Schnüffeltechnik Großer, dummer Bruder
Kurz nach den Terrorattacken des 11. September, bei denen Tausende Menschen starben, kam es auf Einladung des amerikanischen Justizministers zu einem Treffen von Vertretern führender Internet-Provider.
Am 26. September verkündeten die US-Sicherheitsbehörden, bereits rund 350 Verdächtige identifiziert und verhaftet, 400 weitere zu Vernehmungen bestellt, 324 Wohnungen durchsucht und 3410 gerichtliche Vorladungen verschickt zu haben. Zwei Wochen später lag die Zahl der Inhaftierten bei rund 500, kurz darauf bei 1100.
Das eine hat eine Menge mit dem anderen zu tun. Im Rahmen der Fahndungen nach Terroristen, Sympathisanten und sonstigem Umfeld spielte ein System eine nicht zu unterschätzende Rolle, von dem Datenschützer und Bürgerrechtler seit langem mit Grauen reden: Carnivore, das direkt bei den Internet-Providern zu installierende digitale Schnüffelsystem des FBI.
Dem, behaupten manche, entgehe so gut wie nichts: Faxe, E-Mail, Surfverhalten, SMS-Nachrichten und - im Verbund mit den FBI-Systemen Fluent und Oasis - auch fremdsprachliche Dokumente und Anrufe würden erfasst, dokumentiert und weitgehend automatisch analysiert. Ein Alptraum, und das in mehr als einer Hinsicht.
Denn so "intelligent" und erfolgreich die modernsten Schnüffelsysteme der Welt arbeiten, wenn man sie auf spezifische Ziele richtet, so dämlich agieren sie bei dem Versuch, Nadeln in Heuhaufen zu finden. Und der Daten-Heuhaufen, den menschliche Kommunikationslust täglich auftürmt, ist verteufelt groß.
Nach dem 11. September 2001 fragten viele: Wie war das möglich, wo doch Carnivore und Echelon, Fluent und Oasis, Tempest und ungezählte geheime und namentlich nicht bekannte Spionage- und Schnüffelsysteme mit nichts anderem beschäftigt sind, als die weltweite Kommunikation zu überwachen, auszuspionieren, sie zu dokumentieren und zu analysieren?
Die Antwort darauf ist eine Zahl: Drei Milliarden
Drei Milliarden Faxe, SMS-Nachrichten, Anrufe und E-Mails gehen täglich allein durch die Kabel und über die Satelliten, die von Echelon überwacht werden - über Grenzen hinweg, teils verschlüsselt oder in exotischen Sprachen verfasst. Das ist einerseits eine konservative Schätzung, andererseits nur ein Bruchteil des weltweiten Gesamtaufkommens.
Echelon erfasst diese unermesslich große Kommunikationsflut - und schafft dies zugleich doch nicht, sagt einer, der es wissen muss: Gerhard Schmid, Europa-Abgeordneter und bis vor kurzem EU-Berichterstatter in Sachen Echelon. Schmid weiß eine Menge darüber, und er glaubt, die Fähigkeiten des amerikanisch-britischen Spionagesystems recht gut einschätzen zu können.
In seiner Sicht hat Echelon zwei Seiten, und die sind unterschiedlich gefährlich. Präzise auf ein Ziel gerichtet leiste Echelon ganze Arbeit, könne etwa den Kommunikationsfluss eines Unternehmens ziemlich deckend überwachen. Eine Erkenntnis, die ihn und EU-Kommissar Erkki Liikanen schon Anfang des Jahres veranlasste, die Unternehmen in der EU dazu zu mahnen, Verschlüsselungs-Software einzusetzen.
Doch Industriespionage ist nicht die Seite von Echelon, die Bürgerrechtlern und Datenschützern Kopfschmerzen bereitet. Wie steht es um die angeblich existierende Vollüberwachung aller Kommunikation in Europa? Um die Totalüberwachung des "kleinen Mannes"?
