der Weser ausgeht, danach ist einstweilen Schluss für das Team. Rojas will seine Ankündigung aus dem vergangenen Jahr diesmal tatsächlich wahr machen und aufhören. "Wir sind fast am Limit von dem, was die Roboter leisten können", sagt er zur Begründung. Mit anderen Worten: Dem gebürtigen Mexikaner fehlt der Kick beim Maschinen-Kick.
Den will er zusammen mit seinen Studenten nun auf einem anderen Feld suchen. Rojas will sich mit einer US-Universität zusammentun und beim "Darpa Urban Challenge" mitmachen. Das ist ein Wettbewerb für Roboterfahrzeuge, der vom US-Verteidigungsministerium unterstützt wird. In der kommenden Auflage geht es darum, dass sich Roboterfahrzeuge autonom, also ganz ohne Fernsteuerung, in einer städtischen Umgebung bewegen sollen. Dass die Erkenntnisse und die brilliantesten Köpfe des Wettbewerbs vom US-Militär abgeschöpft werden, ist Rojas dabei durchaus bewusst. Trotzdem will er mitmachen. Der Herausforderung wegen. Doch davor steht Bremen und vielleicht der Griff nach dem Weltmeistertitel, jedenfalls wenn Thor und Freya nicht wieder schlafen.