Schweden Prostituierte entdecken das Internet
Stockholm - Schwedens führende Position bei der Nutzung des Internet hat sich offensichtlich auch unter den Prostituierten herumgesprochen. Gut ein Jahr, nachdem der Kauf von Sexdiensten unter Strafe gestellt worden ist, werden Kontakte im horizontalen Gewerbe fast nur noch übers Internet geknüpft.
Webseiten und E-Mail-Adressen machen die weitgehend anonyme Kontaktanbahnung möglich. Auch Handys mit ständig wechselnden Nummern werden nach Erkenntnissen der Polizei von den Prostituierten genutzt.
Weil in Schweden praktisch jeder Mann entweder daheim oder bei der Arbeit Zugang zum Internet hat, erreichen die Dirnen auf diese Weise einen viel größeren, lukrativeren und schwerer zu kontrollierenden Markt als früher auf der Straße.
Die Polizei versucht zu reagieren: Mit dem Kriminologen Erik Krosaas wurde ein Computerexperte verpflichtet, der die moderne Form des gewerblichen Sex-Handels untersuchen und Fahndungsmöglichkeiten austüfteln soll.
"Den Straßenstrich haben wir bestens im Griff, aber im Internet kennen wir uns doch nicht so gut aus", bekannte Per-Uno Haagestam, Chef der Stockholmer Prostitutionsbekämpfung im "Aftonbladet".
Haagestam ist von Alter und Erscheinung der Prototyp des erfahrenen Kommissars - ein Mann, den so leicht kein Verbrechen aus der Fassung bringen kann. Doch die Prostitution übers Internet erwischt ihn auf dem falschen Fuß. Der PC in seinem Büro hinter dem Bahnhof wirkt wenig genutzt.
Haagestam und seine Fahnder sind nicht hinter den Prostituierten her. Denn deren Aktivitäten sind nach schwedischem Recht für Volljährige durchaus legal. Kriminell verhalten sich aber seit dem 1. Januar 1999 die Freier.
Seitdem hatten Polizeibeamte immer öfter hinter Büschen Stellung bezogen, um die Käufer sexueller Dienste in flagranti zu ertappen. 18 von ihnen gingen der Polizei in den ersten zwölf Monaten ins Netz, und alle hatten sie Dienste vom Straßenstrich in Anspruch genommen.
Als Beweismittel vor Gericht legte die Polizei unter anderem benutzte Kondome und Filmaufnahmen von Oralverkehr vor. All dies dürfte unmöglich sein, wenn sich Freier und Hure per E-Mail und Handy in einem Hotel verabreden.
Koraas ermittelte, dass mit dem weitgehenden Wegfall der Straßenprostitution auf beiden Seiten auch neue Gruppen aktiv geworden sind. Die Kundschaft der Internet-Prostituierten bestehe aus überwiegend gut gebildeten Männern. Unter den Prostituierten gebe es einen sehr starken Zuwachs an "Teilzeit-Beschäftigten" aus der schwedischen Provinz, die lediglich zur Arbeit in ein Stockholmer Hotel reisten.
Die Kundschaft aufzuspüren ist für den Kriminologen "schwierig, aber machbar": "Es gibt immer Leute, die Webseiten anlegen, auf E-Mails antworten und das Booking organisieren müssen." Juristisch soll nun geprüft werden, ob die Überwachung des E-Mail-Verkehrs von Prostituierten denkbar ist oder einen Verstoß gegen das Postgeheimnis darstellt.
Thomas Borchert