Im zweiten Teil: Während Politiker mit High-Tech prahlen, müssen Fahnder mit Steinzeit-Rechnern leben und arbeiten. So bedrohlich die Szenarien wirken, besieht man das "große Ganze", als so aberwitzig entpuppen sie sich, betrachtet man sie im Detail. Weiter
Ist es nicht so, dass Echelons Filter alles erfassen können?
In dieser Hinsicht, sagt Schmid, sei Echelon "eine Schrotflinte"
Soll heißen: Man ballert irgendwo hin, vieles fällt zu Boden - und kaum etwas davon wollte man auch treffen.
Die bei weitem meisten der nach der WTC-Katastrophe wegen Terror-Verdacht Inhaftierten in den USA sind längst wieder frei. 550 Menschen hingegen schmoren weiterhin hinter Gittern, die meisten wegen Pass- und Einwanderungsdelikten.
Auch Carnivore ist eine Schrotflinte, ein Instrument der Rasterfahndung - und die ist notorisch erfolglos, was ihre eigentlichen Ziele angeht. So führte der deutsche Rasterfahndungs-Wahnsinn der Siebziger bewiesenermaßen nur zu einer einzigen Verhaftung: 1979 verbuchte das BKA mit der Verhaftung von Rolf Heißler den ersten und einzigen Rasterfahndungs-Erfolg. Alle anderen Zugriffe auf RAF-Täter kamen durch klassische Polizeiarbeit zu Stande. Bundesinnenminister Otto Schily hält trotzdem am Instrument der Rasterfahndung fest: Das sei ein "sehr erfolgträchtiges" Instrument - und das würde Schily gern mit neuesten technischen Möglichkeiten aufrüsten.
Das würde den Fahndungsbehörden eine Flut von Datenmaterial bescheren, obwohl sie schon jetzt nicht mehr mit dem zurecht kommen, was heute über die Leitungen, aber auch durch Akten, Karteikartenkästen und über Schreibtische geht.
Das Problem könnte aber auch größer kaum sein: Die schier unermessliche Daten-Masse, die menschliche Kommunikationssucht täglich produziert, sprengt die Kapazitäten heutiger Rechner bei weitem. Sicher, erfassen kann das Mega-Schnüffel-System Echelon diese magischen drei Milliarden digitalen Botschaften vielleicht noch (Festplatten sind billig, Arbeitsspeicher auch). Aber sie sinnvoll dokumentieren, wirklich analysieren?
Das gelingt auch den Search Engines des Webs nicht: Sie stehen - rein numerisch - ja vor ähnlichen Aufgaben. Aus einer Vielzahl von Dokumenten sollen sie nach den Vorgaben eines Filters möglichst sinnvolle Treffer aussortieren. Eine Arbeit, die am Ende in aller Regel nur der Surfer selbst erledigen kann - ohne je zu erfahren, welche Kleinodien die Search Engine ihm mit seiner Grobauswahl vorenthalten hat.
Wer aber soll die Suchergebnisse der Schnüffelcomputer aus drei Milliarden Botschaften in zahlreichen verschiedenen Sprachen sichten und bewerten? Wer analysiert das 20-minütige Gespräch über Stützstrümpfe und Verdauungsprobleme darauf, ob es vielleicht einen Code enthält? Die Entscheidung, eine Personaldecke einzuziehen, die das ermöglichte, könnte man werbewirksam in jedem Wahlkampf einsetzen: Vollbeschäftigung durch Geheimdienstarbeit.
Doch auch das ist natürlich Unsinn, denn die wenigsten Arbeitslosen sprechen Arabisch, Urdu, Suaheli oder Baskisch. Da kann es dann kaum verwundern, dass es Ende September auch aus FBI-Kreisen klagend tönte, man könne gar nicht genügend viele gute Übersetzer finden, um all die schönen Mitschnitte auch auszuwerten. Und überhaupt sei der Bestand an Computern und Software ja dermaßen veraltet, dass die Polizeibehörden kaum vorankämen mit ihrer Arbeit.
