Seltsame Konzepte Kommunikation per Geruch
Die gute Nachricht vorweg: Der Wunderbaum hat ausgedient. Stattdessen könnten, wenn es gut läuft für das japanische Unternehmen NTT Communications, schon bald Schwaden von Wohlgerüchen durch unsere Wohnungen wabern - per Handy ausgewählt und an den heimischen Zerstäuber übermittelt.
Besonders liebliche Düfte kann man - Social Network lässt grüßen - per "Playlist" mit Freunden teilen und tauschen, und überhaupt wird die Dufttechnik unser aller Online-Leben von Grund auf verändern. Die nächste E-Card oder SMS mit Blumengruß-Motiv wird dann vom entsprechenden Duft untermalt.
Wer sich jetzt gruselt, der hat vielleicht noch die letzten Duft-Experimente mit TV-Geräten im Sinn. So etwas klingt (und riecht) gut, wenn man die Idee anhand einer Dokumentation über Tulpenfelder in Holland demonstriert - aber was, wenn man im Fernsehen einen Bericht über Hundekot in der Großstadt sieht - und danach einen Beitrag über den Hamburger Fischmarkt?
John Waters, in den siebziger und achtziger Jahren schräger Kultregisseur mit seltsamen Ideen, ließ seine Zuschauer schon 1981 an "Odorama"-Karten schnuppern, um bei Vorführungen seines Machwerks "Polyester" die unappetitlichsten Szenen olfaktorisch zu stützen. Waters erlebte in der Folgezeit übrigens einen ziemlichen Karriereknick.
Auch auf dem Feld des geruchsunterstützten Bewegtbildes ist NTT seit Jahren aktiv, hat inzwischen aber dazugelernt. Bei einem kürzlich vorgestellten Duft-Großbildschirm wittert NTT Vermarktungschancen vor allem in der Werbung. Biergeruch, wiesen japanische Marktforscher nach, animiert demnach Menschen zum Trinken. Das ist plausibel und als Effekt nicht nur aus dem Tierreich (Schmetterlinge, Wespen, Bienen), sondern auch von Volksfesten her bekannt: Ein satter Biergeruch lockt die Trinker aus vielen Kilometer Umkreis direkt zum Fass.
Ob die Welt außerhalb Japans, wo laut NTT 56 Prozent der Wohnbevölkerung entweder aktiv Aromatherapie genießen oder an deren Heilwirkung glauben, unbedingt auf einen per Handy steuerbaren Zerstäuber mit 16 frei mischbaren Grundessenzen wartet, darf bezweifelt werden. Alle Versuche, Spiele oder Filme mit nasalen Erlebnissen zu verknüpfen, waren bisher völlige Flops. Immerhin bekommt man hier nur Gerüche in die Nase, die man selbst vorher per Handy "herunterlädt": Die Rezepturen übermittelt man dann per Infrarot an den Zerstäuber. Was natürlich auch kein vollkommener Schutz vor Schabernack oder Geruchs-Trojaner bedeutet: Wer garantiert schon, dass der nutzergenerierte Duft "Geranie" nicht nach Gülle riecht?
Immerhin: Der Spaß soll noch nicht einmal allzu teuer werden. Die Testphase des "kaori tsushin"-Dienstes beginnt in dieser Woche, die Zerstäuber sollen bald darauf für rund 125 Euro in den Handel kommen. Das riecht nach einem guten Geschäft, zumal die Nachfüllpatronen (von denen man 16 braucht!) noch einmal mit rund 10 Euro pro Stück zu Buche schlagen. Das Produkt steht zudem fast konkurrenzlos am Markt - wenn man von so analogen wie preiswerten Alternativen wie Duftkerzen oder Blumensträußen einmal absieht.
pat