Das kennen die deutschen Kollegen auch gut. In das seit zehn Jahren in Entwicklung befindliche Polizei-Netzwerk Inpol-Neu haben BKA und Landeskriminalämter bisher rund 100 Millionen Mark investiert und werden - laut Rechnungshof - bis 2005 insgesamt geschätzte 280 Millionen Mark in das so prestigeträchtige, wie kraftvoll geplante IT-System versenken.
Jawoll, versenken - denn das System funktioniert nicht. Und hier geht es um BKA und LKA - die oberste Kruste der deutschen Polizeihierarchien. Wie es IT-mäßig in deutschen Polizeiwachen aussieht, steht auf einem völlig anderen Blatt. Beamte der hoch gelobten Münchner Kripo hatten noch im Sommer Probleme, Anzeigen zu überprüfen, die auf Straftaten in P2P-Börsen verwiesen: Es gab keine Rechner, mit denen man sich da hätte einloggen können.
Der Start von Inpol-Neu, der mit einer groß angelegten Erneuerung auch der Terminal-Bestände bei BKA und LKAs einher gehen sollte, wurde gerade von Ostern 2001 auf frühestens Oktober 2002 verschoben. Der Haushaltsausschuss des Bundestages ist nicht länger willens, der IT-Ruine Geld hinterher zu werfen.
Wie beruhigend, dass die Berliner Polizei bereits zum Entsatz eilt, wie die "Bild" am 13. November meldete: "Polizei baut Super-Informations-Computer auf." Im "Netzwerk Intelligence" der Berliner sollen dann die Infos aus Polizeiabschnitten und LKA-Direktionen zusammenlaufen. Das klappt auch bei BKA und LKA noch leidlich, seit man sich dort zu einem kleinen Kompromiss durchgerungen hat: Bis Inpol-Neu läuft, nutzen die Behörden einfach das alte System weiter, das einigermaßen funktioniert. Software und Terminals des alten Inpol-Systems haben übrigens satte 30 Jahre auf dem Buckel: Das verhindert zwar Recherchen in P2P-Börsen, ist aber noch Wertarbeit. Na dann, Berlin: Toi, toi, toi beim "Aufbau" des "Supercomputers".
Auch das FBI setzt auf Rechner, wenn Experten fehlen
Als das FBI im Oktober diesen Jahres ausgesuchten Journalisten die Hexenküchen seiner Kellergeschosse öffnete, da waren die Tränen über fehlende Übersetzer schon wieder getrocknet: Stolz führten die Verantwortlichen unter anderem ihr Fluent-Programm vor.
Aufgabe des Schnüffelhelfers: die automatische Übersetzung von Kommunikation aus diversen Sprachen ins Englische, damit die Nachrichten dann diverse Filter durchlaufen können, um potenziell verdächtige Wortkonstellationen zu finden. Analog verfahren die Fahnder mit massenhaft erfassten Telefonaten, die von einer Spracherkennungs-Software seziert werden. Noch ein Alptraum, zumindest für jeden, der je einen koreanischen Staubsauger gekauft, seiner Textverarbeitung einen Brief diktiert oder Babelfish im Web benutzt hat.
Es gibt natürlich die Experten, die kryptische Andeutungen über die unfassbare Potenz der Geheimdienst-Software machen: Klassen besser sei die als alles, was der freie Markt je hervorgebracht habe. Ein unabhängiges Institut, das auf öffentlichen Druck hin Anfang 2001 Carnivore unter die Lupe nehmen durfte, zog ein anderes Fazit: Die Software unterscheide sich kaum von handelsüblicher Software, mit der immer mehr Arbeitgeber ihre Angestellten beschnüffelten.
Doch selbst wenn die Programme alle perfekt laufen, schnüffeln, horchen, übersetzen, filtern: Wie wahrscheinlich ist es wirklich, dass sich auf diese Art und Weise präventiv Kenntnisse erlangen lassen? Dass man auf diese Weise große Bevölkerungsgruppen tatsächlich "überwachen" könnte? Wie findet man sie, die wirklich wichtigen, die relevanten Informationsfetzen in der Kakophonie von drei Milliarden Trivialitäten am Tag?
Indem man klug sucht, sagen die Verfechter der Schnüffeltechniken, die darauf bestehen, dass man mit ihren Technologien auch künftige Terrorakte verhindern könne. Die Zusammenstellung, Zahl und Richtung der streng geheimen Suchwort-Ketten, die für Carnivore eingesetzt werden, munkelt es kryptisch aus FBI-Kreisen, werden "täglich geändert".
Na und?
Völlig zu Recht wenden Skeptiker ein, dass das WTC-Desaster nicht verhindert werden konnte, obwohl die Sicherheitsbehörden auch elektronisch nach Terroristen fahndeten. Mehr noch: Wochen nach der fatalen Attacke wurde ruchbar, dass man in den Datenbeständen von Echelon sogar einzelne Indizien gefunden habe, die sich im Nachhinein zu Hinweisen auf die Planung der Terrorakte vom 11. September montieren ließen.
Doch wie sagt der Volksmund?
"Nachher ist man immer schlauer"
Im dritten Teil: Die meisten Technologien zum Beschnüffeln großer Bevölkerungsgruppen sind nichts als Instrumente der Rasterfahndung. Die ist zwar außerordentlich erfolglos, aber lästig - und droht uns von allen Seiten. Irgendwann wird selbst das eigene Auto zur fahrenden Wanze. Weiter
Das gilt, wenn man John Pike, dem Chef des Unternehmens GlobalSecurity glaubt, ganz besonders für digitale Schnüffelsysteme, die für nachträgliche Rasterfahndungen eingesetzt werden: Sie liefern eine Unmenge an Materialien und an möglichen Verdächtigen. Daran werde man sich gewöhnen müssen, wenn man sich dazu entschließe, solche Techniken einzusetzen. 550 so ganz nebenbei wegen Pass- und Einwanderungsdelikten Inhaftierte dürfen sich gerade hinter Gittern daran gewöhnen.
Die Kritiker der Schnüffel-Fans glauben nicht, dass beim massenhaften Einsatz digitaler Überwachungsmethoden irgend etwas Sinnvolles herauskommen könne: Viel zu einfach sei es, digitale Schnüffelprogramme auszutricksen. Dafür reiche es schon, Schlüsselworte durch harmlose Alternativen zu ersetzen. Ein Briefwechsel über die Muppets ginge wohl wirklich im digitalen Rauschen unter: Was aber, wenn sich hinter Kermit, dem Briefschreiber X "eines vor die Glocke" geben wollte, Georg W.Bush verbergen würde?
Primitiver geht es kaum: Wer an den Erfolg digitaler Schnüffelsysteme durch flächendeckende Kommunikationsüberwachung glaubt, der geht davon aus, dass Terroristen, Attentäter und Kriminelle im Klartext von ihren Plänen sprechen würden. Das Gegenteil ist der Fall: Da wird verschlüsselt, was das Zeug hält.
Grund genug für aktuelle Forderungen nach digitalen "Vermummungsverboten", einer "Ausweispflicht" im Web und - natürlich - nach Verschlüsselungsverboten. Weil es gerade Kriminelle so an sich haben, auf Verbote gern zu pfeifen, gehen die amerikanischen Behörden noch einen Schritt weiter: Das FBI bemüht sich derzeit, die Genehmigung zu bekommen, auf den Rechnern von Verdächtigen Trojaner zu installieren, um Passworte und Kryptografie-Schlüssel auszuforschen. Schon soll es für dieses geplante Projekt "Magic Lantern" zu ersten Verhandlungen mit Virenschutz-Softwareentwicklern gekommen sein, damit deren Sicherheitssoftware nicht etwa auch die guten kleinen FBI-Trojaner kille.
Das ist nur konsequent. Richtig erfolgreich sind die digitalen Schnüffelmethoden ja nur dann, wenn sie zur gezielten Observation eingesetzt werden. Als Schüttelsiebe sind Echelon, Carnivore und Co. nicht tauglich: Große Ohren, zu wenig Hirn. Setzt man sie jedoch als Trichter ein, durch den alle Kommunikation eines Observierten laufen muss, dann sind sie kaum zu schlagen.
Da bleibt dann nur die Frage, warum die Law-and-Order-Fraktion überhaupt weltweit nach flächendeckender Observation ruft. Nur weil sie, wenn sie alle belauschen darf, nicht mehr nach einer Genehmigung für die Observation Einzelner fragen muss? Weil es prinzipiell keinen großen technischen Unterschied zwischen Netzüberwachung und Lauschangriff gibt?
Seit dem 11. September stößt all das selbst in den einst Freiheits-verliebten USA kaum mehr auf Kritik. "Wired", einst die Hauspostille der Cyber-Befreiten, die wie John Perry Barlow bereits die Selbstauflösung des Nationalstaates in einer grenzenlosen Cyberia nahen sahen, heißt seine Leser in der Dezemberausgabe willkommen in der Überwachungsgesellschaft. Tenor des Artikels:
Gewöhnt euch dran, Leute
So wie die Briten? Im europäischen Mutterland der Überwachung wird jeder Bürger im öffentlichen Raum durchschnittlich alle fünf Minuten einmal fotografiert oder gefilmt. Hier liegt die wirkliche Gefahr: nicht im "gläsernen Bürger", sondern darin, dass der öffentliche Raum zum Aquarium wird. Genau darauf zielen die Befürworter digitaler Beschnüffelungstechniken: Es geht nicht um die Durchleuchtung des Einzelnen, sondern um die Kontrolle des öffentlichen Raumes.
Die Berechtigung solcher Maßnahmen wird etwa in Großbritannien kaum in Zweifel gezogen: Schon Anfang der Neunziger gingen die kindlichen Mörder des Kleinkindes James Bulger den Fahndern nur deshalb ins Netz, weil sie zufällig von einer Überwachungskamera beobachtet wurden. Ein Killerargument im wahrsten Sinne des Wortes, das in Großbritannien einen in der westlichen Welt beispielslosen Boom in der Video-Überwachung des öffentlichen Raumes ermöglichte. Und wieder: Die Überwachung verhinderte nichts, sie "half" nur im Nachhinein.
Im Nachhinein wurde nun auch bekannt, dass das von der britischen Regierung nach dem 11. September auf den Weg gebrachte Telekommunikations- und Internet-Überwachungsprogramm für alle Polizeibehörden und Geheimdienste zugänglich sein wird. Die Einsetzung einer Kontrollinstanz planen die Briten derzeit nicht, was ein paar kritische Zeitungskommentare zur Folge hatte. Auf die Barrikaden ging jedoch niemand: "Datenschutz" ist ein Wort, das sich nicht im englischen Wortschatz findet.
Das englische Modell stand nun auch Pate bei den Beratungen rund um das Freitag letzter Woche verabschiedete internationale Cybercrime-Paket. Schnüffeln ist Trend.
Manchmal heißt "Schnüffeln" noch nicht einmal so
Weltweit wird etwa an der Entwicklung intelligenter Verkehrsleitsysteme gearbeitet, die den Verkehr observieren und leiten. Ein aktueller amerikanischer Ansatz: die Aufzeichnung der Bewegungsmuster von Mobiltelefonen, um daraus Informationen über Staus und andere Verkehrsereignisse zu deduzieren. Im Bedarfsfall wird dann das Handy zur Wanze, wenn der bis dahin anonyme "Staumelder" aus anderen Gründen zum gesuchten Mann wird. Auch als technische Innovationen bejubelte Autos mit GPS-Systemen und Online-Anbindung bieten nicht nur dem Käufer zahlreiche luxuriöse Dienste, sondern auch etwaigen Überwachern: Die Ausgaben für eine Wanze können auch hier wohl künftig entfallen.
Auch dass Nottingham es über die Installation der weltweit größten Kameradichte im öffentlichen Raum geschafft hat, seinen Stadtkern zu entkriminalisieren, ist weltweit von Stadtplanern und Polizeivertretern beobachtet und anerkennend vermerkt worden. Personalausweise - so wird parallel in den USA, Großbritannien und Deutschland diskutiert - sollten künftig mit Fingerabdrücken ausgestattet werden. Der deutsche Tinten-Ansatz ist da gegenüber den genetischen Finderabdrücken, die in der angelsächsischen Welt diskutiert werden, geradezu moderat.
Aber es gibt ja nicht nur Finger, sondern auch Gesichter: Die Tatsache, dass die bereits zunehmend auf Flughäfen installierten Gesichtserkennungssysteme vorn und hinten nicht funktionieren, kann dabei kaum beruhigen. Im Gegenteil: Wie viele der geplanten und bereits umgesetzten Schnüffel- und Kontrollsysteme verspricht auch dieses nicht mehr Sicherheit, sondern mehr Belästigungen.
Droht uns also nun doch noch der "Big Brother"?
Irgendwie schon.
Nur ist der nicht - wie bei Orwell - allwissend, allgegenwärtig und perfide im Einsatz seiner Macht. Der Big Brother der westlichen Welt ist eher ein sehr, sehr großer, dummer Bruder mit mächtig breiten Füßen, der stets das Gute will und jedem auf die Zehen tritt. Einer, der - wenn er "Böse" fängt - mit vollen Händen in die Menge greift und erst dann beginnt zu sortieren.
Einer, der in "Kriterien" denkt, nicht in "begründeter Verdacht": Viele haben das schon längst ganz intuitiv erfasst. "Hoffentlich", sagte Frank Sarfeld Mitte September nur halb scherzhaft, "bin ich jetzt nicht verdächtig." Der Bertelsmann-PR-Mann hatte gerade einen neuen Job innerhalb Deutschlands angetreten - und Anfang September aufgehört, einmal wöchentlich nach New York zu fliegen.
Der dumme, große Bruder will den einzelnen Bürger nicht "gläsern" sehen, sondern alle Bürger in einem funkelnagelneuen, wunderschönen Aquarium. Dass man ihm deshalb vorwirft, er knabbere an den Rechten der Bürger, verletzt ihn wohl tatsächlich, wie wohl auch Otto Schily, der missverstandenste Minister im Kabinett, bestätigen könnte.
Dabei ist die große Schnüffel-Innovationswelle doch genau das, was auch der Bürger will, der Big Brother schließlich an die Macht bringt und dort hält: Der Bürger will mehr Sicherheit (auch wenn das Freiheit kostet), er will mehr Observation (solange die anderen observiert werden).
Rund 68 Prozent aller deutschen Surfer finden es "wichtig" oder "sehr wichtig", sich auch weiterhin anonym im Web bewegen zu können - sagt die neueste W3B-Umfrage des Marktforschungsunternehmens Fittkau & Maaß. Dort kann man dann auch nachlesen, dass rund 71 Prozent aller Surfer dafür plädieren, dass das Internet künftig "durch Polizei und Ermittler besser überprüfbar und überwachbar" ist.
Der "Durchschnitt", scheint es, will wie Big Brother ein aufgeräumtes, sicheres Aquarium, in dem man sich in der Anonymität des Schwarms weiter lustig bewegen kann. Dass der große Bruder, wenn er zum Fahnder wird, zunehmend den ganzen Schwarm hopsnehmen wird, daran wird man sich gewöhnen. Die meisten kommen ja wieder frei. Außer sie haben was verbrochen. Irgendwas.